Esowatch heißt jetzt Psiram

13.07.2012

Was die Umbenennung nicht verhindert: Der Kampf zwischen Verfechtern und Kritikern alternativer Heilverfahren geht weiter. Auch auf Wikipedia

Am 7. Juli 2012 ging die Website psiram.com online. Der Name sei, erklären die Betreiber, ein Akronym aus Pseudowissenschaft, Irrationale Überzeugungssysteme, Alternative Medizin. Dass es sich nicht um neue Inhalte, sondern den Content des esoterikkritischen Online-Portals Esowatch.com handelte, beschreiben die Betreiber mit einer biblischen Metapher: "Sooo, Lazarus ist aus seinem Grab geklettert. Es hat etwas länger als drei Tage gedauert und er ist noch etwas staubig, aber er ist wieder da."

Doch warum war Lazarus verschwunden? Das fragten sich seit Ende Juni alle, die Esowatch.com aufrufen wollten. Im Wikipedia-Artikel hieß es, teilweise mit nur schlecht verhehlter Freude: "Seit 25.Juni. 2012 ist die Seite esowatch.com ohne Angaben von Gründen offline". Esowatch twitterte seine IP-Adresse und erklärte die Nichterreichbarkeit mit DNS-Problemen, doch so richtig überzeugen ließen sich die Kritiker nicht. Was dann folgte, war ein "Honigtopf" für Esos wie Eso-Skeptiker: Ein ganzer Maskenball von diskutierenden Sockenpuppen gab sich ein Stelldichein, nicht wenige wurden in den folgenden Tagen von Wikipedia gesperrt.

Esowatch.com sammelt seit 2007 in seinem Wiki verfügbare Kritik an Alternativmedizin, etwa der Homöopathie (Telepolis berichtete: Licht ins Dunkel des Irrationalen). Das Online-Portal hat sich der Aufklärung über alternative Heilverfahren verschrieben und sich dabei den Zorn all derjenigen zugezogen, die entsprechende Produkte und Dienstleistungen vertreiben oder einfach von ihnen überzeugt sind.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Entzaubern von Verschwörungstheorien, etwa den "Chemtrails", sowie der Darstellung rechtsextremer Aktivitäten im neuheidnischen und esoterischen Bereich, so im Artikel "Braune Esoterik". Das wiederum ärgert Rechtsextreme und ihre Verbündeten. Bei Themen wie der "Neuen Germanischen Medizin" oder dem "Fürstentum Germania" kommen esoterisches und rechtsextremes Gedankengut zusammen, und auch die Gegner kommen gleich aus mehreren Lagern. Viel Feinde, viel Ehr?

Angriffe, Drohmails und eine Klage vor Gericht

Auf Anfrage erklärt die Pressestelle von Psiram: "Wir waren und sind einigen Angriffen ausgesetzt, angefangen von Drohmails, die fast wöchentlich eintrudeln, über DDOS-Angriffe bis zum Stalking von Personen, die angeblich etwas mit Psiram zu tun haben sollen. Es gibt auch Stalkingseiten im Netz, die sich nicht scheuen, komplette Anschriften und teils sogar private Kontaktdaten von Personen zu veröffentlichen, die sie hinter Psiram vermuten." Ausführlich berichtete darüber kürzlich die Süddeutsche Zeitung. Psiram wie bereits Esowatch legen daher großen Wert auf Anonymität ihrer Mitarbeiter, was wiederum die Eso-Fraktion herausfordert: Wer steckt denn nun eigentlich dahinter?

Vielleicht auch um das herauszufinden, hat der Arzt Nikolaus Klehr, über den es einen wenig schmeichelhaften Psiram-Artikel gibt, einen der mutmaßlichen Betreiber von Esowatch auf Unterlassung verklagt. Sein Hauptzeuge ist der Betriebswirt und Journalist Claus Fritzsche, der jedenfalls nicht zu den Freunden von Psiram/Esowatch zählt. Er betreibt unter anderem das Esowatch-kritische Blog Esowatch.org. Zusätzlich gibt es die Domains Esowatch.de und Psiram.de, die beide vom Europäischen Berufs- und Fachverband für Biosens betrieben werden, den man ebenfalls mit "Esowatch-kritisch" beschreiben kann. Claus Fritzsche distanziert sich: "Mit den Seiten psiram.de und esowatch.de habe ich selbst nichts zu tun. Ich gebe diese Seiten nicht heraus und beeinflusse auch nicht ihre Inhalte und stehe mit den Herausgebern auch nicht in Verbindung."

Die Namensgleichheit sorgte bei der Wikipedia-Diskussion laufend für Verwirrung. Teilweise wusste keiner mehr, wer jetzt gerade wofür oder wogegen war. War am Ende das der Grund für die Namensänderung? Oder ist das wieder eine blödsinnige Verschwörungstheorie? Claus Fritzsche antwortet: "Diese These halte ich in der Tat für 'Blödsinn', um Ihre Wortwahl aufzugreifen." Auch die Psiram-Pressestelle hat eine andere Erklärung für die Namensänderung:

Der Name EsoWatch passte schon lange nicht mehr richtig zu unserem Projekt. Esoterik ist nur ein Teil unseres Themenspektrums. Wir ärgern uns in vielen Bereichen über Wissenschaftsfeindlichkeit und bloggen des Öfteren auch über Open Science, Gentechnik und andere Themen. Des Weiteren behandeln wir irrationales Denken, Pseudomedizin und vieles mehr. Als wir dann Schwierigkeiten hatten die alte Domäne mitzunehmen, entschieden wir uns, den bereits angedachten Namenswechsel vorzuziehen.

Neu: ein offenes Wiki

Was ist nun eigentlich neu bei Psiram? Eine große Änderung, so schreibt die Psiram-Pressestelle, habe das englische Wiki erfahren: "Edits können dort nun von jedem durchgeführt werden, sie müssen allerdings von einem Psiram-Redakteur freigegeben werden. Das ist ein Experiment, das wir in einigen Monaten bewerten werden."

Wird der Zank weitergehen? Folgt auf esowatch.org nun ein Psiram-kritischer Blog auf psiram.org? Auf Anfrage erklärt Claus Fritzsche: "Dazu habe ich mir noch keine Meinung gebildet - vielleicht, vielleicht auch nicht. Da Psiram.com SEO-technisch noch keine großen Spuren hinterlassen hat und ich die Namensgebung auch als 'schwach' einstufe, sehe ich im Moment keine Notwendigkeit, kurzfristig zu reagieren. Diese Einschätzung kann sich jedoch noch ändern." Er findet die Idee, über Psiram mit gleicher Domain zu informieren, grundsätzlich gut, "wenn Transparenz und Aufklärung im Vordergrund stehen (und nicht Revanche)". Psiram meint dazu: "Dass es ähnliche lautende Webseiten gibt, muss man akzeptieren. Es kommt nicht auf den Namen, sondern den angebotenen Inhalt an."

Auf Wikipedia ist es zu dem Thema erst einmal ruhig geworden. Mal sehen, wie lang das anhält.

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