Barschels Mörder?

16.07.2012

Tod eines Politikers, Teil 2

Zu Teil 1: Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des Mordes an Dr. Dr. Uwe Barschel

Blieb es Wille auch verwehrt, zum 20. Todestag Barschels mit einem eigenen Buch zu erscheinen und darin insbesondere die Geschichte der behinderten Ermittlungen zu erzählen, so konnte er wenigstens Expertise zu den zu diesem Anlass produzierten Dokumentationen des NDR ("Der Tod des Uwe Barschel"), des ZDF ("Tod in Genf - Der Fall Barschel") und des Schweizer Fernsehens ("L’affaire Barschel - Silence de Mort") geben. Die letztgenannte Produktion des Schweizer Journalisten Frank Garbely, der seinerzeit am Genfer Flughafen Barschel erkannt und angesprochen hatte, beleuchtete insbesondere die Ermittlungen des Privatdetektivs Griessen und ließ vor allem den Toxikologen Prof. Brandenberger ausführlich zu Wort kommen, der von einem professionell ausgeführten Mord ausgeht. Deutsche Sender lehnten die Ausstrahlung bislang ab.

Uwe Barschel. Bild: Engelbert Reineke, Deutsches Bundesarchiv (B 145 Bild-F065018-0020). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Wille steuerte Expertise zu zwei Buchpublikationen anderer Autoren bei, die ebenfalls im Herbst 2007 erschienen.

"Doppelmord"

Der vormalige SPIEGEL-Autor Wolfram Baentsch scheitert in "Der Doppelmord an Uwe Barschel" an der offensichtlichen Nähe zur Familie Barschel, die seinen Blick trübte. So wirkt das von ihm gezeichnete Heldengemälde eines nahezu untadeligen Politikers einseitig bis naiv, auch scheint er den zur Hochstapelei tendierenden Ex-Mossad-Agenten Ostrovsky und andere Zeugen überzubewerten.

"Doppelspiel"

Deutlich kritischer arbeiteten die vormaligen STERN-Autoren Michael Mueller, Rudolf Lambrecht & Leo Müller ("Der Fall Barschel. Ein tödliches Doppelspiel"). Das Trio verfolgte vor allem die Spur zum südafrikanischen Geheimdienst, die sich im Rahmen der U-Boot-Affäre aufgetan hatte. Barschel habe an die Südafrikaner weder das U-Boot liefern, noch die an die klamme HDW-Werft geleistete Anzahlung retournieren können. Schmiergelder waren für den verlorenen Wahlkampf draufgegangen. Die Autoren warteten insbesondere mit einem betagten Informanten aus der Waffenhändlerszene auf, der sie über die dortigen Gepflogenheiten ins Bild gesetzt hatte. Da man Geschäfte dieser Art nirgends einklagen könne, sei es dem Informanten zufolge in dieser Branche Brauch, Vertragsverstöße letal zu ahnden - mit Waffenhändlern legt man sich nun einmal nicht an.

HDW-Werft an der Kieler Förde. Bild: Klaas Ole Kürtz. Lizenz: CC-BY-SA-2.5

Zu diesem Szenario passt nicht nur der gut informierte südafrikanische Agent Stoffberg, der als "Mann fürs Grobe" den Auftrag sogar selbst erledigt haben könnte, sondern auch das damalige Giftprogramm des südafrikanischen Geheimdienstes unter Leitung von Dr. Wouter Basson, der mit Kontaktgiften experimentierte und nach diskreten Mordmethoden forschte. Insoweit ergäbe auch das im Badvorleger nachgewiesene Lösungsmittel Sinn, welches die Haut durchlässig für Substanzen macht. In Genf als vermutliche Welthauptstadt des Waffenhandels wäre die Vergeltung eines schlechten Geschäfts als Signal wohl verstanden worden.

"Ich werde auspacken"

Doch auch unter verärgerten Geschäftsleuten ist Mord kontraproduktiv und erregt unnötig Aufmerksamkeit für Geschäfte, die man nun einmal lieber im Dunkeln tätigt. Der Präferenz für die These einer Rache der Südafrikaner opferten die Autoren die Gewichtung der anderen Spuren. Ein überzeugenderes, weil vitales Motiv darf in Barschels von einer MfS-Mitarbeiterin bezeugten Ankündigung vermutet werden, er würde "auspacken", die "in Bonn" würden "ihn kennenlernen". Die Parteien, denen Barschel hätte schaden können, sind zahlreich: Seinen Kollegen von CDU, CSU, FDP und SPD, die am Tropf von Schmiergeldern hingen, den Rüstungsfirmen, den BND-Leuten und den Partnern aus der DDR - und den Vertretern jener Länder, die an einem denkbar anrüchigen Dreiecksgeschäft beteiligt waren, das bereits ein Jahr zuvor aufgeflogen war.

Iran-Contra-Skandal

Während an der Waterkant Barschel und Engholm 1986 jeweils einen schmutzigen Wahlkampf vorbereiteten, wurden die USA von einer Affäre erschüttert, die ebenfalls mit einem trickreich geführten Wahlkampf zu tun hatte: Iran-Contra. Die USA, die im damaligen Golf-Krieg den Irak hochgerüstet und gegen den Iran gehetzt hatten, lieferten heimlich ausgerechnet auch dem iranischen Khomeini-Regime in großem Stil Waffen. Reagan hatte allen Grund zur Dankbarkeit, verdankte er dem Schiiten seine gewonnene Wahl. Denn Khomeini hatte die Freilassung der damals im Iran festgehaltenen US-Geiseln aufgrund eines von seinem Vize George Bush ausgehandelten geheimen Abkommens um drei Monate aufgeschoben, was dem scheidenden Amtsinhaber Carter den Wahlkampf sabotierte. An der Abwicklung des Waffendeals war ausgerechnet Israel beteiligt gewesen, das offiziell mit den Golfkriegsparteien verfeindet war. Mit den Gewinnen aus dem Geschäft finanzierte die CIA heimlich den Guerilla-Krieg der Contras in Nicaragua. Etliche der ca. 800 Ex-CIA-Leute, die nach Watergate Mitte der 70er Jahre ihren Schlapphut hatten nehmen müssen und in private Sicherheitsfirmen gewechselt waren, vermochten in der Reagan-Ära außerhalb staatlicher Kontrolle an ihre frühere Geheimdienstarbeit in der Dritten Welt anzuknüpfen. In dem komplizierten Interessengeflecht akzeptierte die CIA die Refinanzierung der Contras durch deren Drogenhandel und deckte sogar den Zugang zum amerikanischen Drogenmarkt ab, obwohl man offiziell Krieg gegen die Drogen führte.

Ajatollah Khomeini. Bild: Public Domain

Obwohl die Regierung mit Militär und Geheimdiensten den Kongress umgangen und damit mehr oder weniger Hochverrat begangen hatte, verstand es der telegene Reagan wie stets mit seinem präsidialen Charme und Patriotismus die Entrüstung der amerikanischen Öffentlichkeit aufzufangen. Hierbei half vor allem der aufopfernde Offizier Oliver North, der die Schuld auf sich nahm und etliche Beweise rechtzeitig vernichtete - zum Schutz der nationalen Sicherheit. Auch die Karriere des vormaligen CIA-Direktors und Vizepräsidenten George Bush wurde nicht beschädigt, was dessen Präsidentschaftsnachfolge ermöglichte. Viele Details und das wahre Ausmaß von "Irangate" liegen nach wie vor im Dunkeln.

Oliver North. Bild: US-Government

Wenig bekannt ist, dass wesentliche Verhandlungen der Iran-Contra-Deals in Deutschland geführt wurden. Ein Zeuge sagte gegenüber Journalisten und dann auch bei der Staatsanwaltschaft Lübeck aus, er habe ein im Hamburger Hotel Atlantik aufgenommenes Foto gesehen, auf dem er jenen patriotischen Altenvernichter Oliver North, der 1986 in Deutschland zu tun hatte, gemeinsam mit einem deutschen Politiker gesehen hatte, der schon früher Kontakte zur CIA hatte: Uwe Barschel.

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