Von Obst, Trieben und Fichte

Stefanie Voigt 30.06.2012

Ein philosophischer Spaziergang durch die Gärten der Lüste - Teil 1

Dieser Text ist wie ein kleiner Spaziergang durch die Philosophiegeschichte, ein Spaziergang durch ihre geheimnisvollsten Bezirke. Denn hier geht es um das Thema Philosophie und Sex. Dieses Thema ist insofern geheimnisvoll, als es eigentlich kaum philosophische Bücher über Sex gibt, und das, obwohl sich die Philosophen normalerweise für alles interessieren, für (wie sie es nennen) jede Art von menschlichem Sein. Aber scheinbar nicht so für Sex, also nicht für die Art von menschlichem Sein, das den Fortbestand eben dieser Menschheit sichert. Und die Herstellung neuer Philosophen.

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Die Philosophen, die ihr Fach als Liebe zur Weisheit definieren, scheuen das Thema Liebe im körperlichen Sinne. Und verzichten auf so viele Möglichkeiten, etwas zu veröffentlichen, sie, die sonst so gerne und so viel schreiben. Da gäbe so viele sex-affine Titel, die den potentiellen Philosophen schier anspringen sollten. Was könnte man da nicht alles schreiben, zum Beispiel zum Thema Sex als Aspekt innerhalb Kommunikationstheorie (unter dem Titel "Sex als kommunikatives Handeln"), als ein Aspekt der Wirtschaftsethik (unter dem Titel "Sex als Herausforderung für die Wirtschaftsethik") oder als Aspekt der Ästhetiktheorie (unter dem Titel "Sex als ästhetiktheoretisches Grenzgebiet zwischen Schönheit und Erhabenem"). Aber all diese Forschungsgebiete sind brache Felder – und so könnte man fast meinen, die Philosophie und der Sex hätten so etwas wie massive Beziehungsprobleme.

In der Mentalitätsgeschichte vor allem der letzten drei Jahrhunderte gibt es Indizien, die genau diesen Verdacht erhärten:

Im 18. Jahrhundert hat man zum Beispiel Menschen mit Angst vor einer sexuellen Versuchung empfohlen, alternativ ein philosophisches Buch zu konsultieren.

Wenn im 19. Jahrhundert in Paris jemand an Prostituierten vorüberging, ohne einen Boxenstopp einzulegen, hat man ihm hinterher gerufen "quel philosophe", was für ein Philosoph.

Und im 20. Jahrhundert wurde dann Rodins Denker zum Internet-Logo, sowohl für philosophische Vereine als auch für Potenzmittel.

Das alles stimmt zumindest nachdenklich. Aber alle diese Indizien sind Sicht der formalen Logik noch keine hinreichenden Gründe für einen Schluss auf die Asexualität der Philosophie. An diese logische Problematik ist anders heranzugehen.

Um das Wesen des Menschen logisch korrekt zu ergründen empfiehlt Kant bekanntermaßen die drei Fragen: "Was kann ich wissen, was darf ich hoffen, und was soll ich tun?" Um das Wesen des Menschen im Spannungsfeld zwischen Philosophie und Sex zu bestimmen, muss jedoch diese Art der Fragen dem jeweiligen Kontext angepasst und entsprechend modifiziert werden. Das heißt im Hinblick auf die genannten drei Beispiel wäre demnach zu fragen:

Kann ich 1) wissen, wie dieses philosophische Buch gelesen wird. Braucht es dafür zwei Händen, oder reicht eine. Denn Rousseau, der große Vordenker der europäischen Aufklärung, hat nicht nur, aber auch darüber aufgeklärt, dass man beim Lesen mit nur einer Hand die andere Hand frei hat. Und wozu kann man sich denken, man kann es aber auch in Rousseaus Bekenntnissen nachlesen.

Zu Punkt 2), zu Kants Frage nach dem Hoffen wäre modifizierend zu formulieren: Darf ich 2) hoffen, dass Passant es vielleicht nur sehr eilig hatte, weil er zu einer noch verlockenderen Besprechung wollte.

Und 3) die Frage nach dem Tun induziert in diesem Fall die Überlegung: Sollte sich 3) der Denker nicht tunlichst wieder anziehen?

Das, und nur das, ist die Art von Fragen, die propädeutisch am besten an das Thema heranführt. Denn man kommt manchem Philosophen mit dieser Art zu fragen viel näher als auf dem regulären Weg. Das führt zum Beispiel das des Hobbyphilosophen Goethe vor Augen. Man kennt Goethe nämlich nicht wirklich, wenn man nur seine pathetischen, langen Balladen kennt, aber nicht seine pragmatischen und durchaus kurzen Sinneinheiten zum Thema Sex. Wie zum Beispiel[1]:

Knaben liebt' ich wohl auch,
doch lieber sind mir die Mädchen:
Hab´ ich als Mädchen sie satt,
dient sie als Knabe mir noch.

Bei der Lektüre dieser Zeilen drängen sich einem Fragen auf, die man sich vielleicht eigentlich nie stellen wollte. Aber diese Fragen vermitteln einem dann Aspekte von menschlichem Sein bei Goethe, die so nicht in den Literaturgeschichten stehen. Auch in den Philosophiegeschichten steht nicht immer alles, zumindest nicht, was das Thema Sex angeht. Das Wichtigste davon sei im Folgenden präsentiert.

Der Sex in der Philosophie der Antike - ein wenig ungezwungener als heute

Schon seit der Antike, seit den ersten Philosophen überhaupt, ist Sex ein Problemthema. Zum Beispiel bei Hesiod. Hesiod ist Frauenfeind, verheiratet, Vater zwei Kinder. Und er ist verärgert. Er ist darüber verärgert, dass Frauen seiner Erfahrung nach am Sex mehr Freude haben als Männer, und er moniert, dass Frauen deswegen vor allem im Sommer schrecklich aufdringlich seien. Darüber schreibt er eine Geschichte, in der ein Mann einer göttlichen Geschlechtsumwandlung unterzogen wird und sexuelle Erfahrungen als Frau machen darf. Er – bzw. sie – ist begeistert, muss das aber teuer bezahlen und wird geblendet. Hesiod selber wird sogar erschlagen, aber nicht von zu aufdringlichen Frauen, sondern von zwei Brüdern, die ausgerechnet ihn, den Prototyp aller Lustfeindlichkeit, verdächtigen, ihre Schwester verführt zu haben.

Auch Sokrates leidet unter sozialen Spannungen, der Legende nach vor allem unter seiner Ehefrau. Deren Name Xanthippe wurde zum Synonym für eine zänkische Ehefrau. Und darum soll Sokrates gesagt haben: Mit einer guten Frau würde man glücklich, mit einer schlechten zumindest Philosoph.

Sokrates' Schüler Platon hat diese Problematik dann intellektualisiert, und er lässt in einem seiner Texte jemanden sagen, Sokrates hätte gesagt, Sex sei eigentlich nur eine Vorform wahrer Liebe – und darum nicht ganz ernst zu nehmen bzw. wenn doch, dann nur in Form wahrer Freundschaft (also wahrer Männerfreundschaft im homosexuellen Sinne). Aus dieser Vorgabe wird später Platons berühmtes Konstrukt vom Guten-Wahren-Schönen. Über solche Fachfragen diskutieren Platon-Protagonisten bei einem Gelage, als einer der Teilnehmer hereinrauscht, verspätet und angetrunken und allseits kommunizierend, wie er selber sich einmal in genau dieser Art von freundschaftlicher Absicht neben Sokrates gelegt hat. Aber Sokrates habe nur philosophiert.

Nun soll Sokrates in Wirklichkeit auch nicht sehr schön gewesen sein – aber gerade das wirft dann Fragen auf, die im Laufe der Philosophiegeschichte erst sehr viel später beantwortet werden: Erst in der Renaissance erklärt Ficino diese Zurückhaltung zugunsten der Philosophie, indem er aus dieser Anekdote die Redewendung von der platonischen Liebe herausdestilliert. Diese Formulierung ist auch heute noch Allgemeingut. Das Gleiche schafft ein zweites Versatzstück des Symposions, nämlich der Mythos vom Kugelmenschen, also die Vorstellung, Menschen seien früher Kugelmenschen gewesen, und dann, seit einer Zwangsteilung, immer auf Suche nach ihrem jeweiligen Pendant. Diese Vorstellung gilt heute als Plädoyer für romantische Zweierbeziehungen und wird gerne in Hochzeitsansprachen zitiert. Im Original war diese Geschichte aber nur eine komische Einlage, inklusive einer absurden Anordnung der Geschlechtsteile an den noch dazu homosexuell veranlagten Kugeln.

Auch der nächste Philosoph ist nur bedingt zitierfähig. Diogenes, der berühmte Philosoph in der Tonne, ist Kyniker – also einer von denen, die ihr Seelenheil in der Ignoranz von Hygienevorschriften und anderen Normen suchen, weil sie sich davon Autonomie versprechen. Ob solche Autonomie aber möglich ist, bezweifeln die Kritiker des Diogenes. Denn die sind der Meinung, auch ein Diogenes sei nicht autonom, wenn es darum ginge, seine Hormone zu organisieren. Nicht ohne ein externes Sexualobjekt. Also stellt sich Diogenes auf den Marktplatz und onaniert öffentlich und, multi-tasking par excellence, philosophiert dabei noch über seine sexuelle Autonomie.

Etwas teamfähiger präsentieren sich dagegen die Epikureer. Die gelten in ihrer Zeit als Bande von Lüstlingen, weil sie im Ausleben ihrer Lust geistige Erkenntnis suchen. Sie argumentieren: Sex sei etwas ganz Natürliches und von daher bei dieser Suche nach geistiger Erkenntnis natürlich sinnvoll.

Und die Stoa fügt dem hinzu: Man soll sich aber vor lauter Natürlichkeiten nicht seine Pflichten vergessen. Von Cato dem Älteren heißt es, er habe einmal einen Jüngling für einen Bordellbesuch gelobt, aber geschimpft, als er den gleichen Jüngling am nächsten Tag wieder dort angetroffen hat. Gut sei es, von dort herzukommen, schlecht, dort zu wohnen, so sein Kommentar. Warum Cato selbst so oft in der Gegend war, ist nicht belegt. Aber bei den damaligen Verkehrschildern kann man schon mal vertun. Auf diesen Schildern ist oft bemerkenswert Anatomisches aus dem Bereich der gehobenen Herrenausstattung zu sehen. Denn der Umgang mit dem Thema Sex ist in der Antike ungezwungener als heute. Auch für die Philosophen, aber nur, solange ihre Texte einigermaßen sauber sind, meint zumindest Cicero –im Gegensatz zu Ovid. Letzterer sieht das deutlich anders, und schreibt ein Lehrgedicht über die "Liebeskunst". Die ars amandi ist heute noch Kult, vielleicht, weil auch sie ein paar große Fragen stellt, zum Beispiel: Wie kriegt man eine Frau am schnellsten ins Bett, und wie kriegt man sie dazu, möglichst lange drin zu bleiben. Natürlich sind solche Fragen nicht gerade erotikfrei, aber das ist bei Ovid Absicht, weil er sieht sich selbst als eine Art Anti-Philosoph.

Aber die schärfsten Kritiker der Strolche sind nicht selten eben solche. Und tatsächlich: Ovid schafft etwas, worauf echte Philosophen stolz wären. Er etabliert ein ganz neues philosophisches Leitbild, nämlich das Ideal der heiteren Liebe, also so etwas wie die Vorstellung von gleichberechtigter Lustverteilung. Und das meint bei Ovid nicht nur Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, sondern auch demokratische Gleichheit von jungen Frauen und älteren Frauen. Ovid findet auch ältere Frauen mit grauen Haaren begehrenswert. Sogar ganz besonders. Denn die haben schon eine längere Ausbildungszeit im Bett hinter sich. Das ist zwar in sich logisch, aber seiner Zeit dann doch ein wenig zu offen, und Ovid wird deswegen sicherheitshalber verbannt. Denn am Ende der Antike fängt es langsam an, dass sich die Philosophie vom Sex ändert und sexfeindlich wird.

So wie zum Beispiel bei Augustinus und das, obwohl der sich selbst als einen ausgesprochenen Schwerenöter sieht. Er hatte nämlich vor seiner Karriere als Kirchenvater eine Konkubine. Und die Bilder fleischlicher Lust aus dieser Zeit verfolgen und quälen ihn auch dann noch, als er schon lange Bischof ist. Im Wachzustand ist das kein Problem. Aber im Schlaf. Da treiben ihn diese Bilder, wie er es nennt, fast bis zur Tat. Und das, obwohl doch laut seiner eigenen Theorie solche Taten nur für die Fortpflanzung da sind. Alles andere gilt ab dann als Sünde.

Die Sünde und der Sex

Im gesamten Mittelalter gilt: Sex ist Sünde, zumindest sehr wahrscheinlich, schon alleine vieler Feiertage wegen. Durch die ist das das Zeitfenster für kirchenkonformen Vollzug sowieso sehr klein. Das ist das, was die Philosophen dieser Zeit ihren Schülern beibringen, und einer dieser Philosophen hat dafür eine ganz eigene Pädagogik entwickelt:

Abaelardus ist Dozent an einer Kathedralschule und arbeitet nebenbei auch als Privatlehrer. Als solcher hat er auch eine Schülerin namens Heloise, eine Tochter aus gutem Hause, und mit der bespricht er in Latein Gedichte von Ovid, erweitert den Unterricht um ein Praxismodul, sie wird schwanger, er bekommt ein Disziplinarverfahren, und über ihn wird die sogenannte Talionsrache verhängt. Das ist im Mittelalter eine (gerne auch einmal jenseits der offiziellen Rechtssprechung vollzogene) Entfernung eines sündhaften Körpergliedes vom Rest des Körpers. Aber Abaelard verliert nicht nur das, sondern auch die Aussicht auf einen eigenen Lehrstuhl. Denn auch heute noch gilt: Wer impotent ist, kann kein katholischer Priester werden. Denn: Priester unterstehen dem Zölibat. Damit sie sich aber bestimmte Dinge verbieten lassen können, müssen genau diese Dinge vom Prinzip her zumindest möglich sein, und das ist bei Abaelard dann nun nicht mehr der Fall. Alles, was jetzt noch geht, ist Briefe schreiben und philosophieren – und so entsteht ein Briefwechsel zwischen ihm und Heloise, der berühmt wird.

Auch ein weiterer Name aus dieser Zeit ist auch heute noch ein Begriff. Hildegard von Bingen ist die erste aller Heilpraktiker, aber nicht nur das. Hildegard, die Nonne Hildegard hat als erste überhaupt einen weiblichen Orgasmus beschrieben. Und sie hat eine Vererbungslehre erstellt, in der in punkto Sex Sachen wie Hingabe und Samenstärke gegeneinander aufeinander aufgerechnet werden. Das Endergebnis bestimmt dann angeblich die Psyche des eventuellen Kindes. Also je nachdem zum Beispiel einen stabilen Jungen bei gegenseitiger Liebe eines gesunden Paares, oder eine verbitterte Tochter bei einseitiger Liebe der Frau zu einem Gatten mit Lendenschwäche. Im Optimalfall gilt: Die Stärke des Mannes im Brand der Leidenschaft soll in der ausgeglichenen Wärme der weiblichen Sonnenglut so sein wie das Feuer brennender Berge, nämlich fast nicht einzudämmen.

Auch die Texte von Thomas von Aquin lesen sich viel lustfreundlicher als man denken sollte. Er schreibt, der Gesundheit wegen soll man bestimmte Exzesse von Zeit zu Zeit auch mal sein lassen, wie zum Beispiel Essen oder Sex. Aber in Maßen sei Sex eine gute Sache. Und was das Essen angeht, so war Thomas der Legende nach so dick, dass seine Schreibtischplatte halbrund angeschnitten werden musste, damit er überhaupt an die Bücher kam. Sogar, wenn die Geschichte nur erfunden ist, würde sie zu Thomas passen, zu seiner Art von Realitätssinn. Man dachte damals zum Beispiel, die Menschen hätten sich im Paradies ohne Lust am Sex fortgepflanzt, aber Thomas bezeichnete das als Unsinn. Wann anders vergleicht er Bordelle mit den Toiletten eines Palastes, ohne die das ganze Gebäude stinken würde. Und Ehebruch ist für ihn nicht, wie für die meisten anderen, eine der schlimmsten Sünden überhaupt. Sondern nur die klebrigste.

So viel Realitätssinn hat der nächste Philosoph nicht, dafür aber Realitätserfahrung: Bruno hat eigenen Angaben zufolge von verbotenen Früchten reichlich gegessen, meint, aber nie satt geworden zu sein. Infolgedessen hasst er Frauen inbrünstig. Er schimpft so abfällig, dass einem übel werden kann. Umso erfreulicher dann seine Schlussfolgerung, wenn er meint: Sex tauge dafür, um in den Köpfen der Philosophen heroische Leidenschaften auszulösen, aber nur dort. Leidenschaften sollten nicht körperlich ausgelebt werden, sondern geistige Energie liefern.

Man sieht: Die philosophischen Meinungen dieser Zeit sind in sich verschieden, aber alle erstaunlich direkt. Aber es geht noch direkter: Auch in dieser Epoche gibt es obligatorische Anti-Philosophen, wie zum Beispiel Aretino. Der ist ein typischer Renaissancemensch, ein Schöngeist mit Sinn für Kunst und Kristalldildos, der davon lebt, die Biographien kirchlicher Würdenträger aufzuschreiben. Manchmal verkracht er sich aber mit diesen Würdenträgern, und dann verwandeln sich seine Biographien in eine Frühform von aggressivem Enthüllungsjournalismus. Inklusive Illustrationen, die aus orthopädischer Sicht kriminell sind. Mit diesem Material avanciert Aretino zum Vater der modernen Pornographie. Und das ist für das Thema Philosophie und Sex wichtig, weil er ausgerechnet dieses Material dann herausgibt als Kampfschrift gegen die Philosophie, da "zwei stramme Popobacken mehr vermögen als alle Philosophen... die je auf der Welt waren".[2] Darum widmet er das Ganze auch seinem Affen. Den hält er für ebenso achtenswert wie Sokrates. Und wie Sokrates bekommt dann Aretino selbst seinen größten Auftritt bei einem Gelage. Da lacht er so sehr über einen obszönen Witz, dass er stürzt und sich auf den teuren venezianischen Fliesen den Hals bricht.

Aber andere Antiphilosophen folgen nach: Zum Beispiel der Privatgelehrte Vignali. Der gründet eine pseudo-platonische "Akademie der Dummköpfe", samt einem Handbuch namens "von den Schwänzen", auf italienisch "La Cazzaria" – ein wichtiges Wort, das man im Hinterkopf haben sollte, wenn man sich in Italien auf Deutsch unterhält und zufälligerweise auf das Thema Katzen kommt. Könnte sein, dass sich jemand ärgert, so wie sich seinerzeit die Leute geärgert haben, als Vignali die glorreiche Idee hatte, die Wörter Penis, Vagina und Anus zu philosophischen Grundbegriffen zu erklären. Weil angeblich nur entsprechendes Fachwissen dem Kenner wahre Liebeskunst ermöglicht (im Gegensatz zu dem, was Nichtphilosophen so zu bieten hätten). Diese hohe Schule des Beischlafs begründet Vignali mit anatomischen Argumenten, die schon beim Lesen wehtun, und die immer darauf hinauslaufen, dass die Frau an sich eine anatomische Fehlkonstruktion ist. Zumindest für bestimmte Sachen.

Mit Anatomie beschäftigt sich nämlich auch Montaigne. Montaigne ist eigentlich bekannt für seinen gut gelaunten Skeptizismus. Und den hat er auch gegenüber der eigenen Anatomie und deren Ausdehnungskapazitäten. Was die Philosophie angeht, sagt er: Zuviel Sex sei genauso ungesund wie zuviel Philosophie. Er selbst wählt einen goldenen Mittelweg, heiratet, zeugt sechs Kinder und philosophiert zum Ausgleich. Und dann wird er trotzdem krank. Also geht er auf Kur, besucht in Italien den Papst, und wenn er schon einmal in Rom ist, auch das dortige Rotlichtviertel. Das ist damals berühmt für sein Angebot. Und dieser Bildungsurlaub lohnt sich tatsächlich und als geistigen Ertrag bringt Montaigne eine Grunderkenntnis mit nach Hause, die lautet: Alle Bewegung der ganzen Welt läuft auf die Paarung hinaus. Das ist das nicht so ganz neu, und unter dem Strich das gleiche, was auch Descartes kurz darauf schreibt. Montaignes Erkenntnisse lesen sich aber vom Stil her ganz anders.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37163/1.html
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