Spanien muss Anlegern Rekordzinsen zahlen

Ralf Streck 20.06.2012

Steigende Kreditausfälle und Steuerausfälle lassen auch nach der Griechenlandwahl die Refinanzierungskosten auf ein neues Rekordniveau klettern

Die spanischen Hoffnungen wurden erneut bitter enttäuscht, dass nach den Wahlen in Griechenland der Druck auf das Land nachlässt. Sehr deutlich wurde das am Dienstag, als die Iberer erneut Staatsanleihen versteigert haben. Madrid musste für Anleihen mit einer kurzen Laufzeit von 12 und 18 Monaten schon eine durchschnittliche Rendite von mehr als 5% bieten. Waren es am 31. Mai für Einjahresläufer mit knapp 3% ohnehin schon hohe Zinsen, schnellten sie in nur drei Wochen auf fast 5,1% hoch. Ähnlich sah es bei Papieren mit 18-monatiger Laufzeit aus. Die Rendite stieg von 3,3% auf über 5,1%.

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Am Primärmarkt hat sich wiederholt, was am Sekundärmarkt am Montag vorgegeben wurde. Zehnjährige spanische Anleihen wurden dort mit einem neuen Rekordaufschlag von fast 590 Basispunkten (Scheindebatte um Griechenland) gegenüber Bundesanleihen gehandelt. Die Rendite lag nicht nur über der Marke von 7%, an der Griechenland, Irland und Portugal unter den Euro-Rettungsschirm gehen mussten, sie stieg sogar auf über 7,2%. Am Dienstag stabilisierte sich die Lage am Sekundärmarkt. Der Risikoaufschlag ging leicht zurück, lag aber mit über 7% weiterhin zu hoch für das Land.

Es setzt sich immer stärker die Meinung durch, dass Spanien nicht nur eine Bankenrettung benötigt, sondern ganz unter den Rettungsschirm schlüpfen muss. So meinen Analysten der ING-Bank, das Land "benötigt ein Rettungsprogramm für drei Jahre". Sie rechnen vor, dass zu den 100 Milliarden Euro, die Spanien zur Bankenrettung aus dem Rettungsfonds beantragen will, etwa 250 Milliarden Euro für das Land hinzukommen müssen, um eine bezahlbare Refinanzierung zu ermöglichen. Vom Gang unter den Rettungsschirm spricht auch der Chefvolkswirt der Citigroup. Willem Buiter macht ebenfalls die hohen Zinsen dafür verantwortlich. Und auch der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn hält die Lage für bedenklich. Gegenüber einem spanischen Radiosender erklärte Amadeo Altafaj, es sei "offensichtlich, dass der Druck der Märkte längerfristig nicht zu ertragen ist".

Wie unerträglich hoch die Zinsen sind, wird etwa daran deutlich, dass sogar Portugal deutlich niedrigere Renditen für 12-monatige Anleihen bieten muss. Die Papiere gingen am Dienstag für einen Zinssatz von 3,9% weg. Die Nachfrage für Anleihen des spanischen Nachbars, der schon vor gut einem Jahr unter den Rettungsschirm ging (Portugal ein Jahr unter dem Rettungsschirm), war zudem größer als für spanische Anleihen.

Probleme in Spanien sind hausgemacht

Spätestens mit den Vorgängen nach den griechischen Wahlen ist klar geworden, dass Spanien unabhängig von Griechenland gesehen wird. Die konservative Regierung Spaniens hatte stets so getan, als wäre der Risikoaufschlag nur wegen der Unsicherheit über den Wahlausgang in Griechenland stark gestiegen. Doch eine Entspannung gab es nicht, nachdem der Wahlausgang sichert, dass sich die griechischen Konservativen im Bunde mit den Sozialdemokraten an die Rettungsauflagen halten wollen.

Die Probleme in Spanien sind hausgemacht und eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. So wurde bekannt, dass trotz der deutlichen Anhebung der Einkommensteuersätze die Steuereinnahmen nicht wie erhofft zugenommen haben, sondern sogar bis April um 0,2% gesunken sind. Es muss nun stark bezweifelt werden, dass die Mehreinnahmen von gut fünf Milliarden Euro fließen werden. Damit rücken die Defizitziele immer weiter in die Ferne. Verantwortlich ist dafür die Rezession, in die das Land tief hineingespart wird. Die ist auch dafür verantwortlich, dass immer mehr Kredite faul werden, wie die spanische Notenbank bestätigt hat. Nach Angaben der Banco de España ist die Kreditausfallquote im April auf einen neuen Rekordstand von mehr als 8,7% gestiegen.

Nun sind Kredite in einer Gesamthöhe von fast 153 Milliarden Euro faul. Das sind sechs Milliarden mehr als im März und 38 Milliarden Euro mehr als vor einem Jahr. Noch im März lag die Quote bei 8,36 und vor einem Jahr bei 6,3%. 23% der faulen Kredite stammen aus dem Baugewerbe und der Sektor ist für 58% der faulen Unternehmenskredite verantwortlich. Doch die extrem hohe Arbeitslosigkeit von 24% führt dazu, dass immer mehr private Hypothekenkredite nicht mehr bedient werden können. Die Summe wird nun mit fast 20 Milliarden Euro angegeben.

Kapitalbedarf der spanischen Banken bleibt unklar

Für neues Misstrauen sorgte am Dienstag die Ankündigung, dass die Ergebnisse der zweiten Prüfung von spanischen Bankbilanzen von Juli auf September verschoben wurden. Zwar wollen die Beratungsgesellschaften Oliver Wyman und Roland Berger am Donnerstag den Kapitalbedarf verkünden, den ihrer Meinung nach das spanische Bankensystem hat, doch wirklich aussagekräftige Daten über abstürzende Banken wird es erst im September geben. PricewaterhouseCoopers, Deloitte, Ernst & Young und KPMG benötigen zusätzliche Daten über die Kreditvergabe der Banken für ihren Stresstest.

Erwartet wird nicht, dass Zweifel am Bankensystem durch die Schnelltest-Ergebnisse am Donnerstag zerstreut werden. Dass die Prüfer für einen genaueren Blick in die Bilanzen zwei Monate mehr Zeit brauchen, lässt Befürchtungen ins Kraut schießen, dass sich neben der steigenden Zahl fauler Kredite weitere Milliardenlöcher tief in den Bilanzen verborgen sind. Dass Berger und Wyman den Kapitalbedarf nun mit bis 70 Milliarden Euro beziffern werden, wie verschiedene Quellen berichten, sagt nach Einschätzung von Experten real nur wenig aus.

Vor allem ist das Vertrauen gegenüber Oliver Wyman ohnehin nicht sehr groß. Die Prüferfirma hatte der Anglo Irish Bank, die Irland in den Abgrund und unter den Rettungsschirm gestoßen hat (Irlands Bankenrettung wird immer teurer), vor dem Absturz als "beste Bank weltweit" bezeichnet. Deloitte und Co wird mehr Realitätssinn zugetraut, schließlich hatten die Deloitte-Prüfer sich geweigert, die frisierten Bilanzen von Bankia abzuzeichnen, womit der ganze Vorgang um die Spanien-Rettung in Gang gebracht wurde.

Auf dem G20-Gipfel in Mexiko versucht der rechte spanische Ministerpräsident erneut durchzusetzen, dass die Banken direkten Zugriff auf die EU-Rettungsfonds erhalten. Erneut holte sich aber Mariano Rajoy eine Abfuhr, weil das die Verträge zum temporären Rettungsfonds (EFSF) genauso wenig vorsehen wie zum dauerhaften ESM. Eigentlich dürfte auf Spanien auch nicht die kleine Lösung angewendet werden, weil es die Kriterien für einen Kredit aus den Rettungsfonds, der nur der Bankenrettung dient, nicht erfüllt (Spanien stellt Nothilfe-Antrag). Diese Möglichkeit wurde ohnehin erst vor einem Jahr vereinbart.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37122/1.html
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