Kabelbinder, wahre Liebe und purpurbehelmte Liebeskrieger

Der Roman "50 shades of grey" entwickelte sich von Fan-Fiction im Web zum größten Bestseller seit Harry Potter. Teil 1: Schwülstiges und Stalking

Ein bisschen Schwulst muss sein

Die Art und Weise, wie in Liebesromanen nicht nur die Gefühlswelt, sondern gerade auch die menschliche Anatomie beschrieben wird, gab schon immer Anlass zur Erheiterung. Persifliert wurde dies unter anderem in der "Nackten Kanone", als Dr. Meinheimer aus seinem Buch vortrug: "Sie wanden sich in ihrer Sinnlichkeit, als er seinen purpurbehelmten Liebeskrieger in ihren bebenden Liebespudding hineinbohrte." Auch im Film "10 Dinge, die ich an dir hasse", in dem die Direktorin heimlich Liebesromane schreibt, wird aus "Reginalds pochendem Glied" schließlich seine "pulsierende Bratwurst", was verdeutlicht, welche Absurdität dahinter steckt. In den Cora-Romanen werden die männlichen und weiblichen Attribute denn auch mit blumigen Umschreibungen versehen, die nicht zuletzt, wenn es um Penis und Vagina bzw. Klitoris geht, als Zentrum der Weiblichkeit oder pulsierende Männlichkeit ihren Weg in die Romane finden.

Ebenso schwierig gestalten sich die Sexszenen an sich. Das liegt daran, dass einerseits dargestellt werden soll, wie die Protagonisten fühlen, es andererseits aber auch abseits des "oh, oh, oh ja, jetzt" auch noch in irgendeiner Form Worte geben soll. Nicht selten sind daher auch jene Romane, die als "sexy Literatur" gedacht sind, eher Romane, die für unfreiwillige Komik sorgen. Selbst die seit "Twilight" über die Frauenliteratur hereinbrechende Fantasywelle, die mit Vampiren, Gestaltenwandlern und Hexen, Unsterblichen, Dämonen usw. aufwartet, hat diesbezüglich viele Alternativen zu bieten, wobei die Beschreibungen noch um magische Aspekte ergänzt werden.

Und dann war nichts mehr spielerisch, als ich mich ihm öffnete. Todernst suchte ich nach dem Gral, der uns über uns selbst hinausheben und in jenes Reich bringen würde, in dem unsere Seelen verschmelzen konnten. […] Fordernd stieß seine Hüfte gegen meine, und ich spürte, wie meine Gedanken davonglitten und eine offene Schlucht hinterließen, an der wir liebevoll miteinander rangen. Und dann waren wir da - wir standen am Rand der Klippe und kämpften schwankend um Beherrschung.

Yasmine Galenorn - Die Hexe

Explizite Sexszenen in Liebesromanen sind insofern für den Autor eine Herausforderung - und in vielen Fällen wird diese nicht erfolgreich gemeistert. Für den Überraschungserfolg "50 shades of grey" gilt dies einmal mehr. Die Begeisterung, die dem Buch derzeit zuteil wird, ist aber nicht nur wegen seiner literarischen Mängel oder der Thematik einer BDSM-Beziehung überraschend, vielmehr ist es die Art und Weise, wie hier einmal öfter psychische und physische Misshandlung als Ausdruck der wahren Liebe angesehen wird, die es zu erlangen gilt.

Der Frau kommt hier die Rolle des Aschenputtels zu, die lang genug Qualen und Beleidigungen ertragen muss, um am Schluss in den Genuss des Preises - eben der wahren Liebe - zu kommen. Ein Schema, dem viele Kitschromane weiterhin folgen, ohne zu merken, wie sie damit nicht nur eine falsche Toleranz gegenüber Misshandlungen predigen, sondern auch ein Männerbild kolportieren, das nur in einem "alles mehr oder minder grausame Idioten, emotional verkrüppelt" münden kann.

Geliebter Stalker

"50 shades of grey" ist als sogenannte Fan-Fiction entstanden, als eine von "Twilight" inspirierte Geschichte, die zuerst im Netz auf Begeisterung stieß, dann als eBook erhältlich war und nun nicht nur als Buch, sondern auch in naher Zukunft als Film verfügbar sein wird. Die genaue Entstehungsgeschichte bleibt unklar: Während Vintage, jene Verlagsgruppe, die sich die Buchrechte sicherte, darauf besteht, dass die Fan-Fiction, die als "Masters of the universe" entstand, sowie "50 shades of grey" zwei komplett unterschiedliche Werke sind, ergaben Textanalysen anderes.

"Vintage says of MOTU and 50 Shades, 'they were and are two distinctly separate pieces of work.' Turnitin says they are 89% the same", lautet das Fazit von "Dear Author", einem Blog von Lesern für Leser, welches "Masters of the universe" und "50 shades of grey" verglich. Die analysierten Textstellen ergeben, dass oft genug lediglich einzelne Worte oder aber Namen verändert wurden, so gibt es statt des Edward Cullen nunmehr Christian Grey und Isabella Swan wurde zu Anastassia Steele. Andere Namen wurden kaum verändert, sodass die Ähnlichkeit noch deutlicher wird. Ein Beispiel hierfür wäre Carlisle Cullen, der zu Carrick mutiert.

"50", wie die Trilogie aus "50 shades of grey", "50 shades darker" und "50 shades freed" heißt, folgt dabei dem Twilight-Duktus nicht nur in der Erzählstruktur, sie weist auch das gleiche Problem auf, das bereits in "Twilight" offen zutage trat: eine ebenso frauen- wie auch männerfeindliche Ansicht in Bezug auf Beziehungen und Liebe, sofern das, was in den Romane/Filmen eine Rolle spielt, überhaupt mit Liebe zu tun haben kann.

In "Twilight" ist es der geheimnisvolle Vampir Edward, der Bellas Leben nach und nach völlig dominiert. Ist er aus ihrem Leben verschwunden, so vegetiert sie nur noch vor sich hin und bringt sich in Gefahr, um seine Stimme zu hören, Freunde und Familie werden weitgehend vernachlässigt und das Denken an den geliebten Vampir beherrscht den gesamten Tag. Hinzu kommt, dass Edward Verhaltensweisen an den Tag legt, die (ähnlich wie in dem Popsong "Satellite" von Lena) nur als Stalking bezeichnet werden können, interessanterweise aber seit Längerem wieder als Anzeichen für wahre Liebe und Besorgnis gesehen werden.

So schleicht sich Edward nachts in Bellas Zimmer, um ihr beim Schlafen zuzusehen, er liest die Gedanken ihrer Freunde und ihrer Familie (da er ihre eigenen nicht lesen kann) - natürlich nur, um sie zu beschützen und weil er sie so liebt. (Isa)bella ist jedoch von diesen Verhaltensweisen keineswegs angewidert, sondern sieht sie als Zeichen seiner Liebe an und fühlt sich geschmeichelt.

Auch "50" folgt dieser Ansicht und lässt den Protagonisten Christian Grey nicht nur mit einer unerfahrenen Jungfrau (das muss mittlerweile sein, in solchen Romanen) eine "BDSM-Beziehung" führen, sondern ihn auch sonst ihr Leben kontrollieren und sie stalken, was Ana(stassia) entzückt und glücklich macht, wobei sie sich sogar noch Gedanken darüber macht, ob sie beispielsweise zu viel getrunken hat, während er sie heimlich beobachtete. So bittet Ana Christian, sie in Ruhe zu lassen und fliegt nach Georgia, um dort ihre Mutter zu treffen - nur um festzustellen, dass Christian ihr von Washington nach Georgia gefolgt ist, um dort bei ihrem Treffen aufzutauchen. Ihre Reaktion darauf spricht Bände:

"So you just happen to be staying in the hotel where we're drinking?" I ask, trying hard to keep my tone light." Or, you just happen to be drinking in the hotel where I'm staying," Christian replies. "I just finished dinner, came in here, and saw you. I was distracted thinking about your most recent email, and I glance up and there you are. Quite a coincidence, eh?" He cocks his head to one side, and I see a trace of a smile. Thank heavens - we may be able to save the evening after all.

(50 shades of grey)

Dies ist zugleich männer- wie auch frauenfeindlich und zeigt, wie viele "moderne" Autorinnen doch wieder dem gleichen alten Schema folgen und Hörigkeit und Dominanz mit Liebe verwechseln. Dabei ist auffällig, dass stets der Mann der Dominierende ist, der die Wünsche der Frau ignoriert (da er ja viel besser weiß, was die Frau will), während die Frau letztendlich über diese Ignoranz sogar glücklich ist, da sie letzten Endes zwar "nein" sagte, aber "ja" meinte. Jegliche Bemühungen, Stalking als das zu sehen, was es ist - nämlich Besessenheit, Ignoranz gegenüber den Wünschen anderer, fernab von etwas Liebevollem - werden durch solcherlei Bücher wieder terminiert.

Edward aus "Twilight" und Christian aus "50" sind insofern Entschuldigungsfiguren für jeden Stalker, der Frauen terrorisiert, sie sind die fleischgewordene Behauptung, dass Stalking und wahre Liebe das Gleiche sind. Bella und Ana dagegen sind rückständige Frauenfiguren, die hinter ihrer vermeintlichen Progressivität und Selbstbestimmung nur Projektionsfiguren für den Mann sind, die dem Geliebten jede Misshandlung verzeihen und höchstens sich selbst die Schuld für jegliche Verstimmung geben.

Dass diese Art Romane, wie auch bei "50" zu sehen ist, Frauen magisch anziehen, ist beklemmend. So sagten Frauen in einer Talkshow, dass sie "50" nicht zuletzt deshalb erotisch und romantisch finden, weil Christian weiß, was Ana möchte, ohne dass sie es sagt. Dass Christian Anas Wünsche einfach ignoriert, fällt bei dieser Betrachtung völlig unter den Tisch - und so lässt sich seine Haltung auf ein "Du willst es doch auch" reduzieren.

Morgen in Teil 2: Der Missbrauch hat mich gerettet …

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige
Cover

Krisenideologie

Wahn und Wirklichkeit spätkapitalistischer Krisenverarbeitung

Die aktuelle "Enthüllung" der SZ hatten wir schon 1998, deshalb frisch aus dem Archiv:

Christiane Schulzki-Haddouti 24.08.1998

Undercover

Der BND und die deutschen Journalisten

weiterlesen
Demokratie am Ende?

Wolfgang J. Koschnick analysiert den Niedergang der entwickelten parlamentarischen Parteiendemokratien. Das verbreitete Klagen über "die Politiker" und die allgemeine "Politikverdrossenheit" verstellt den Blick dafür, dass alle entwickelten Demokratien in einer fundamentalen Strukturkrise stecken.

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS