Da hatte ich wohl Vorurteile gegenüber Männern

Mal abgesehen von den üblichen Eifersüchteleien waren Frauen in Kitschromanen weitgehend fehlerfrei, doch mit "Falsch gewettet, Herzensbrecher?" erobert der Cora-Verlag neues Terrain

Die Protagonisten der Kitschromane des Cora-Verlages haben in den letzten Jahrzehnten Veränderungen durchgemacht, die auch auf die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft zurückzuführen sind. Vom Galan, der das arme Mädchen umgarnt, bis hin zum geheimnisvollen Fremden mit gewalttätigen Allüren über dem emotionalen Krüppel, der nicht anderes kann als leiden, hat sich die Figur des Mannes stets gewandelt, während der Frau, die zwar von der armen Waise zur erfolgreichen (Event)managerin aufsteigen konnte, ebenso stets eine Eigenschaft anhaftete, die sie den ganzen Roman lang definierte: Unschuld.

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Das ist nicht mehr in sexueller Hinsicht zu sehen, auch wenn die Jungfernhäutchen-Zerreißung in den Roman sehr oft eine Rolle spielt, die gerade auch von der männlichen Jagdsicht in Bezug auf die "Entjungferung" geprägt ist. Doch auch die geschiedenen, verwitweten oder jüngst entlobten Frauen sind letztendlich zwar medizinisch gesehen nicht mehr Jungfrau - aber eben in nichtmedizinischer Hinsicht die Unschuld vom Lande, die sich einem "Schurken" hingegeben hat (oft genug aus hehren Gründen wie z. B. dem, Geld für die lebensnotwendige Operation der Mutter zu erhalten oder der Schwester nach dem Verkehrsunfall, der sie gelähmt zurückließ, die aufwendige Operation in anderen Staaten zu ermöglichen etc.) auf einen ebensolchen hereinfiel, der sie ausgenutzt und betrogen hat; oder aber einen geliebten Partner verloren hat, der sie oft genug ohne Hinterlassenschaft zurückließ.

Zwar existieren durchaus intrigante Frauen im Cora-Universum, doch diese sind Staffage, sie dienen letztendlich dem Zweck, die emotionale Verkrüppelung des Mannes und/oder der Frau zu erklären. Die Protagonistinnen (die natürlich die weibliche Klientel ansprechen wollen und sollen) sind insofern immer in der Rolle der "Guten", wobei diese Rolle eher an der einseitigen Position der unsicheren Frau ausgelegt ist. Kurz gesagt: Der Mann hat sowieso immer Schuld an allem.

Aber ich musste das doch denken

Um in den Kitschromanen genügend Verwicklungen zu erzeugen, die dem Narrativ dann die übliche Reihenfolge "Kennenlernen, Annäherung, Verwicklung, Happy End" abspulen lässt, gibt es in den meisten Fällen Missverständnisse, die auf eine hohe Unsicherheit der Frau oder aber deren Ignoranz schließen lassen, was vielfach aber genau anders gedeutet wird. Wird der geliebte sexy Chef also dabei ertappt, wie sich die überaus attraktive Exfreundin an ihn schmiegt, so wird nicht etwa hinterfragt, wie unsicher die Frau ist (die daraus sofort schließt, der Chef wäre untreu), sondern der Chef (der sich nicht genug gewehrt hat) ist der Bösewicht, der dann all das "wiedergutzumachen" hat (was letztendlich ja gar nicht gutzumachen ist, da er nichts getan hat). Ob die Exfreundin dies einfädelte oder nicht: Der Mann ist schließlich in der Position des "Typisch-Mann"-Exemplars, der die unschuldige und zutiefst verletzte Frau seines Herzens von seiner eigenen Unschuld überzeugen muss.

Während in den meisten Romanen zwei ebenso unsichere Charaktere aufeinanderprallen, die ihre gegenseitigen erlebten Verletzungen am anderen auslassen, bis sie zueinanderfinden, tauchen in der letzten Zeit zunehmend auch Protagonisten auf, die Kritik an den Frauen üben, an deren Willen, jederzeit und überall Betrug und Verrat zu wittern; ihrer Unfähigkeit, sich mit dem Partner auseinanderzusetzen, statt davonzulaufen - und ihrer absoluten Überzeugung, stets im Recht zu sein.

Die Frauen aber, deren Unschuld eben in jeglicher Hinsicht weiterhin im Zentrum des Romans steht, reagieren auf derlei Kritik entweder empört, tränenreich oder mit einer "Du-bist-auch-nicht-besser"-Rhetorik, die zwar berechtigt ist, damit jedoch jegliche Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern unmöglich macht.

Ich habe mich geirrt, ich hatte Vorurteile

Umso überraschender ist, dass im Roman Falsch gewettet, Herzensbrecher? nicht nur das Internet eine große Rolle spielt, sondern auch die bisherige vermeintliche Vorurteilsfreiheit der Frau Federn lassen muss. Das Internet war bisher lediglich als Begleiterscheinung vorhanden, die Suchmaschine brachte Informationen, ein Blog war lästig durch seine spöttischen und zuweilen beleidigenden Beiträge über Prominente oder ein paar Emails wurden ausgetauscht. Doch das Internet (bzw. in diesem Fall ein Blog) in den Vordergrund zu rücken, ist eine durchaus neue Entwicklung innerhalb der Cora-Welt.

Die Internetseite, die im Roman von Nadia Keenan betrieben wird und den Frauen dazu verhelfen soll, sich "nicht zum Fußabstreifer zu machen", heißt "WomanBWarned":

Wenn du genug hast von grässlichen Dates und nicht bereit bist, dich weiter ausnutzen zu lassen, dann schau ab und zu auf unserer Webseite vorbei! Hier findest du viele nützliche Tipps, wie man es schafft, im Datingdschungel zu überleben, außerdem kannst du dich im Forum mit anderen Frauen über ihre Datingerfahrungen austauschen.

(Falsch gewettet, Herzensbrecher?)

So lautet die fiktive Intention der Internetseite, auf der schon die (natürlich ebenso fiktiven) Einträge der Damen, die sich zum Thema "Mister-3-Dates-mehr-nicht" äußern, Zeugnis darüber ablegen, wie die Damen dort gestrickt sind. So schreibt KoffeinQueen:

Also mal ehrlich: Ethan Rush ist ein echt scharfer Typ. Dumm nur, dass er das auch ganz genau weiß und alle Register zieht. Er schafft es im Handumdrehen, dich mit seinem Charme einzuwickeln und du hast den tollsten Sex deines Lebens mit ihm. Es haut dich voll um, du bist im siebten Himmel. Total verknallt. Und dann ist er auch schon weg.[...]Er ist einfach ein Dreckskerl.

Und wer abseits des "Die-arme-Frau"-Denkens überlegt, wer hier wen in welcher Form "reingelegt" hat, der muss letztendlich zugeben, dass er keine Ahnung hat, da nicht bekannt wird, was sich nun zwischen Ethan Rush und der "Koffeinqueen" ereignet hat.

Im weiteren Verlauf des Romans wird Ethan Rush nicht nur Nadia Keenan besuchen und sie darauf hinweisen, dass ihre Webseite auch durch die Kommentarfunktion die Möglichkeit zur Verleumdung bietet, sondern er wird natürlich auch Nadia dazu überreden, mit ihm auszugehen, um ihr zu zeigen, dass er keineswegs so ist, wie es auf "WomanBWarned" dargestellt wird. Dass sie sich am Ende dann (trotz aller Anfeindungen am Anfang) doch als Paar wiederfinden, ist wenig überraschend. Doch die Geschichte folgt nicht nur der typischen Screwballidee - sie hat auch einige überraschende Seitenhiebe in Bezug auf weibliche Vorurteile parat.

Rachsüchtige Frauen? Gibt es nicht!

So erläutert Ethan Rush, dass der Thread, der sich mit seiner Person befasst, vor Verleumdungen strotzt, worauf hin Nadia verlangt, er solle diese Verleumdungen doch mit der Wahrheit entkräften:

Wenn mich nicht alles täuscht, ist die Rechtslage genau umgekehrt wie auf Ihrer Seite, Nadia. Das sollten Sie eigentlich wissen. Ein Mensch gilt solange als unschuldig, bis seine Schuld zweifelsfrei erwiesen ist. In Ihrer kleinen Welt aber gilt er als schuldig, bis er seine Unschuld selbst bewiesen hat. Gibt Ihnen das nicht zu denken?"

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. "Die Männer, über die auf meiner Homepage aufgeklärt wird, sind schuldig.

Informationen zur "Partnersuche in der heutigen Welt" nennt Nadia das, was auf ihrer Homepage kommuniziert wird - und die Idee, dass rachsüchtige Frauen sich der Webseite bedienen, wird von ihr in die Welt der Verschwörungstheorien, die von Männern wie Ethan in die Welt gesetzt werden, abgetan.

Der Roman zeigt erstaunlich viel Humor, wenn er Nadia einen bewusst künstlerischen Film aussuchen lässt, der Ethan anöden soll, ihn aber wider Erwarten durchaus amüsiert, dafür aber neben den französischen Untertiteln auch etliche explizite Sexszenen aufweist. Doch das Bemerkenswerte ist nicht die Art und Weise, wie die Frau hier als vorurteilsbehaftet und engstirnig dargestellt wird, sondern die Tatsache, dass Nadia dies am Ende selbst feststellt. Sie, die letztendlich wegen der Nutzung der sozialen Netzwerke und "arbeitsfremden" Foren gekündigt wird (was sie natürlich sofort Ethan anlastet, obgleich sie selbst natürlich die Foren etc. nutzte), findet durch Zufall heraus, dass zwei der Damen, die sich mit den Kommentaren auf ihrer Homepage gegenseitig Beifall klatschen, was Ethan Rush betrifft, identisch sind. Sockenpuppen, wie man diese Form der Mehrfachidentität in Foren oder Chaträumen nennt:

Doch es stimmte: Obwohl beide E-Mails verschiedene Unterschriften hatten, war die E-Mail-Adresse jeweils dieselbe. Zwei verschiedene Usernamen und Domains verwiesen auf eine einzige E-Mail-Adresse. Auf eine einzige Frau. Nadias Haut kribbelte. Ihr schossen die Tränen in die Augen, als ihr klar wurde, was das bedeutete. Es war so einfach. So schrecklich. Wie blind konnte man eigentlich sein? Sie dachte zurück an ihre allererste konfliktgeladene Begegnung mit Ethan, als er unterstellt hatte, ihre Website könnte zu Missbrauch einladen. Er hatte recht gehabt. Und sie hatte falschgelegen. So unendlich falsch.

Mit diesen kurzen aber doch prägnanten Sätzen räumt der Cora-Verlag in Dating and other Dangers (wie der Originaltitel des Romans lautet) mit der Unschuld der Frau auf, die nur durch widrige Umstände das Schlimmste annahm und die niemals ihre Fehler zugeben muss. Zwar lauert im Hintergrund die Vergangenheit in Form eines mit Studentinnen intim werdenden Tutors, der die Damen entjungfert, nur um dann zur nächsten Dame zu wechseln - doch letztendlich ist hier eine selbstbewusste, intelligente Frau nicht in der Lage, die einfachsten Dinge in Bezug auf das Internet und ihre eigenen Vorurteile zu verstehen. Sie wird sich dieses Versagens am Ende bewusst, ohne dass die Schuld und Verantwortung wieder dem Mann auferlegt wird.

Zwar muss Ethan noch den Gang des Büßers gehen, der seine Fehler ebenso eingesteht; zwar kann die Website am Schluss noch weiter betrieben werden - doch nicht, ohne die bisherigen Fehler und Problematiken zu korrigieren. "Du solltest sie ausbauen und verbessern, was problematisch daran ist", empfiehlt Ethan. Es schwingt ein "Und bitteschön die Vorurteile beiseitelassen und nicht rachsüchtigen Frauen eine Plattform geben" mit in dieser Idee. Insofern ist dies eine der ersten Geschichten, die der Cora-Verlag veröffentlicht, in der nicht die Männer die Bösen darstellen, sondern die Frauen allesamt voller Wut, Enttäuschung und Hass gegenüber den Männern sind, nur allzu schnell bereit sind, diese abzustempeln und Rufschädigung und Verleumdung als "Verschwörungstheorie" abzuhandeln. Die Männer sind zwar hier auch nicht ohne Fehler, doch sie sind ehrlich, was ihre Ansichten auf Beziehungen oder aber Affären angeht, machen keiner Frau etwas vor und stehen dazu, nur Spaß zu wollen, nicht jedoch automatisch eine Beziehung.

Es ist sicherlich keine komplette Kehrtwende beim Cora-Verlag zu erwarten, doch es ist interessant zu beobachten, dass sich hier, innerhalb eines bisher eher stereotypen fiktiven Romantik-Universums, nicht nur die männlichen Protagonisten verändern. Dass der Mythos der unschuldigen und vorurteilsfreien Frau nun auch bei den "Heldinnen" einen Knacks bekommen hat, lässt einen die weiteren Geschichten durchaus auch mit einer gewissen Spannung erwarten. Zwar werden von vielen Kitsch- und Liebesromane nur als Banalität abgehandelt, sie spiegeln aber auch, genau wie Comics, Malerei oder Filme, vieles wieder, was sich gesellschaftlich verändert. Romantische Geschichten mit ebenbürtigen Partnern, die sich mit einer erfrischenden Ehrlichkeit begegnen und trotz Aufrichtigkeit oder gerade wegen dieser erst am Schluss "kriegen", könnten die bisherigen Schemata ablösen. Insofern könnten gerade auch diese Liebesromane zu mehr Bewusstsein führen, was die eigenen Fehler und Probleme angeht, die in vielen Beziehungen schuld am Scheitern von diesen sind.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37137/1.html
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