Europa am Peak

09.07.2012

Der Höhepunkt der Ölversorgung ist vor 10 Jahren überschritten worden, das aber ist in der Politik noch nicht angekommen

Ob Europa die Euro-Krise überstehen wird, kann noch niemand beantworten. Doch die nächste Herausforderung lauert schon auf die Europäer, denn: Europa hat seinen Höhepunkt bereits überschritten: den Höhepunkt der Ölversorgung.

Ölförderung und Ölverbrauch in Europa

Die Grafik zeigt sowohl Europas Verbrauch (grün) wie auch dessen Förderung von Erdöl (blau). Unschwer zu erkennen ist, dass auf dem "alten Kontinent" seit jeher mehr Öl verbraucht als gefördert wird. Schon diese Situation ist gefährlich.

Gefährliches deutet sich auch in der unteren Förderkurve an, denn seit 2002 sinken die Fördermengen in Europa jedes Jahr. Der Peak Oil, wie das Fördermaximum genannt wird, ist für die Weltregion Europa also bereits seit 10 Jahren überschritten. Davor lag die Fördermenge für 6 Jahre auf einem Plateau. Der bei der Ölförderung vermutete "Peak" zeigt sich hier nicht in einer einjährigen Spitze, sondern in einem jahrelangen Gipfel. Es darf vermutet werden, dass die Welt-Ölförderkurve ein ähnliches Plateau ausprägen wird.

Die Grafik zeigt weiterhin, dass der Ölverbrauch keine Anstalten macht, im gleichem Maße zu sinken wie die Ölförderung. Nur im Krisenjahr 2009, als das europäische BIP um 4,3% einbrach, sank der Ölverbrauch mit 4,5% fast so schnell wie der Förderabfall (5%). Seit 2002 lag der Förderabfall bei 5,5% pro Jahr.

Diese Zahl ist für jene, die das Thema Peak Oil beobachten, eine sehr wichtige Zahl. Das Überschreiten des Fördergipfels ist das eine, die Größenordnung, mit der jährlich Ölmengen vom Markt verschwinden, ist das andere. Diese Decline-Rate, also die Rate des Förderabfalls, kann als Kennziffer eines Teils der Energieversorgung betrachtet werden. Jedes Jahr, so sagt diese Zahl, steht Europa also 5,5% weniger Erdöl als Energieträger und Rohstoff aus der Eigenproduktion zur Verfügung. Das im Juni 2009 von Mikael Höök, Robert Hirsch und Kjell Aleklett veröffentlichte Papier zu den Decline-Raten der Ölfeld-Giganten setzt global eine durchschnittliche Rate von -6,5% an.

Europa kommt also noch gut weg. Zwischen 200.000 und fast 500.000 Fass fehlen der Energieversorgung des Kontinents dadurch pro Tag. Das im Jahr 2011 in Griechenland verbrauchte Erdöl in Größenordnungen von 337.000 Fass pro Tag entspricht ziemlich genau der Förderlücke, die sich in Europa von 2010 zu 2011 auftat. Wäre Europas Ölförderung konstant, so wäre dieser griechische Verbrauch vom Kontinent selbst erbringbar gewesen. Doch stattdessen musste diese Förderlücke mit Importöl aufgefüllt werden und es wäre noch mehr gewesen, wenn nicht Griechenlands Wirtschaftskrise den Verbrauch seit 2007 um ein Viertel gesenkt hätte. Griechenland, so könnte man sagen, dürfte in Europa das einzige Land sein, dessen Verbrauchssenkung beim Öl mit dem Versorgungsabfall Schritt hält (eine zwiespältige Erkenntnis!).

Vergleich: Griechenlands Ölverbrauch vs. Europas Förderlücke

Es wäre zu kurz gegriffen, die griechische Wirtschaftskrise mit dem Ölförderabfall Europas in Verbindung zu bringen. Obige Daten dienen dazu, Größenordnungen vergleichbar zu machen: Was Europa jährlich an Selbstversorgung mit Öl verliert, hätte bei Nicht-Verlust gereicht, um Griechenland zu versorgen. So muss Europa etwa die Menge des griechischen Ölverbrauchs zusätzlich importieren.

Abhängigkeit und Verwundbarkeit

Auf einer anderen Ebene könnten Vergleiche angebracht sein. Griechenlands Ölverbrauch sinkt, weil die Wirtschaft sich in einer starken Depression befindet. Der Anlass für diese Wirtschaftskrise wird primär im Finanzsektor gesucht. Doch die Ungleichgewichte, die sich in Europas Finanzsystem ergeben haben, resultieren auch daraus, dass manche Länder wesentlich mehr Produkte importieren, als sie exportieren. Dazu gehören all jene Länder, die derzeit besonders von der Finanzkrise betroffen sind: Griechenland, Italien, Irland, Spanien, Portugal.

Ein Teil des übermäßigen Imports ist das Öl, denn keines dieser Länder schafft es nur ansatzweise, seinen Ölbedarf selbst zu decken. Selbstversorgung mit Öl - das ist auch für den Exportweltmeister Deutschland nicht ansatzweise eine Option, fördert das Land doch nur 2% seines Verbrauchs selbst. Der Unterschied zwischen Deutschland und den PIIGS-Ländern ist, dass ein starker Automobil- und Maschinenbau für mehr Exporte als Importe sorgt und aus den Exporterlösen Kaufkraft für den Import von Öl verfügbar gemacht werden kann. Griechenland und Co. leben, was das betrifft, auf absolutem Pump. Doch es ist unmöglich, auf Importe von Mineralöl zu verzichten, ohne die Wirtschaftsleistung nach unten zu schrauben oder eine völlig andersartige Energieversorgung zu installieren.

In komplexen Systemen ist Ursache und Wirkung oft nicht klar zu definieren. Wechselwirkungen zwischen einzelnen Systembereichen verstärken oder dämpfen sich gegenseitig. Für Öl als Hauptenergierohstoff des Transport- aber auch des Wirtschaftssystems lässt sich sagen: Nimmt die Transportleistung ab, nimmt der Verbrauch von Erdöl ab. Doch diese Aussage lässt sich auch umkehren: Nimmt die Menge des verfügbaren Kraftstoffs ab, nimmt auch die Transportleistung ab. Der Ölverbrauch Griechenlands sinkt, weil die Wirtschaftsleistung abnimmt, doch es ist wahrscheinlich: Würden in Resteuropa die verfügbaren Kraftstoffmengen abnehmen, würde auch die Wirtschaftsleistung sinken. Ölverbrauch und Wirtschaftsleistung sind sehr eng miteinander gekoppelt, weil ohne Öl in der Wirtschaft nichts läuft:

Prozessenergie z.B. in Galvanik-Firmen wird oft durch Ölverbrennung bereitgestellt

die chemische Industrie basiert zu 70% auf Petroleum

das gesamte Transportsystem, an dem wiederum jedes einzelne Unternehmen und jeder "Verbraucher" hängt, funktioniert ohne Öl heute nicht wirklich

und die gesamtwirtschaftliche Lage ("Konjunktur") wird stark vom Ölpreis beeinflusst und somit beeinflusst Preis und Verfügbarkeit von Öl das Milieu, in dem Wirtschaft stattfindet.

Natürlich gilt: Fährt die Wirtschaft runter, sinkt auch der Verbrauch des Rohstoffs Öl; aber es gilt eben auch andersrum. Dass über 90% aller industriell hergestellten Produkte direkt oder indirekt am Erdöl hängen, ist sicher keine grobe Fehlschätzung. Diesen Rohstoff aus dem Wirtschaftsprozess herauszunehmen bedeutet, die Wirtschaftsleistung herunterzufahren oder das System so zu transformieren, dass es mit anderen Energiequellen oder mit weniger Energie auskommt.

Für diesen Weg gibt es keine historische Vorlage, auf die man sich stützen könnte. In der politischen Diskussion ist die Idee noch nicht angekommen, man müsse den Ölverbrauch doch eigentlich mindestens mit derselben Rate senken, wie die Ölförderung sinkt. Tut man das nicht, wird die Lücke zwischen Eigenproduktion und Verbrauch immer größer. Gefüllt werden kann diese Lücke nur mit Importöl.

Doch Stabilität ins Geflecht zwischen Energie- und Wirtschaftssystem dürfte man kaum auf Basis dauerhafter Ölimporte erreichen. Zumal ja klar ist: Der Peak der globalen Ölförderung ist nah. Wenn die Gesamtfördermengen sinken, sinken auch die Exportmengen. Wenn der Rest der Welt weniger Öl exportiert, muss Europa auch seine Importe senken oder derart überdimensionale Preise zahlen, dass jeder Kaufkonkurrent aussteigt.

Selbstversorgung Europas mit Öl

Der bilanzielle Selbstversorgungsgrad Europas hat nach dem Peak wieder das Niveau der 1980er Jahre erreicht. Noch nie in der Industriegeschichte hat Europa überhaupt nur die Hälfte dessen selbst gefördert, was es verbraucht hat; schon immer ist Europa Ölimporteur.

Demnächst wird nur ein Viertel des Verbrauchs aus "heimischen" Quellen stammen, davon der Großteil weiterhin aus Großbritannien und Norwegen. Dass in der Nordsee überhaupt Öl gefunden wurde darf aus diesem Blickwinkel als historischer Glücksfall gelten, sonst wäre es fraglich, ob Europa und insbesondere die Ingenieurstube Deutschland sich je auf das heutige industrielle Niveau aufgeschwungen hätten. Durchaus vorstellbar, dass viel höhere Importkosten den europäischen Entwicklungspfad gedeckelt hätten.

Der grüne EU-Abgeordnete Sven Giegold hat sich in einem Arbeitspapier mit den Leistungsbilanzsalden und den Ölimporten verschiedener europäischer Länder beschäftigt. Dass dabei die politische Forderung nach einem "Green New Deal" aufkommt ist angesichts der Quelle nicht verwunderlich. Für die EU27, zu der das größte europäische Ölförderland Norwegen nicht dazugehört, ist sichtbar, dass das Leistungsbilanzdefizit sehr stark mit den Ausgaben für Öl zusammenhängt:

Grafik: Giegold

Ein großer Teil der Importe in die EU27 kommt aus Norwegen, einem der wenigen Staaten der Welt, wo statt Staatsschulden ein gut gefüllter Fonds existiert ( http://www.welt.de/wirtschaft/article13544917/Norwegen-weiss-nicht-wohin-mit-seinem-Geld.html?wtmc=plista ). Doch die guten Zeiten, den Staatshaushalt und alles andere mit Ölgeld füllen zu können, dürften auch für Norwegen zuende gehen. Das Land hat seinen Peak 2001 überschritten, das Förderplateau dauerte gut 10 Jahre:

Legt man eine Decline-Rate von -5,5% pro Jahr zugrunde, würde Norwegen etwa 2050 jenen Punkt erreichen, bei dem Ölförderung und (heutiger) Verbrauch etwa gleich groß sind. Importüberschüsse auf Basis von Ölexport sind dann nicht mehr möglich. Doch für die Zeit danach steht auch Norwegen vor der Frage: Wie organisiert man Wirtschaft und Gesellschaft mit immer weiter schrumpfender Ölversorgung?

Bis 2050 will die Bundesrepublik Deutschland ihren Primärenergieverbrauch (gegenüber 2008) halbieren: So sieht es das ein halbes Jahr vor Fukushima gefasste Energiekonzept der Bundesregierung vor. Das scheint angesichts des Rückgangs der fossilen Lieferraten am Beispiel des norwegischen Öls ein bedenkenswertes Ziel. Als größerer Lieferant von Erdöl wird auch Großbritannien künftig ausfallen, seit 2006 ist das Land vom Netto-Exporteur zum Netto-Importeur geworden (Peak Oil: Großbritanniens Ölförderung in 2011 um fast ein Sechstel gesunken). Die Förderraten sinken rasant - im Jahresvergleich von Februar 2011 zum Februar 2012 mal eben um über 30%.

Diese Entwicklung belastet nicht nur die britische Handelsbilanz, sondern sie zeigt Europa das absehbare Ende des Nordseeöls auf. Bislang bezieht Deutschland noch fast ein Viertel seines Verbrauchs aus der Nordsee, doch wenn die Verbrauchsmengen nicht spürbar sinken, wird der Nordsee-Anteil künftig durch Öl aus anderen Weltregionen ersetzt werden müssen. Die europäische Wirtschaft sollte sich deshalb um Stabilität in den Förderländern bemühen, sowie mit Szenarien umgehen lernen, wenn diese Stabilität nicht eintritt oder die Exportpolitik der Förderländer sich wandelt.

Preislücke zwischen Brent und WTI

Bedeutsam für Europa ist auch die Entwicklung der Ölpreise. Nach dem britischen Ölfeld Brent, das 1971 gefunden und aus dem seit 1976 gefördert wird (und dessen Fördermengen bereits über 99% unter seinem Peak liegen), ist die gleichnamige Ölsorte benannt, deren Preis "Brent" für Europa die wichtigste Rolle spielt.

Dieser Preis ist die Grundlage für den Großteil des europäischen Verbrauchs - und auch für die Spritpreise, die Autobesitzer und die Logistik-Branche an den Tankstellen zahlen. Seit Ende 2010 klaffen die Preisniveaus zwischen dem europäischen Öl Brent und der nordamerikanischen Ölsorte WTI (West Texas Intermediate) auseinander. Dieses Phänomen trat in den Jahrzehnten zuvor nie auf - nur kleinste Differenzen über vergleichsweise kurze Zeiträume waren mal mehr oder weniger zu zahlen.

Setzt man das Prinzip von Angebot und Nachfrage voraus, in dem Preise relative Knappheit signalisieren, so muss vermutet werden, dass sich zwischen der Ölversorgung Nordamerikas und der Ölversorgung Europas seit etwa anderthalb Jahren etwas grundlegend verschoben hat. Immerhin auf über 27 US$ stieg die Differenz im September 2011, was fast ein Drittel Aufschlag auf die nordamerikanische Ölsorte bedeutet. Im Schnitt liegt dieser Spread bei 16 US$ seit Januar 2011.

2006/2007 begann die Trendumkehr bei der Ölproduktion in den USA, wo seitdem durch die Fracking-Fördermethode neue Öl-Ressourcen förderbar gemacht wurden. Dadurch wurde der seit den 1970ern anhaltende Trend umgekehrt und die Fördermengen steigen wieder. Unkonventionelle Fördermethoden wie das Fracking, bei dem Gesteinsschichten künstlich aufgebrochen und mittels Flüssigkeiten offengehalten werden (Clean Fracking, Peak Oil und "unterirdische Raumplanung"), sind die große Hoffnung der Ölindustrie und der Energieverbraucher weltweit und sollen die Gefahr des Peak Oil umgehen helfen. Fracking könnte in Europa für einzelne Länder neue Ölquellen erschließen helfen, aber die zu erwartenden Mengen sind überschaubar und unter dem Blickwinkel von Umwelt- und Klimafragen ist dieser Entwicklungspfad nur ein scheinbarer Ausweg.

Allein das Fracking kann die Lücke in der Preisentwicklung am US- und dem europäischen Markt aber nicht erklären, doch feststellbar ist: Aus Sicht des "Wettbewerbs der Kontinente" ist Europa doppelt getroffen: sinkende Eigenförderung bei überproportional steigendendem Preisniveau.

Das Erreichen des Fördergipfels ist für den Kontinent bis hierher kein wirklich spürbares Problem gewesen. Die Wirtschaft funktioniert noch und was an Eigenförderung wegbrach, hat Europa eben am internationalen Ölmarkt zusätzlich dazugekauft. Das könnte auch weiterhin so funktionieren, wenn der Exportmeister Deutschland, der viel Kaufkraft für die Ölimporte einholt, weiter fleißig Maschinen und Autos in alle Welt verkauft - was angesichts steigender Ölpreise ein zunehmend fragiles Geschäftsmodell sein dürfte.

Ob die deutsche Wirtschaft ihre Erlöse allerdings mit den anderen Europäern teilen will, muss wohl verhandelt werden. Auch zu welchem Preis die Norweger Öl ins Resteuropa verkaufen wollen und welchen Preis Russland verlangt, ist Verhandlungssache - aus Russland stammt ca. ein Drittel des europäischen und auch des deutschen Ölverbrauchs. Man kann jeder Seite nur Verhandlungspartner wünschen, die nicht nur nationalen Egoismen frönen. Vor allem die Deutschen sollten sich klar machen, dass man für Geld zwar Dinge kaufen kann, dass man ohne Öl aber nur schwer Automobile bauen, verkaufen und fahren kann.

Wirtschaft auf heutigem Output-Niveau ist ohne Öl kaum denkbar, in den 1960ern wäre ein anderer Entwicklungspfad noch möglich gewesen, doch heute ist die Versorgung mit Erdöl die Grundlage europäischen Wirtschaftens überhaupt. Der bereits seit 10 Jahren überschrittene Höhepunkt in der europäischen Ölförderung spielt derzeit im politischen Diskurs nur eine sehr (sehr!) subtile Rolle. So kommt das Stichwort Peak Oil weder im Energiekonzept der Bundesregierung noch im Arbeitspapier von Sven Giegold vor, obwohl beide Papiere den Umbau unserer fossil geprägten - und damit vom Aushungern bedrohten - Energieversorgung fordern. Vielleicht würde es deutschen Ingenieuren, griechischen Politikern und französischen Stadtplanern (und allen anderen) die Dringlichkeit solch einer Transformation verdeutlichen, wenn immer mal wieder betont würde: Europas (Ölförder-)Höhepunkt ist überschritten.

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