Civic statt Geuro

11.06.2012

Griechenland braucht eine neue Währung neben dem Euro, fordert der belgische Währungsexperte Bernard Lietaer

Grexit oder Geuro? Wenige Tage vor den Wahlen im Griechenland wird die Debatte über den Verbleib im Euro wieder lauter. Der Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer hat die Einführung einer Parallelwährung namens "Geuro" vorgeschlagen, um einen Austritt aus dem Euro ("Grexit") zu vermeiden. Doch der "Geuro" ist nicht zu Ende gedacht, sagt der belgische Währungsexperte Bernard Lietaer. Die neue Währung müsse sich auf Steuereinnahmen stützen, sonst sei sie wertlos. Lietaer, der in den 80er Jahren an der Einführung des Euro-Vorgängers ECU beteiligt war, setzt sich schon lange für Komplementärwährungen ein. Er hat auch eine neue Weltwährung namens TERRA vorgeschlagen, die Dollar und Euro ersetzen und die Weltwirtschaft auf Nachhaltigkeit ausrichten soll.

Sie sind Währungsexperte und haben in den 1980er Jahren an der Einführung des ECU mitgearbeitet, dem Vorgänger des Euro. Was denken Sie über die Eurokrise? Kam sie für den Fachmann völlig überraschend?

Bernard Lietaer: Ich fürchte, sie war absehbar. Der Euro wurde zwar technisch gut vorbereitet, doch man hat sich nie wirklich Gedanken über die Gouvernance, also eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik, gemacht. Das hat man 30 Jahre schleifen lassen. Eine konventionelle Währung wie der Euro gleicht jedoch einem Kartenhaus. Man braucht eine starke Gouvernance, wenn sie nicht zusammenbrechen soll. Das lässt sich nicht mal eben mitten in einer Krise improvisieren.

Bernard Lietaer. Bild: B. Lietaer

Immerhin gab es den Stabilitätspakt, der für Disziplin sorgen sollte. Und jetzt will Kanzlerin Merkel den Fiskalpakt einführen.

Bernard Lietaer: Merkel kuriert doch nur an den Symptomen herum. Das ist wie eine Aspirin-Tablette gegen Kopfschmerzen. Wenn ich eine ernste Krankheit habe, bringt das gar nichts.

Heißt das, dass es jetzt schon zu spät ist? Ist der Euro dem Tode geweiht?

Bernard Lietaer: Das kann derzeit niemand sagen. Es ist gut möglich, dass die Krise auch den Euro selbst erfasst. Bisher ist er ja relativ stabil, er hat gegenüber dem Dollar nur leicht nachgegeben. Doch wenn die Dinge sich beschleunigen und eine Kapitalflucht einsetzt, kann es ganz schnell zu Ende gehen. In Spanien sieht man ja schon erste Anzeichen. Ich hoffe, dass das auch Frau Merkel begreift.

Griechenland wurde zur Achillesferse des Eurosystems

Das Hauptproblem ist derzeit allerdings Griechenland. Kann es in der Währungsunion bleiben oder sollte es den Euro aufgeben?

Bernard Lietaer: Tja, es sieht tatsächlich so aus, als sei Griechenland die Achillesferse des Eurosystems geworden - was für eine Ironie der Geschichte! Schließlich gilt Griechenland als Wiege der europäischen Kultur. Dort hat sich aber auch der Faschismus am längsten gehalten. Und dann gab es massiven Betrug bei der Einführung des Euro und bei der Budgetpolitik. Doch die Tricks haben die Griechen nicht allein erfunden, sie ließen sich von Goldman Sachs beraten...

...also müssen die Griechen raus aus dem Euro?

Bernard Lietaer: Aber nein, warum denn? Es wäre sogar eine große Dummheit, den Euro ausgerechnet jetzt zu verlassen! Schließlich ist Griechenland schon seit einiger Zeit zahlungsunfähig. Der Ernstfall hat längst stattgefunden, spätestens mit dem Schuldenschnitt im Frühjahr, trotzdem hat Griechenland immer noch den Euro. Außerdem wollen ihn 80 Prozent der Griechen behalten. Nein, was das Land jetzt braucht, ist eine zweite Währung!

Denken Sie an den "Geuro", den der Chefvolkswirt der Deutschen Bank Thomas Mayer vorgeschlagen hat? Also eine Art Parallelwährung?

Bernard Lietaer: Ja, genau. Mayers Ansatz ist richtig, denn er hat als erster Bankier erkannt, dass es nicht mehr ausreicht, an den Symptomen herumzukurieren. Wir brauchen einen neuen systemischen Ansatz.

Wie könnte der aussehen?

Bernard Lietaer: So ähnlich wie Mayers Geuro, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Mit der Parallelwährung müssen auch Steuern eingetrieben und bezahlt werden. Denn nur die Steuern verleihen einer Fiat-Währung ihren Wert.

Eine Regionalwährung parallel zum Euro

Wie kann man sich das praktisch vorstellen?

Bernard Lietaer: Nun, nennen wir die neue Währung CIVIC, das klingt besser als Geuro und deutet an, worum es mir geht. Die griechischen Städte und Gemeinden könnten das Recht erhalten, eine nur in CIVIC bezahlbare Abgabe einzuziehen. Um diese neue Währung zu erhalten, müssten die Bürger sich überlegen, was sie an sinnvollen Arbeiten für die Gemeinde tun können. Neue Bäume pflanzen, arbeitslosen Jugendlichen helfen, Fahrräder reparieren - alles ist möglich. Vereine und andere Nichtregierungsorganisationen könnten nützliche Jobs vorschlagen und die Leute dafür in CIVIC bezahlen. So würde eine soziale Parallelwirtschaft in Gang kommen, die nachfrageorientiert und demokratisch strukturiert wäre.

Klingt gut, aber was wird dann aus dem Euro?

Bernard Lietaer: Der Euro bleibt weiter die Währung für die Zentralregierung und die kommerzielle Wirtschaft. Das griechische Budget würde jedoch um all jene Dinge entlastet, die mit dem CIVIC erledigt werden. Warum sollte man die Hilfe für alte Menschen auf Rhodos für ein Problem der Zentralregierung in Athen opfern? Das ist die entscheidende Frage, der CIVIC würde sie lösen.

Und was passiert mit den Schulden, die im Euro angehäuft wurden? Kann Griechenland sie jemals zurückzahlen, oder wird man gezwungen sein, Konkurs anzumelden?

Bernard Lietaer: Mit einer Zwei-Währungs-Strategie wäre Griechenland in einer wesentlich besseren Position, um die Euro-Schulden zurückzuzahlen. Das Land könnte sogar die drohende Zahlungsunfähigkeit vermeiden.

Der Grund dafür ist, dass die Zentralregierung weiter Steuern in Euro eintreiben würde. Jene Unternehmen, die im internationalen Handel tätig sind (Schifffahrtsbranche, Tourismus, Import/Export) würden weiter Steuern auf ihre Gewinne in Euro zahlen. Andererseits müsste die Zentralregierung einen Großteil des Budgets nicht mehr in Euro finanzieren. Es handelt sich um jenen Teil, der derzeit Probleme bereitet: Bildung, öffentliche Verwaltung und alle sozialen Hilfsleistungen.

Die harten Kürzungen in diesen Bereichen führen dazu, dass das von Brüssel verordnete Austeritätsprogramm zurückgewiesen wird. Mit dem Civic können die Städte und Regionen diese Programme in Eigenregie übernehmen, statt sie einzustellen, wie es derzeit geschieht. Außerdem könnten sie stärker an die wahrhaft demokratischen Wünsche der Bürger angepasst werden. Außerdem würde der Civic eine keynseanisches Konjunkturprogramm darstellen: Er schafft neue Nachfrage an der Basis - und das ganz ohne Schulden für die Zentralregierung oder die Gemeinden.

Gibt es ähnliche Parallelwährungen nicht schon, z.B. in Bayern?

Bernard Lietaer: Nein, denn bisher hat niemand daran gedacht, sie auch für die Steuern zu nutzen. Die Steuern sind der Motor, der die neue Währung am Leben hält. Daran hat Mayer bei seinem Geuro nicht gedacht.

Derweil geht die Krise immer weiter, nun hat auch Spanien Probleme...

Bernard Lietaer: Ja, denn Griechenland ist letztlich nur Indikator für ein weit größeres, systemisches Problem. Das gesamte auf Schulden basierte Währungssystem ist auf Dauer zum Scheitern verurteilt. Und das gilt nicht nur für den Euro. Wir haben in den letzten 40 Jahren auf der Welt schon 425 Wirtschaftskrisen gehabt, darunter 72 Schuldenkrisen. Diesmal trifft es Europa, doch auch die USA sind nicht immun. Wie lange wird der Dollar noch bestehen? Ich stelle mir schon lange diese Frage. Wir müssen endlich die System-Probleme angehen, oder wir werden uns eine blutige Nase holen.

Wie könnte denn eine systemische Lösung aussehen?

Bernard Lietaer: Wir brauchen ein neues monetäres Ökosystem mit kleinen und großen Währungen. Wir brauchen lokale, nationale, europäische und weltweite Zahlungsmittel. Bisher haben wir eine Monokultur. Sobald ein kleines Problem auftaucht, geht alles kaputt, wie wir derzeit am Euro sehen. Es wird daher höchste Zeit, dass die Verantwortlichen über eine systemische Lösung nachdenken. Sonst bricht eines Tages das ganze Kartenhaus zusammen.

Weitere Informationen auf der Website von Bernard Lietaer sowie beim Club of Rome ("Money and Sustainability: the Missing Link).

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