Unter Alpha-Männchen

28.07.2012

Onanie und Dummbeutelei, die beiden Hauptmerkmale allen deutschen Pressewesens

Mag ein Alpha-Tier in der Verhaltensforschung oder Soziologie eine Führungspersönlichkeit bezeichnen. Das Alpha-Männchen ist einfach nur ein lächerlicher Halbstarker, ein aufdringlicher Protzokrat. Ein Gold-Uhren-Träger.

Die Erwähnung des Wortes "Armbanduhr" weckt in mir sofort unangenehme Erinnerungen. Bekam ich doch von meinem Vater zum 21. Geburtstag, lang ist’s her, eine teure, goldene Schweizer Uhr geschenkt. Edles Lederarmband. Das Gehäuse aus Gold oder vielleicht auch nur auf Zinn flashvergoldet, jedenfalls recht schwer, und auf dem Zifferblatt zwischen den drei Zeigern für Stunden, Minuten und Sekunden unendlich viele kleine andere Räderwerke, die wahrscheinlich als Stoppuhr oder Wecker dienten und die Gezeiten des Mondes und der Venus, und manches andere anzeigten. Ein teurer Spaß, damals ungefähr 2000 D-Mark wert. Und ich brauchte genau drei Tage dafür. Drei Tage, um das Ding (irgendwo, nie wieder auffindbar) zu verlieren.

"Warum trägst du denn deine schöne Armbanduhr nicht?" fragte mein Vater.

"Ach, ich habe gerade vorhin mein Hemd gewaschen, da habe ich sie abgelegt. Sie liegt auf meinem Schreibtisch."

Alles gelogen, und selbstverständlich kam die Lüge bald einmal ans Licht. Aber mir waren Uhren schlichtweg unsympathisch. Am linken Handgelenk getragen, schnürten sie mir den Blutkreislauf ab, so dass die Hand bereits nach einer Stunde taub wurde und sich auch nachher noch stundenlang unangenehm anfühlte. Phantom-Schmerzen. Am rechten Handgelenk dagegen zerschlug ich über kurz oder lang das Glas. Ich trug eine Uhr in der Hosentasche (oder in der Jackentasche) und verlor sie meistens binnen kürzestem. In der Wäsche, beim Aus- oder Anziehen, beim Kopfstand - keine Ahnung. Irgendwie waren die Dinger immer wieder einfach weg. Resultat: Ich trage auch heute keine Uhren. Keine Ringe, keine Goldkettchen, keine Krawatten, keinen Hut, keine Ohrringe, und selbst das Handy liegt meistens im Auto. Am Körper trage ich es nicht.

Nun - wer nicht blind ist, erkennt auch am Sonnenstand, ob es drei Uhr nachmittags oder schon halb vier ist. Ich vermisse die Uhr (das Objekt Uhr, die Uhr als solche, eine Uhr an-und-für-sich-genommen) nicht, und wenn ich morgens um sechs Uhr aufstehen soll, schaffe ich das auch ohne Wecker. Aber warum, frage ich mich, hatte mein Vater mir damals diese Uhr geschenkt? Ich nehme an, er betrachtete es als Teil eines Rituals der Erwachsenenwerdung. So wie die Konfirmation oder Bar-Mitzwah den Anfang der Pubertät markiert, so soll wohl die goldene Armbanduhr ihr Ende einläuten. Ab diesem Zeitpunkt wird man nun "ein Mann" und soll sich gefälligst sputen und ein Vermögen anlegen oder aufhäufen. "Carpe diem" - nutze den Tag.

Mein Vater stammte natürlich noch aus einer anderen Zeit. Er war 1914, nach sechsjährigem Militärtraining, als 16jähriger Offizier, direkt aus dem Kadetten-Corps in den Ersten Weltkrieg gezogen, und kam 1918 als 20Jähriger wieder aus dem Krieg zurück - übrigens als einziger Überlebender seiner Klasse. Ich vermute daher, dass die Uhr ihm viel bedeutete, obwohl auch eine Armbanduhr die Zeit weder langsamer noch schneller laufen lässt und auch die verlorene Zeit nicht mehr aufzuholen hilft. Immerhin ließ er sich dann Zeit bis zu seinem Fünfzigsten, um Vater zu werden - und vielleicht habe ich daher dieses säumige Verhältnis zur Zeit geerbt (oder jedenfalls zur Uhr).

Zum Grund, warum mich solche Gedanken gerade jetzt umkreisen. Ich las eben die deutsche Ausgabe eines amerikanischen Magazins. Im Juni erschienen, die Juliausgabe. Ich war überrascht, gerade dieses Magazin auf Deutsch zu finden. Dass es den Playboy mittlerweile in locker einem Dutzend unterschiedlicher internationalen Varianten (also auch auf Deutsch) gibt, ist ja bekannt, aber es gibt erstaunlicherweise sehr viel mehr internationale Ausgaben von sehr viel mehr Magazinen, als man gemeinhin mutmaßt. Eine Berliner Ausgabe des New Yorker fehlt noch, aber das kann auch ein reines Übersehen meinerseits sein. Dieses Heft jedenfalls heißt GQ. Wofür auch immer dieses Dschi Kju stehen mag - eine Abkürzung für Gentlemen’s Quarterly wird es nicht sein, dachte ich grad mal, denn es erscheint ja monatlich, nicht vierteljährlich - aber ich frage mich doch, was der deutsche Leser sich wohl unter dem Titel Geh Kuh vorstellen mag. Vielleicht steht es auf Deutsch für "gehobene Qualität", denn das Magazin richtet sich eindeutig an eine Leserschaft aus konsumfreudigen Twentysomethings. Gold-Uhren-Käufern.

Den sogenannten Twentysomething gibt es erst seit Anfang der Neunzigerjahre, vorher hatte man einen solchen handlichen Begriff auf Englisch noch nicht zur Verfügung. Man kann die Klammer auch nach oben weiter rücken, dann spricht man von Thirtysomethings, oder Fortysomethings, usw. Das sind nun jeweils die Leute in diesen Altersgruppen, 30 plus, 40 plus. Im Deutschen gab es einzig einmal (und das ist nun auch schon wieder unendlich lange her) das - nur im Deutschen übliche, im Englischen ganz unbekannte - Wort "Twen" für jemanden, der zwischen 20 und 29 Jahren schwebt. Weitere Wortschöpfungen für die älteren Semester blieben aus. Dafür gab es dann eine Illustrierte von relativ "gehobener Qualität", die sich Twen nannte.

Heute, mehr als 40 Jahre, nachdem das Blatt schließlich nach unzähligen Verlagswechseln auf der Strecke blieb, weinen viele damalige Leser der Twen noch immer eine Träne nach. Ich vermute, wenn man die Hefte heute ohne nostalgische Verklärung betrachten würde, könnten sie sich ziemlich rasch als plumpe Bauernfängerei herausstellen. Twen als das verzweifelte Bemühen des damals herrschenden Systems (vertreten durch die entsprechenden Verlage Burda, Springer, Gruner & Jahr) die Bedürfnisse von der Studentenbewegung und APO umbrandeter, bebarteter, pfeiferauchender, Harris-Tweed-Jacken-tragender, RCDS-lastiger 22jähriger Jurastudenten zu befriedigen. Entsprechend high-brow war denn auch die Twen-Schallplatten-Edition (Rafael Puyana am Cembalo, Gert Westphal mit Heine und Jazz), während das Magazin selber doch eher in Bereichen herumdümpelte, für die schon eine Mittlere Unreife voll ausreichte. Das Cover: Vier übergroße Helvetica-Buchstaben, weibliche Unterleibe, dazu Dumm-Texte, jeden Monat neu.

Unter Alpha-Männchen

Onanie und Dummbeutelei, die beiden Hauptmerkmale allen deutschen Pressewesens

Mannwerdung und Uhr

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