Bild-Geburtstag: Dreck statt Torte

25.06.2012

Auf frappante Weise konterkariert Bild mit der Jubiläumsausgabe alle Nachrichtenwerttheorien der Kommunikationswissenschaft

Zum 60. Geburtstag der Bildzeitung hielt ihr Chefredakteur, Kai Diekmann, Audienz und empfing zwei JournalistInnen der Tageszeitung Die Welt zum Interview.

Henryk M. Broder und Andrea Seibel hatten die unehrenhafte Aufgabe, dieses Stückchen Crosspromotion als Journalismus zu tarnen, immerhin gehören Bild und Welt beide zum gleichen Axel Springer-Verlag. Man tat darum auch von Anfang nicht so, als wolle man irgendwie kritisch tun:

Welt Online: In Ihre Redaktion kommen oft Prominente. Will Smith, Justin Bieber, Jon Bon Jovi. Wie ist das, wenn man sich in dieser Liga bewegt?

Kai Diekmann: Das liegt am Format der Zeitung, wir wollen eben Champions League sein, und deshalb sind auch unsere Gäste aus der ersten Liga.

Hajo Friedrichs apostrophierte einst das Verdikt, sich als Journalist mit keiner Sache gemein zu machen. Auch nicht mit der guten. Ein zweiter, noch fatalerer journalistischer Fehler besteht darin, sich für das zu halten, über das man berichtet. Nur weil die Bildzeitung über die Champions League berichtet, gehört sie noch lange nicht selbst dazu. Schließlich suhlt sich die Bildzeitung mindestens ebenso häufig, wie sie über die Stars und Sternchen aus der (vermeintlichen!) künstlerischen Champions League berichtet,  in den Misthaufen und Güllekanistern der Republik, ohne das hier je eine Verwechslung eingestanden worden wäre.

Zum Geburtstag fand sich nun am vergangenen Samstag in "jedem bundesdeutschen Briefkasten, der sich nicht wehrt", wie Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz schrieben, ein Gratis-Exemplar der Bild. 41 Millionen Zeitungen sollen quer durch die Republik verteilt worden sein. Dies sei "Weltrekord", wie der Verlag stolz verkündet, ohne so recht zu erklären, worin der Rekord eigentlich bestünde: Müllproduktion, Altpapierberg, Nachhaltigkeitsdesaster? So ganz umsonst war die Geburtstags-Bild auch nicht, die Anzeigenkunden mussten ganz schön blechen: Vier Millionen Euro soll eine ganze Anzeigenseite gekostet haben, 2,2 Millionen Euro die halbe.

Noch einen Rekord könnte man der Bild mit ihrer Geburtstagsausgabe attestieren: Die eigene übliche Inhaltsarmut noch um ein Vielfaches zu unterbieten. Denn das praktisch einzige Thema in dieser Bildausgabe ist die Bildzeitung selber. "The medium is the message", prophezeite der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan schon in den 1960er Jahren. Nie war der Satz wahrer als im Angesicht dieser selbstbezüglichsten aller selbstbezüglichen Zeitungsausgaben. Auf frappante Weise konterkariert die Bild damit alle Nachrichtenwerttheorien der Kommunikationswissenschaft. Die letzte Seite der Geburtstagsbild wagt die Redaktion einen vorgeblich humoristischen Blick in die Zukunft:

Aber zum 60. Geburtstag gönnen wir uns den Spaß: freche, durchgeknallte, nicht ernst gemeinte Schlagzeilen aus den kommenden sechs Jahrzehnten.

Auch dem, der gerne schmunzelt, bleibt hier das Lachen im Halse stecken: Eine Ansammlung fäkal animierter Unter-der-Gürtellinie-Witzchen im Stile von "Robben trifft nicht mal mehr ins Klo!" oder "SZ-Leyendecker wird TV-Moderator: Der Preis ist Scheiss". Neben einem Foto der Bundeskanzlerin mit Dekolleté liest man "Wählt C-DD-U", und Bergsteiger-Ikone Reinhold Messners Konterfei ist auf den Rücken einer jungen Frau montiert unter dem Slogan: "Messner besteigt Yoga-Jordan".

Das ist alles fürwahr nicht Champions League, aber vielleicht immer noch nicht Grund genug für Aufregung - so abgehärtet sind wir schließlich schon gegenüber den abgefeimten Zumutungen der Bildzeitung. Persönlich diffamierend und ehrverletzend ist aber, wie die Bild vermeintlich witzig mit Literaturnobelpreisträger Günter Grass umgeht: "Grass' spätes Geständnis: Ich schrieb für Hitler 'Mein Kampf'!"

Ganz davon abgesehen, dass Grass noch nicht geboren war, als Adolf Hitlers "Mein Kampf" erschienen ist, ist hier eine Grenze überschritten, hinter der die Diagnose "üble Nachrede" nachgerade verharmlosend klingt. Zugegebenermaßen darf Satire alles, doch ist gerade die Bild bislang — außer von Hans Magnus Enzensberger, der sie als "surrealistisches Kunstwerk" bezeichnet hat — noch nicht als Satireblatt identifiziert worden und gibt sich gerade ihr Chefredakteur Kai Diekmann wie im schon zitierten Welt-Interview alle Mühe, sein Blatt als ernstzunehmende Zeitung mit einem journalistischen Zugang zur Wirklichkeit zu verkaufen.

Und wieder zugegeben, kann man auch Günter Grass kritisierenswert finden, wenn vielleicht weniger ob der Tatsache, dass er als Jugendlicher (!)  in der Waffen-SS Dienst getan hat, dann doch ob seines Israel-kritischen Gedichts, das er im Frühjahr 2012 unter anderem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht hat. Aber ihn deswegen zum geistigen Urheber von Weltkrieg und millionenfachem Massenmord zu erklären, das ist kein Witz — und wenn doch, dann auf dem Niveau jener "Judenwitze", in denen regelmäßig die Wörter Gaskammer und Asche vorkommen und bei denen jedem halbwegs ehrenhaften Menschen der Atem stockt und die Stimmung gefriert. Witzigkeit kennt eben doch Grenzen, nur die Bildzeitung kennt sie nicht.

Im Gefälligkeitsinterview mit Henryk M. Broder und Andrea Seibel vergleicht Bild-Chefredakteur Kai Diekmann sich mit einem Drei-Sterne-Koch. Der Vergleich hinkt nachweislich: Wenn überhaupt, ist die Bildzeitung eine schäbige Pommesbude, in der es nach ranzigem Fett stinkt. Und oben drauf gibt's einen gehörigen Schlag billiger Salatmayonnaise.

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