Mutanten mit Gedächtnisvorteil

16.07.2012

Eine in Nordeuropa bei 0,2 bis 0,5 Prozent der Bevölkerung vorhandene Genvariante schützt Menschen vor Alzheimer

Der isländische Neurologe Kári Stefánsson und seine Firma deCODE vermelden einen Erfolg in der Erforschung der Alzheimer-Krankheit: Nach dem Abgleich der Krankheitsgeschichten von insgesamt 1.795 Isländern mit ihrem Erbgut fanden sie Anhaltspunkte dafür, es eine Genvariante gibt, die bei etwa 0,5 Prozent der insgesamt knapp 320.000 Inselbewohner vorkommt und diese vor schwerem Gedächtnisverlust im Alter schützt. Bei Norwegern, Schweden und Finnen liegt der Bevölkerungsanteil mit dieser Mutation bei 0,2 bis 0,5 Prozent.

Menschen, die das veränderte Gen vererbt bekamen, haben eine gegenüber dem Rest der Menschheit fünfmal so hohe Chance, das fünfundachtzigste Lebensjahr zu erreichen, ohne an Alzheimer zu erkranken. Die Chance, dass bis zu diesem Zeitpunkt auch andere Demenzerkrankungen ausbleiben, ist bei ihnen ebenfalls deutlich erhöht. Das zeigen Tests, die in isländischen Altersheimen regelmäßig dreimal im Jahr bei allen Insassen durchgeführt werden.

Stefánsson zieht daraus die Schlussfolgerung, dass auch diese anderen Formen der Demenz mit den Amyloiden Aβ40 und Aβ42 zusammenhängen könnten, die sich in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten als Plaques ablagern. Dass er dies vermutet, hängt auch mit dem zusammen, was die nun in den Fokus der Alzheimerforschung geratene Mutation macht: Sie manipuliert das Amyloid-Vorläuferprotein APP, das bereits seit 25 Jahren als vielversprechender Ansatzpunkt für die medikamentöse Behandlung von Alzheimer gilt. Forscher, die an solchen Medikamenten arbeiten, sehen sich durch Stefánssons Entdeckung bestätigt.

Auch ein anderer aktueller Fortschritt in der Alzheimerforschung hängt mit den Genen zusammen: Er betrifft diejenigen sieben Prozent der Alzheimerpatienten, die einen Defekt auf den Chromosomen 1, 14 und 21 erbten, der dafür sorgt, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits vor dem Erreichen des Rentenalters an pathologischem Gedächtnisverlust leiden werden. Durch 128 Freiwillige, die das Patientennetzwerk DIAN vermittelte, kam ein Team um den Neurologen Randall Bateman an der Washington University School of Medicine zum Ergebnis, dass die Ereigniskaskade, die zu diesem Gedächtnisverlust führt, bereits ein Vierteljahrhundert vor dem Zeitpunkt beginnt, ab dem die Symptome der Umwelt des Kranken sichtbar werden.

Dem im New England Journal of Medicine veröffentlichten Aufsatz zeigt sich der Ausbruch der Krankheit zuerst an Veränderungen in der Rückenmarksflüssigkeit und setzt sich mit einem Rückgang des Glucoseverbrauchs im Gehirn fort. Diese beiden Marker, die bei Angehörigen von Alzheimer-Patienten, welche den Gendefekt nicht geerbt haben, nicht festgestellt wurden, sind im Regelfall nicht mit Beschwerden verbunden. Eine frühe Entdeckung des Alzheimerbeginns, die mit solchen Markern für die erblich bedingte Variante der Krankheit möglich scheint, kann den Gedächtnisverlust zwar nicht aufhalten, erlaubt es den Betroffenen aber, ihre Zukunftsvorsorge anzupassen.

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