In der Krise zeigen sich die wahren Neoliberalen

20.06.2012

Während amerikanische und britische Politiker in der Wirtschaftskrise versuchten, keynesianische Wirtschaftstheorien anzuwenden, hielten deutsche Politiker fast ausnahmslos am neoliberalen Wirtschaftsmodell fest

In der Krise war er plötzlich wieder da. Fast, wie aus dem nichts, tauchte der lange Zeit totgesagte britische Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes wieder auf und machte der neoliberalen Wirtschaftsschule ihren Anspruch auf Alleinerklärung der finanziellen Probleme streitig. Die oft in Zusammenhang mit dem angelsächsischen Turbokapitalismus gebrachte wirtschaftswissenschaftliche Theorie wurde jedoch deutlich weniger durch britische oder amerikanische Politiker propagiert. Hauptunterstützer dieser Theorie war vielmehr Deutschland. In einer kürzlich erschienenen Untersuchung wird detailliert dargestellt, wie deutsche Politiker dieses Modell weltweit als Lösung für die finanziellen Probleme der anderen versuchen durchzusetzen.

In der Studie Consensus, Dissensus and Economic Ideas: The Rise and Fall of Keynesianism During the Economic Crisis, die im März 2012 von Henry Farrell und John Quiggin vorgestellt wurde, zeigen die Autoren, wie stark der Einfluss der führenden deutschen Wirtschaftswissenschaftler auf die Politik der Bundesregierung ist.

Farrell, Dozent für Politische Wissenschaften an der Georg Washington Universität in Washington D.C., und Quiggin, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität of Queensland in Brisbane in Australien, zeigen detail- und faktenreich, wie die deutsche Regierung seit Beginn der Krise zum Hauptunterstützer einer neoliberal orientierten Wirtschaftspolitik wurde. In erster Linie, so die beiden Forscher, stelle der Einfluss einiger führender Wirtschaftswissenschaftler auf die unterschiedlichen deutschen Regierungen den Hauptgrund dar für die derzeitige deutsche Wirtschaftspolitik. Diese Wirtschaftswissenschaftler seien, mit kleinen Ausnahmen, durch und durch Anhänger der neoliberalen Schule.

"Von etwa Mitte der 1980er Jahre an, war es allgemeiner Konsens unter den Wirtschaftswissenschaftler, dass Keynesianismus nicht funktioniert." In der Folge, so die Autoren, verschwand der traditionelle Keynesianismus fast vollständig vom ökonomischen Lehrplan an den Universitäten. Zwar seien die Anhänger selbst nicht verschwunden, sie hätten sich jedoch in einer äußerst schwierigen Situation befunden. Auf wissenschaftlichen Kongressen nahmen die Anwesenden die keynesianistische Theorie nicht ernst. Die Zuhörer hätten zu tuscheln und miteinander zu kichern begonnen, wenn das Thema zur Sprache kam.

Erst nachdem die Krise 2008/09 immer dramatischere Auswirkungen zeigte, habe es eine Verschiebung der theoretischen Ausrichtung eines Teils der wirtschaftswissenschaftlichen Elite gegeben. In der Folge hätten sich internationale Debatten über Wirtschaftspolitik schnell in eine Konfrontation zwischen den USA, die eine kraftvolle koordinierte keynesianistische Antwort unterstützen, und Deutschland, das ebenso kraftvoll dagegen argumentierte, verwandelt. Nur durch internationalen Druck, ausgeübt durch die Vereinigten Staaten und Großbritannien, sei es letztendlich dazu gekommen, dass auch Deutschland bereit war, der angeschlagenen Konjunktur mit 20 Mrd. Euro auf die Beine zu helfen.

Der Rat der Wirtschaftsweisen

In erster Linie sei es der sogenannte Rat der Wirtschaftsweisen (Sachverständigenrat) gewesen, der durch seinen starken Einfluss die deutschen Regierungen immer wieder auf Linie gebracht hätte, so die Studie. Seit Anfang der 1970er Jahre sei der Sachverständigenrat äußerst anti-keynesianistisch eingestellt gewesen und nur für kurze Zeit, zu Beginn der Krise, habe der Sachverständigenrat zu einer Stimulierung des Wirtschaftswachstums geraten.

Der Sachverständigenrat selbst, so die Studie, sah sich dafür großer Kritik ausgesetzt. So zitiert die Studie den deutschen Volkswirtschaftler Stefan Homburger. Dieser sagte zu dem damaligen Vorsitzenden des Sachverständigenrates, Bernd Rürup:

Du (Rürup) und der Sachverständigenrat habt uns seit Jahren erzählt, dass ein Stimulusprogramm nicht funktioniert. Ihr sagt das sogar in eurem aktuellen Bericht! […]Ich kann einfach nicht verstehen, wie so viele Wirtschaftsprofessoren diametral ihre Position verändern können. Sind die alle verrückt geworden?

Mit Peter Bofinger sitzt im Sachverständigenrat derzeit nur ein einziges Mitglied, das der keynesianistischen Schule zugerechnet werden kann. Alle anderen Mitglieder stehen mehr oder weniger der neoliberalen Schule nahe. Zu welchen Auswirkungen diese seit Jahren einseitig betriebene theoretische Ausrichtung der Wirtschaftswissenschaften geführt hat, machte Bofinger in einem Interview mit der Financial Times Deutschland deutlich. Er habe in einer Studie untersucht, wie an deutschen Universitäten Makroökonomie unterrichtet werde.

In den Skripten und den Lehrinhalten hat sich bisher kaum etwas geändert. Eine Studie von Forschern der Uni St. Gallen kommt sogar zu dem Schluss, dass die überkommenen Modelle heute mehr denn je unterrichtet werden. Das Problem ist nicht nur, dass es bisher keine Lehrbücher gibt, in denen gezeigt wird, wie das Finanzsystem die Realwirtschaft destabilisieren kann. Professoren haben oft auch kein allzu großes Interesse daran, ihre Lehre an die geänderte Realität anzupassen.

Ganz offensichtlich liegt das Problem nicht nur beim derzeitigen Sachverständigenrat. Auch in der Zukunft wird daher wohl eher davon auszugehen sein, dass es unter den deutschen Wirtschaftswissenschaftlern keine größeren wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen theoretischen Schulen geben wird.

Ob eine wirklich wissenschaftliche Arbeit unter solchen monotheoretischen Gesichtspunkten überhaupt möglich ist, ist daher eher fraglich. Daher kann auch für die Zukunft damit gerechnet werden, dass die deutsche Regierung weiterhin fest an der Seite der Neoliberalen bleiben wird.

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