Kabelbinder, Peitschen und Analstöpsel

"50 shades of grey", die Geschichte eines kontrollsüchtigen Schlägers und seiner jugendlichen Gespielin, entwickelt sich zum Publikumsrenner und muss als Liebesgeschichte herhalten. Teil 2: Der Missbrauch hat mich gerettet ...

"50 shades of grey" ist nicht nur eine weitere "romantische Liebesgeschichte", sie besticht insbesondere durch explizite Sexszenen und durch das, was sich die Autorin allem Anschein nach unter einer BDSM-Beziehung vorstellt. Diese Vorstellung fußt auf der Idee, dass nur genug Bondage/Fesselspielchen vorhanden sein müssen, um aus einer Beziehung eine BDSM-Beziehung zu machen. Dementsprechend beginnt die Faszination der sexuell unerfahrenen Protagonistin Ana für den sexy-gutaussehenden und reichen Christian denn auch in einem Baumarkt, wo er unter anderem Kabelbinder ersteht. Dass er diese für seine Sadomasospiele in dem von ihm eingerichteten Schmerzensraum benutzt, erfährt sie erst später - doch dann debattiert sie willig mit dem reichen und verführerischen Christian darüber, wie ihr Vertrag bezüglich ihrer Submission aussehen soll.

Dieser Vertrag nimmt immerhin ein ganzes Kapitel des Buches ein und soll allem Anschein nach aufzeigen, wie BDSM-Beziehungen funktionieren, inclusive einem "Safe Word", das dann gesagt wird, wenn es Ana zu viel wird. Ana wählt "Popsicle", also Eis am Stiel. Dies ist interessant da sie gleichzeitig auch Christians Penis als "Popsicle" bezeichnet und das Wort auch in einem späteren, verstörenden Kontext vorkommt. Christian stellt Ana anfangs seinen Penis vor, mit der ihm eigenen Selbstverliebtheit:

I want you to become well acquainted, on first name terms if you will, with my favourite and most cherished part of my body. I’m very attached to this.

während Ana seinen Penis dann auch mit der ihr eigenen Begeisterung als "my very own Christian Grey flavor Popsicle" bezeichnet.

Anas Unterwerfung stellt von Beginn an die Grundlage für Christians Vergnügen dar, wobei sie nur etlichen anderen Frauen folgt, die in seinem "Schmerzensraum" ("red room of pain") bereits zu Gast waren. Die Vorstellung der Autorin bezüglich BDSM ist insofern recht klar: Prügeln, Peitschen, Analstöpsel nutzen, das Leben insgesamt dominieren. BDSM praktizierende Menschen dürften entsetzt die Augen aufreißen, wenn sie lesen müssen, dass hier Stalking, psychische und physische Misshandlungen mit einer BDSM-Beziehung gleichgesetzt werden, da Christian auch die Essgewohnheiten usw. seiner Untergebenen kontrolliert und es verbietet, über den mit ihm geschlossenen Sexvertrag zu sprechen.

Die Ideen der Autorin, was sonstige Sexszenen angeht, sind bestenfalls ungewöhnlich, z.B. wenn tatsächlich die Entfernung eines Tampons in eine solche Sexszene eingebaut wird.

"When did you start your period, Anastasia?" he asks out of the blue, gazing down at me. "Err... yesterday," I mumble in my highly aroused state. "Good." He releases me and turns me around. "Hold on to the sink," he orders and pulls my hips back again, like he did in the playroom, so I'm bending down. He reaches between my legs and pulls on the blue string... what! And... a gently pulls my tampon out and tosses it into the nearby toilet. Holy fuck. Sweet mother of all... Jeez.

Missbrauch? Ach, der war so schön ...

Christian - das ist in diesem Zusammenhang wichtig - ist der Sohn einer drogensüchtigen Prostituierten, welche ihn während ihrer Dienstzeiten mit ihren diversen Freunden allein ließ. Die schlugen den Jungen schlugen und fügten ihm Verbrennungen zu. Als seine Mutter starb, blieb er ein paar Tage allein mit ihrem toten Körper in ihrer Wohnung. Später, als er in der Schule zu verwahrlosen drohte, wurde er von einer verheirateten älteren Frau "gerettet" - Elena Lincoln, die platterweise als "Mrs. Robinson" bezeichnet wird. Sie begann mit dem 15jährigen Christian eine "Beziehung", wobei er den Part des Unterworfenen spielte. Während Ana diese Tatsache höchstens mit Eifersucht auf die ältere Frau, die den armen jungen Christian missbrauchte und die ihn auch jetzt noch trifft, beantwortet und zwar kurzfristig einmal auf den Begriff des "Childmolesting" abzielt (was ein Sammelbegriff für Kindesvergewaltigung, sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Allgemeinen ist), ist Christian selbst derjenige, der Mrs. Robinson nicht nur weiter trifft, sondern auch von ihr als seiner Retterin schwärmt:

"I think of her as a child molester, Christian." I hold my breath, waiting for his reaction. Christian blanches. "That's very judgmental. It wasn't like that," he whispers, shocked. He releases my hand. Judgemental? " […]
"Anastasia, she helped me, that's all I'll say about that. And as for your jealousy, put yourself in my shoes. I haven't had to justify my actions to anyone in the last seven years. Not one person. I do as I wish, Anastasia. I like my autonomy. […]
She distracted me from the destructive path I found myself following. It's very hard to grow up in a perfect family when you're not perfect." Oh no. My mouth dries as I digest his words. He gazes as me, his expression unfathomable. He's not going to tell me any more. How frustrating. Inside, I'm reeling - he sounds so full of self-loathing. And Mrs. Robinson loved him. Holy shit... does she still?

Kurz gesagt geht es hier also um einen kontrollsüchtigen reichen Mann, der in seiner Kindheit missbraucht wurde, der in seiner Jugend in eine SM-"Beziehung" mit einer Erwachsenen geriet (wobei er den Unterworfenen darstellte) und der nunmehr junge dunkelhaarige Frauen, die ihn an seine Mutter erinnern, in seinem Schmerzensraum prügelt und peitscht. Normalerweise wäre dies ein Plot, der für "American Psycho III" oder "Spirale der Gewalt" geeignet wäre, nicht jedoch für einen romantischen Liebesroman. Doch die Tatsache, dass am Schluss Ana und Christian, genau wie auch Bella und Edward, ein Kind bekommen, scheint all diese Problematiken bei den Leserinnen in den Hintergrund zu stellen.

Das Missbrauchsthema ist in dieser Romanreihe nicht nur ärgerlich - es ist auch beklemmend und hinterlässt einen verstörenden Eindruck. Dies ist der Art und Weise geschuldet, wie hier Christians offensichtlich geschädigte Psyche als völlig normal dargestellt wird. Weitaus mehr in dieser Hinsicht leisten jedoch die Stellen, in denen das Kind direkt eine Rolle spielt. Dies beginnt schon mit Anas Schwangerschaft.

Schwanger? Verdammt! und: Kannst du bitte auf meinen Bauch einschlagen?

Als Ana Christian mitteilt, dass sie schwanger ist, da ihre Verhütung versagte, ist Christians Reaktion keineswegs die eines verantwortungsvollen Menschen, der gemeinsam mit der von ihm geliebten Frau nun überlegt, was zu tun ist:

"Christ, Ana!" He bangs his fist on the table, making me jump, and stands so abruptly he almost knocks the dining chair over. "You have one thing, one thing to remember. Shit! I don’t fucking believe it. How could you be so stupid?" Stupid! I gasp. Shit. I want to tell him that the shot was ineffective, but words fail me. I gaze down at my fingers. "I’m sorry," I whisper. "Sorry? Fuck!" he says again.
"I know the timing’s not very good."
"Not very good!" he shouts. "We’ve known each other five fucking minutes. I wanted to show you the fucking world and now … Fuck. Diapers and vomit and shit!" He closes his eyes. I think he’s trying to contain his temper and losing the battle.
"Did you forget? Tell me. Or did you do this on purpose?" His eyes blaze and anger emanates off him like a force field.

Doch natürlich wird das Baby ausgetragen und am Ende wird bereits das zweite Baby angekündigt. Doch hinsichtlich des gemeinsamen Babys zeigt sich, warum "50" alles andere als romantisch ist, sondern (gerade in Bezug auf Kinder und Jugendliche) mit sexueller Gewalt und Gewalt im Allgemeinen ein erschreckendes Bild malt, das als Liebe verbrämt und auch so aufgenommen wird. Denn während Anas Schwangerschaft frönen die beiden Jungvermählten natürlich weiterhin ihrer Leidenschaft zur Gewaltausübung bzw. -hinnahme, was insbesondere darin gipfelt, dass Christian Anas auf schwangeren Bauch mit einer Peitsche schlägt:

The strands of the flogger skim across my swollen belly at an aching, languorous pace.

Erneut zeigt sich hier, wie eine vermeintliche BDSM-"Liebesgeschichte" dafür genutzt wird, physische Misshandlungen vorzunehmen. In diesem Fall sogar dafür, ein ungeborenes Leben zu gefährden.

Es ist nicht die einzige verstörende Szene, die Kinder involviert. "Popsicle" - Eis am Stiel, ist nicht nur Anas "Safe Word", sondern auch ihre Bezeichnung für Christians Penis. Daher lässt die Szene mit dem gemeinsamen Kind, in der Christian die Finger seines kleinen Sohnes ableckt, ein flaues Gefühl im Magen zurück:

"I think Daddy wants to taste popsicle, too," I whisper in Ted's little ear. Ted frowns at me, then looks at his hand and holds it out to Christian. Christian smiles and puts Ted's fingers in his mouth.  Hmm...tasty.

Tasty? Lecker? Es wird nicht ganz klar, ob nun Christian oder Ana das Ablecken der Finger als "lecker" ansieht. Beide Möglichkeiten sind jedoch wenig beruhigend, zumal sie in Verbindung mit dem "Eis am Stiel" erscheinen. Soll nun Christian den Unterworfenen spielen oder welche Art von "Eis am Stiel" ist gemeint? Da nicht anzunehmen ist, dass der dominante, kontrollsüchtige und nicht zuletzt gewalttätige Christian sich auf einen solchen Vertrag einlassen würde, stellt sich die Frage, was Ana meint, wenn sie davon ausgeht, dass auch Christian einmal "Eis am Stiel" probieren möchte. Davon ausgehend, dass Ana Christians Penis so bezeichnet, sind Vermutung hinsichtlich einer später stattfindenden sexuellen Gewalt gegenüber dem Kind nicht wirklich unangebracht. Christians Ansichten in Bezug auf Beziehungen zwischen Erwachsenen und ihm als Jugendlichen z.B. sind diesbezüglich ja recht eindeutig.

Das zweite, noch ungeborene Kind, wird in ähnlicher Weise kommentiert:

"How's my daughter?"
"She's Dancing"
"Dancing?, oh wow yeah I can feel her"
He grins as blip two [die ungeborene Tochter] somersaults inside me
"I think she likes sex already."

Wenn so viele Menschen diesen Roman nicht nur als gut geschrieben, sondern auch als romantisch ansehen, stellt sich die Frage, was dies über diese Menschen und ihre Beziehungen aussagt, über ihre Denkweise. Christians Reichtum, der in solchen Romanen immer vorhanden ist (da die Frau mit Geschenken überhäuft werden muss), ist dann letztendlich nur noch ein weiterer Aspekt dafür, wie frauen- und männerverachtend zugleich dieses Traktat ist und wie ein in emotionaler Krüppel mit sadistischen Neigungen zu einem Romeo verklärt wird, wenn er nur reich, gutaussehend und potent genug ist. Die gefühlte 50 Orgasmen, die Ana jeden Tag in dieser Beziehung hat, zeigen auf, wie einfach gestrickt manche Weltbilder sind: Gib mir Geld, gib mir Geschenke, stalke mich, um zu zeigen, wie du auf mich stehst, bring mir Orgasmen und schon bist du mein Traummann. Dass Angelina Jolie tatsächlich bereits Interesse daran gezeigt hat, bei der Verfilmung von "50" Regie zu führen, ist insofern erschreckend, als offensichtlich der Reiz der Verbotenen (in diesem Fall BDSM) die kritische Betrachtung der Romane verhindert.

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