Der Filz, nicht Erdbeben oder Tsunami

08.07.2012

Die vom japanischen Parlament eingesetzte unabhängige Kommission macht deutlich, warum Atomenergie nicht technisch, sondern politisch und gesellschaftlich kaum kontrollierbar ist

Eine vom japanischen Parlament eingesetzte unabhängige Kommission hat letzte Woche ihren Abschlussbericht über die Fukushima-Katastrophe vorgelegt, während der erste Reaktor unter Protesten wieder ans Netz ging, nachdem Japan zwei Monate lang atomstromfrei war. Der Bericht macht klar, dass die Havarie zwar vom Erdbeben und dem darauf folgenden Tsunami verursacht worden war, aber das sie vermeidbar gewesen wäre, hätte es nicht den üblichen Filz der Atomlobby und der Politik gegeben, der auch das Krisenmanagement beeinträchtig hat. Wie so oft geht es nicht allein um die Technik, sondern um den human factor, der viel mit Geld und Macht zu tun hat, was aber in den Sicherheitsszenarien keine Rolle spielt.

AKW Fukushima 1 im Juni 2012. Bild: Tepco

Es sei keine Naturkatastrophe gewesen, sondern "ganz klar ein von Menschen gemachtes Unglück", so heißt es in dem über 600 Seiten dicken Bericht, in dem auch klar gemacht wird, dass die Kommission viele Fragen nicht berücksichtigen konnten. Tepco wird zwar die Hauptschuld zugeschoben, da Warnungen vor Erdbebengefahren und Sicherheitsvorkehrungen missachtet wurden. Das konnte Tepco allerdings nur, weil die Atomsicherheitsbehörde NISA dies geduldet hat.

Der Filz zwischen Regierung, Aufsichtsbehörde und Atomkonzern verhinderte die Sicherheitsmaßnahmen, die möglicherweise das Unglück hätten verhindern können. Es sei das "Recht der Nation, sicher vor Atomunfällen zu sein", hintergangen worden. Die Aufsichtsbehörde sei zum "Sklaven" geworden und habe daher keine effektive Kontrolle mehr ausgeübt. Bezweifelt wird, dass die Schäden nur auf den Tsunami zurückzuführen seien, wie Tepco behauptet, da vermutlich, zumindest im Reaktor 1, wo es schnell zum Beginn der Kernschmelze kam, bereits Kühlsysteme durch das Erdbeben beeinträchtigt wurden.

Weil nicht die Technik selbst, sondern Organisation und Kontrolle die Hauptursache darstellen, müssten grundlegende Reformen stattfinden, so die Kommission. Sie müssten die Struktur der Stromkonzerne, aber eben auch die der Regierungs- und Regulierungsbehörden sowie die Betriebsprozesse verändern. Ob das bei einer Großtechnologie wie der Atomenergie überhaupt möglich ist, bleibt allerdings unbeantwortet. Die Aussage aber ist deutlich: Die Aufsichtsbehörden haben versagt. Sie waren nicht unabhängig von der Regierung, die Atomenergie fördern wollte. Transparenz gab es sowieso nicht.

Die Sicherheit der Menschen war weder das Ziel der Regierung noch von Tepco, als sie auf das Unglück reagierten. Die Menschen, die in der Nähe des AKW lebten, wurden nicht rechtzeitig gewarnt oder informiert, obgleich die Behörden und Tepco wussten, dass es sich um ein außergewöhnliches Unglück handelte. Das alles ist eine vernichtende Kritik, die eigentlich verhindern sollte, dass aufgrund des Filzes schon wieder ein Reaktor ans Netz gehen konnte.

It was a profoundly manmade disaster - that could and should have been foreseen and prevented. And its effects could have been mitigated by a more effective human response.

Kiyoshi Kurokawa, der Vorsitzende der Kommission

Indes gibt es neue Warnungen. Offenbar sammelt sich aus dem havarierten AKW stammendes Cäsium nun in den japanischen Seen und in der Bucht von Tokio an.

Radioaktiv kontaminierter Schlamm werde, so Medienberichte, langsam von den Flüssen in die Seen transportiert. Die Cäsiumbelastung von Fischen in den Seen der Präfekturen Fukushima und Umgebung wächst. Die Süßwasserfische sind offenbar stärker belastet als die Fische im Meer. In einem Fisch in einem Fluss nördlich des AKW Fukushima wurde pro Kilo eine Belastung von 2.600 Becquerel gemessen, bei den meisten Meeresfischen liegt die Kontamination unter 100.

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