Herdenstimmung: Die Deutschen lieben Angela Merkel

06.07.2012

Politisch ist Deutschland auf Stillstand justiert, Auswege gelten als Einbahnstraßen

Die Krise schreitet fort, die Piraten, die erst einmal Hoffnung auf Veränderung geweckt haben, verlieren an Zustimmung. Das liegt nicht nur daran, dass sie nun in der Ebene einiger Landesparlamente angekommen sind und das Entern nun in kontinuierliche Arbeit übergeht, oder dass die üblichen Macht- und Konkurrenzkämpfe um politische Ausrichtung und Posten stattfinden. In Schwierigkeiten, Krisen oder Konflikten halten sich die Menschen oft an diejenigen, die schon an der Macht sind. Ihnen traut man noch am ehesten zu, das Schiff lenken zu können, einfach auch deswegen, weil sie am Ruder sind und sich auf der Weltbühne bewegen - und dies schon öfter und länger als neue Parteien. Und das mehr oder weniger lustige Volk der Piraten hat zu vielen der großen Themen wenig und auch wenig Überzeugendes zu sagen.

Im neuen ARD-Deutschlandtrend bestätigt sich dieses normale Herdenverhalten - oder sollte man es zeitgeistgemäßer eher Schwarmverhalten nennen? Die CDU legt wieder einen Punkt zu und kommt auf 35 Prozent, die SPD dümpelt bei 30 Prozent, die Piraten, die im Mai noch bei 11 Prozent lagen, sind mittlerweile auf 7 Prozent abgerutscht, während die "etablierteren" Grünen und Linken ein wenig zulegen konnten und jetzt auf 14 bzw. 7 Prozent kommen. Zwar trauen der Union auch nur 42 Prozent zu, mit der gegenwärtigen, sich eigentlich schon 5 Jahre lang hinziehenden Euro-Krise klar kommen zu können, während 36 Prozent dies keiner Partei mehr zutrauen. An die SPD glauben aber nur 17 Prozent, die anderen Parteien spielen hier praktisch keine Rolle.

Erstaunlich ist, dass die FDP von der Stärke der Union und vor allem von der der Kanzlerin nicht profitieren kann. Trotz der Erfolge bei den letzten Wahlen würden jetzt gerade einmal 4 Prozent die Liberalen wählen - und deren Minister liegen weiterhin in der Popularität ganz hinten. Wahrscheinlich hängt der Erfolg von Merkel und der Union, die durch Hinauszögern und Herumeiern mit zur Vergrößerung der Krise beigetragen haben, auch mit dem Scheitern der Liberalen zusammen. Die kriegen gewissermaßen als Sündenbock, aber freilich nicht ganz unschuldig, die Verantwortung für das zugeschrieben, was schief läuft, während der Union und vor allem Merkel eher das Positive zugeschrieben wird - oder zumindest die Wahrung der Stabilität und der scheinbaren Interessen der Deutschen.

Bundeskanzlerin Merkel ist überhaupt ein Phänomen, ihre Popularität bei den Deutschen, selbst bei den Anhängern der anderen Parteien, fast schon ein Wunder. Fast hat man den Eindruck, sie hält Deutschland noch zusammen, verbannt die wachsende Angst und Unsicherheit allein durch ihr Dasein und weil sie scheinbar irgendwie gegen die Wünsche der anderen Länder die Deutschen und ihren Lebensstandard zu schützen scheint. Die deutsche Mutti, die symptomatisch keine ist, ent-setzt die Angst vor dem Chaos durch ihre exzessive Biederkeit und Beharrlichkeit. Das hat sie von ihrem Vorgänger Kohl geerbt. Auch wenn sie als Wissenschaftlerin punkten kann, zeigt sie ebensowenig wie Kohl den Anschein von Intellektualität. Sie wird bewundert als Wiesel, das überall durchkommt, ohne offensichtlich böse und arrogant zu sein.

Wie auch immer, 66 Prozent - 8 Prozent mehr als im Juni - sind zufrieden mit Merkels politischer Arbeit. Bei den Wählern der Grünen sind es 60 Prozent, bei denen der SPD 50 Prozent. Da gibt es kaum Chancen für eine Opposition, für einen Gegenkandidaten. Das Triumvirat der SPD ist schon lange abgewirtschaftet, dem Zustand der Partei entsprechend, die sich thematisch und personell nicht erneuern kann und sich noch immer nicht aus der Schröder-Ära lösen kann. Steinbrück hätte noch die besten Chancen, wohl weil er sowieso mit Merkel zusammen regiert hat und sich politisch auch kaum von der CDU unterscheidet.

In einer Demokratie - natürlich - sollen die Argumente und die politische Orientierung den Ausschlag geben. In Wirklichkeit ist es jedoch oft eine Verschmelzung von Politik und Person. Merkel verkörpert das Vertrauen, sie repräsentiert einen Politiker, der sich ohne Programm den Gegebenheiten anpasst, um die Macht zu erhalten. Das Prinzip der Selbsterhaltung. Vielleicht ist das die Stimmungslage der Mehrheit der Deutschen. Ein Aufbruch ist unerwünscht, weil zu riskant. Aber es gibt auch Niemanden, der das Risiko der Veränderung politisch-erotisch-ästhetisch repräsentieren könnte. Allerdings sind vermutlich auch die Deutschen von dem "Yes, we can"-Versprechen und der ernüchternden Einlösung ent-täuscht worden, was ja auch ein Schritt der Aufklärung ist, die seit jeher ein Unternehmen ist, das Geschehen auf der Bühne des Scheins zu entlarven, aber der die Verzauberung fehlt.

Aber die Personen werden auch nur im Schlechten oder Guten attraktiv, wenn der Kontext stimmt. Geistig sind wir heute verarmt, Utopien haben ausgedient, ideologisch gibt es nichts Neues, wir stehen mit dem Rücken zur Wand und haben letztlich den Glauben an die Möglichkeit des politischen Fortschritts, an den Fortschritt des Menschengeschlechts verloren, weil sich der als Illusion, als ewiger Köder erwiesen hat. Manche Marxisten glauben immerhin noch an den Zusammenbruch des kapitalistischen Systems, aber der wurde schon so oft vorhergesagt und nach dem tendenziellen Fall der Profitrate berechnet, dass darauf kaum noch jemand setzen wird. Wir sind mehr denn je im Posthistoire, im Schwarzen Loch der Zukunft.

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