Klassenunterschiede

22.06.2012

"Es gibt eine Gruppe, die unten hängt und da nicht mehr rauskommt" - Der Bildungsbericht 2012

Der Bildungsbericht 2012 hat vergangene Woche schon vor seinem Erscheinen für einige Schlagzeilen gesorgt, weil er sich in die Debatte um das Betreuungsgeld einmischte. Die Autoren würden vor der Einführung des Betreuungsgeldes warnen, hieß es, weil damit Geld für wichtige frühkindliche Bildung, für den Ausbau der Kinderkrippen, abgezogen werde.

Jetzt ist der Bericht in der Gesamtlänge von über 300 Seiten zugänglich und damit auch der große Kontext dieser Warnung. Denn aus den detaillierten Ausführungen zum Entwicklungsstand, den Problemen und Fortschritten des deutschen Bildungswesen zeigt sich der enorme Einfluss den Familie und Herkunft auf die Bildung und Bildungschancen der Heranwachsenden haben. Der Bildungsabstand der Sprösslinge aus "Musterfamilien" und weniger privilegierten Familien fängt früh an – und Krippen bieten Kindern aus Migrantenfamilien gute Chancen, hier einiges wettzumachen, was die elementar wichtige Beherrschung der Sprache angeht, aber auch andere Fähigkeiten, die auf den späteren Schulbesuch vorbereiten.

Die Familie ist vorrangiger Bildungsort in den ersten Lebensjahren. 46% der Eltern üben nach eigenen Angaben häufig bildungsnahe Aktivitäten mit ihren Kindern aus. Nur 8% geben an, dies selten zu tun. Zunehmend ergänzen die Angebote frühkindlicher Bildung die Zeiten, die Familien mit ihren Kindern verbringen. Anzustreben ist eine stärkere Verknüpfung der Bildungsmaßnahmen von Elternhaus und Kindertageseinrichtungen.

Man braucht nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, welche Kinder von diesem Gefüge mehr oder weniger ausgeschlossen sind. Trotz erkennbarer Fortschritte, heißt es im Bericht, wachsen "noch immer 29% aller Kinder und Jugendlichen" in einem bildungsfernen Elternhaus, einer finanziellen oder einer sozialen Notlage auf. Dass der Anteil schwacher Leser und Leserinnen mit 19% der Schülerinnen und Schüler "hoch" ist, hängt damit zusammen. In einem Passus wird überdies angemerkt, dass Kinder von Migranten häufig auch in Kinderbetreuungsstätten sind, die einen höheren Anteil von Migrantenkindern haben.

Ohne dies zu weiter zu bewerten, kann man hier eine Erfahrung geltend machen, die jeder Sprachschüler kennt - dass man dort, wo die Sprache als Muttersprache gesprochen wird, mehr lernt als im Gespräch mit den anderen Sprachschülern. Der erfolgreiche Spracherwerb der Migrantenkinder hängt in der Konsequenz dieser Bedingungen sehr von den Pädagogen ab - ein weiteres Argument dafür, dass man der Bezahlung und Ausbildung der Betreuer nicht sparen sollte. Eine Vorbereitung in den Krippen und Kindergärten hat nachweisbar gute Folgen für die Schulausbildung, wie ein FAZ-Bericht vergangene Woche noch einmal herausstellte:

So verfügten Kinder, die vor ihrer Einschulung mindestens drei Jahre lang eine Kita besuchten, in der vierten Grundschulklasse beim Lesen und beim Textverständnis in der Regel über einen Lernvorsprung von gut einem Schuljahr. Solche erheblichen Lernvorsprünge fänden sich "auffällig" auch bei Kindern aus problematischen Elternhäusern oder aus Migranten-Familien.

Die Kluft in den Bildungschancen der unterschiedlichen Milieus ist eins der Leitmotive, das den Bildungsbericht durchzieht. Mit eher nüchternen, aber mahnenden Aussagen im Bericht selbst: "Schülerinnen und Schüler, die einen Migrationshintergrund aufweisen, und diejenigen, die über einen niedrigen sozioökonomischen Status verfügen, sind innerhalb der Gruppe der Leseschwachen überdurchschnittlich häufig vertreten." Ergänzt wird dies durch direkter gefasste Kommentare zum Bericht, die wie Appelle klingen. So zitiert etwa SpiegelOnline:

"Es gibt eine Gruppe, die unten hängt und da nicht mehr rauskommt", fasste Thomas Rauschenbach, Präsident des Deutschen Jugendinstituts zusammen. Sein Kollege Martin Baethge vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut aus Göttingen ergänzte: "15 bis 20 Prozent der Jugendlichen befinden sich im Abstiegsstrudel"

Das Phänomen einer sich frühzeitig ausweitenden Bildungskluft zwischen den Milieus wird auch anhand eines Phänomens deutlich, das der Bildungsbericht, der alle zwei Jahre erscheint, als beachtlich bezeichnet: den Zuwachs an privaten Bildungseinrichtungen für die Jüngeren. Dass sich Begüterte an private Krippen mit elitären Leistungsangeboten wenden können, ist längst schon in satirisch überzeichneten (oder realsatirischen) Berichten über Dreijährige, die dort, natürlich bei bester Ernährung, Yoga-, Schach- , Chinesisch- und Managementkurse erhalten, behandelt worden. Neu hinzugekommen ist nun augenscheinlich die nächste Stufe: private Grundschulen. Was unter ehrgeizigen Mittelklasse-Eltern immer wieder mal angesprochen wird, der Vorsprung beispielsweise durch bilinguale Schulen mit größeren Bildungsangeboten - "Das Beste in den Kindern wecken" - oder der Zeitmanagement-Vorteil durch private Tagesschulen, die eine "ganzheitlich, umfassende Betreuung und Erziehung" versprechen, ist nun zum messbaren Trend geworden:

Seit 1998 ist ein Zuwachs von Bildungseinrichtungen freier Träger um ein Viertel festzustellen. Während ein großer Teil der Einrichtungen frühkindlicher Bildung seit jeher in freier (gemeinnütziger oder auch gewerblicher) Trägerschaft betrieben wird, ist die Erhöhung der Zahl allgemeinbildender Schulen in freier Trägerschaft um fast 1.200 (um 53% des Bestands von 1998) im letzten Jahrzehnt beachtlich. Besonders beachtenswert ist die Zunahme von Grundschulen in freier Trägerschaft von 314 auf 791 (um 152% des Bestands von 1998). Auch die Teilnehmerzahlen an diesen Einrichtungen sind stark angestiegen, im Hochschulbereich haben sie sich – auf niedrigem Niveau – mehr als verdreifacht.

Insgesamt zieht der Bildungsbericht eine gute Bilanz, auch das soll nicht vorenthalten werden:

Es gibt mehr Abiturienten und Studenten, gleichzeitig geht die Zahl der Schulabbrecher zurück. Zudem haben Jung-Akademiker auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen und auch die Lage auf dem Lehrstellenmarkt entspannt sich langsam. Schulreformen, "die die Flexibilität und Durchlässigkeit des Schulsystems im Hinblick auf höhere Schulabschlüsse verbessert haben", hätten zur positiven Entwicklung beigetragen, so (der Präsident der Kultusministerkonferenz, Hamburgs Schulsenator) Ties Rabe.

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