Kunstwerk oder Ware?

12.08.2012

Die Frage ist, ob das Urheberrecht die primäre Aufgabe haben kann, das Leben der Urheber zu finanzieren

In der Diskussion um das Urheberrecht mischt sich immer wieder die Frage nach der Finanzierung des Lebens der Urheber. Das Urheberrecht wird dann als Bedingung dafür gesehen, dass Künstler von ihrer Kunst auch leben können. Fraglich ist natürlich, ob ein Urheberrecht tatsächlich vorrangig diese Funktion haben sollte. Das gilt nicht nur, weil damit andere Aspekte der Verfügungsrechte in den Hintergrund treten, sondern vor allem, weil damit das Kunstwerk als Ware, als vermarktbares Produkt betrachtet werden muss, und es nicht sicher, ob das überhaupt sinnvoll möglich ist.

Selbstverständlich kann jeder Gegenstand auf dem Markt angeboten werden. Jeder, der eine Sache besitzt, kann einen Preis daran schreiben und versuchen, einen Käufer dafür zu finden. Ein Kunstwerk ist aber zunächst keine Ware, kein Produkt, das man verkaufen kann. Damit es dazu wird, muss – jedenfalls meistens – etwas dazu kommen. Es wird transformiert, wodurch ein neues Objekt entsteht, das als Ware verkauft werden kann und in dem das Werk nur noch als Teil enthalten ist. Das Werk ist im gewissen Sinne eines der Rohstoffe, die notwendig in das Produkt einfließen.

Werk und Ware dürfen nicht verwechselt werden. Ein Künstler schafft ein Werk und führt es – möglicherweise – anderen Leuten vor. Ein Maler zeigt sein Bild anderen Menschen, ein Lyriker trägt seine Gedichte vor, ein Liedermacher greift zur Gitarre und singt, was er sich ausgedacht hat (die Menschen, die anderer Künstler Werke zur Aufführung bringen, lasse ich hier wieder und diesmal ausdrücklich außen vor, um die Sache einfach zu halten).

Dass es Kunst ist, was da zur Aufführung gelangt, wird im ästhetischen Urteil der Leute entschieden, die der Performance beiwohnen. Ob sie damit "recht haben" und wie das ermittelt und begründet werden kann, muss hier nicht interessieren. Aus dem ästhetischen Urteil, dass etwas Kunst ist, kann keine ökonomische Verpflichtung abgeleitet werden, für das Erlebnis der Aufführung Geld bezahlen zu müssen, denn ein ästhetisches Erlebnis hat keinen ökonomischen Nutzen, der mit den Kosten der Aufführungsvergütung verrechnet werden könnte. Allenfalls, aber auch das ist nicht notwendig, kann es eine gewisse moralische Verpflichtung geben, die Freude an der Aufführung durch eine Spende, die wiederum dem Künstler Freude macht, zurückzugeben.

Erst wenn der Künstler sich entscheidet, mit seinen Werken Geld zu verdienen, stellt sich die Frage, wie aus dem Werk ein Produkt gemacht werden kann. Wer ein Produkt anbieten will, der muss sich auf einen Markt begeben und dort etwas versprechen, dem die Kunden einen Wert beimessen, sodass sie bereit sind, ihr Geld dafür herzugeben. Wenn dieses Geld nicht dafür ausreicht, dass der Künstler, unter Abzug der Herstellungskosten des Produktes, davon leben kann, dann muss er von etwas anderem leben. Das ist bei jedem Produktanbieter so.

Es ist zunächst einmal nicht plausibel, dass ein Produkt, nur weil ein Kunstwerk zu seiner Herstellung notwendig war, zwingend die Lebenshaltungskosten des Künstlers tragen muss. Das ist auch durch eine Gesellschaft gar nicht leistbar, da zum einen vom Künstler keine bestimmte Produktivität verlangt werden kann, sodass ein ausreichender Einzelpreis zu berechnen wäre. Zum anderen gibt es eben kein objektives Kriterium, wann etwas Kunst ist, sodass entweder jeder mit dem Malen von Bildern oder dem Singen selbstgeschmiedeter Reime sein Künstlerbrot verdienen oder eine staatliche Kunstkommission selbstherrlich über den Künstlerstatus entscheiden können müsste.

Es kann natürlich sein, dass der Staat als Kunde auftritt und dem Künstler für eine spezifische Produktform, nämlich der Herstellung des Produktes, das dann tatsächlich noch nahezu mit dem Werk identisch ist, ohne Aufführung bereits einen Preis zahlt. Das kann dann als Kunstförderung bezeichnet werden, es kann auch als Honorar für eine vom Staat gewünschte Dienstleistung angesehen werden. In jedem Fall handelt es sich um eine spezielle Form des Kunstmarktes mit einem Käufermonopol, was vielleicht politisch gewünscht ist, aber nicht als Finanzierungsmodell sämtlicher Kunstschaffenden praktikabel ist. Ergebnis wäre eine Kunstdiktatur, in der Behörden entscheiden, ob etwas innovative Kunst oder Schund und Kitsch ist, und das möchte hoffentlich keiner, schon gar kein Künstler.

Wer aus seinem Werk ein Produkt machen will, der wird vom Künstler zum Lieferanten oder Dienstleister

Walter Benjamin irrte schon im Titel seines ansonsten immer noch lesenswerten Textes "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit": Nicht das Kunstwerk ist reproduzierbar, sondern das Produkt, die Ware, in die das Kunstwerk als notwendiger Rohstoff eingegangen ist. Und der Preis für diese Ware bildet sich auf dem Markt. Lassen wir die Ethik aus dem Spiel und betrachten diesen Markt, wie es sich gehört, aus ökonomischer Perspektive: Dann bildet sich der Preis im Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage auf der einen Seite und der Nutzenerwartung des Käufers auf der anderen. Der Nutzen ergibt sich beim Kunstwerk im Allgemeinen aus dem Erlebniswert, dieser steigt mit der Einzigartigkeit des Erlebnisses. Der Kunde ist nicht bereit, für ein Produkt, das aufgrund technischer Reproduzierbarkeit immer rund überall verfügbar ist, ernsthaft zu bezahlen, auch wenn ein Kunstwerk zu seiner Herstellung beigesteuert wurde.

Wer von seiner Kunst also leben will, der muss das Produkt, das verkauft werden soll, einzigartig machen. Um diese Frage ging es schon in meinem letzten Beitrag zu diesem Thema (Die Präsenz des Autors). Wie diese Einzigartigkeit erzeugt werden kann, ist von vielem abhängig und wahrscheinlich wird es dafür weit mehr Möglichkeiten geben, als sich ein Philosoph träumen lässt. Wenn der Künstler selbst keine ausreichenden Ideen hat, muss er sich Partner suchen, Agenturen, Verlage, usw. Solche Firmen sind nicht dazu da, Kunstwerke zu vermarkten, sondern aus Werken Produkte zu machen, die vermarktet werden können.

Man sollte die Zusammenarbeit des Künstlers und des Produktentwicklers nicht mystifizieren, dafür gibt es lang funktionierende Geschäfts- und Kooperationsmodelle, die Anwendung finden und die man nutzen und verstehen kann, wenn man nur versteht, dass der Künstler der Zulieferer eines notwendigen Rohstoffes für ein Produkt ist. Es ist möglich, dass der Künstler zum Selbstvermarkter wird und die notwendigen Leistungen von anderen einkauft. Es ist möglich, dass der Künstler quasi zum freien Mitarbeiter des Produktentwicklers wird, dass er ein Honorar oder eine Erfolgsbeteiligung bekommt. Das alles müssen die Kooperationspartner unter sich ausmachen, und wie die Sache wirklich läuft, wird natürlich von der Marktmacht und den Wettbewerbsoptionen abhängen. Wer aus seinem Werk ein Produkt machen will, der wird vom Künstler zum Lieferanten oder Dienstleister, es ist gut, das nicht zu vernebeln, das ist eine Voraussetzung für den Erfolg.

Eine andere Voraussetzung ist, dass ein Produkt entwickelt wird, das überhaupt vermarktbar ist. Der – sagen wir philosophische - Text des Autors ist nicht das Produkt. Ist es das Buch aus Papier? Oder ist es der Vortrag des Philosophen? Wenn der Vortrag das Produkt sein soll, dann kann das Buch preiswert sein oder zum Download im Internet angeboten werden, wenn der Philosoph fürchtet, dass seine Vorträge, sobald für den Eintritt Geld zu zahlen ist, vor leeren Stuhlreihen stattfinden, dann muss er den kostenlosen Download des Buches verhindern. Vielleicht macht er auch eine Mischkalkulation und schaut dann, was besser läuft.

Was hat das alles mit dem Urheberrecht zu tun? Läuft die Argumentation darauf hinaus, dass der Urheber und sein Werk gar nicht geschützt werden müssen, weil das Werk ohnehin kein Produkt ist und das Produkt so definiert werden kann, dass es vermarktbar ist? Offensichtlich nicht, denn – wie gesagt – das Werk geht als eine Art Rohstoff in das Produkt ein. Es ist ein notwendiger Rohstoff, und durch ihn wird das Produkt überhaupt erst möglich. Der Rohstoff aber ist nicht fälschungs- und nicht diebstahlsicher, und da setzt die Forderung nach dem Urheberschutz an, die unserer ganz alltäglichen Rechtsauffassung entspricht, dass Fälschung und Diebstahl illegal sind.

Produkte müssen vor Diebstahl und Fälschung gesichert werden

Allerdings verlässt sich kaum jemand darauf, dass einer, der stehlen oder fälschen will, etwas Verbotenes tut und bestraft wird, und dass die drohende Strafe abschreckend wirkt. Mein Fahrrad steht in Münster in Bahnhofsnähe, und es ist angeschlossen, die Tür meines Hauses ist in meiner Abwesenheit ebenfalls verschlossen, obwohl ich doch weiß, dass Fahrraddiebstahl wie Wohnungseinbrüche unter Strafe stehen. Dass ich Schlüssel brauche, ist unbequem für mich, ich verlege sie oft und verliere sie manchmal, sie beulen Hosentaschen aus. Aber ich käme nicht auf die Idee, ein härteres Strafrecht und eine bessere Überwachung von Wohnvierteln und Fahrradstellplätzen zu verlangen, damit ich mir die Unbequemlichkeit des Schlüssels erspare.

So ist es auch beim Schutz der Werke, die zu Produkten werden sollen. Als Inhaber muss ich die zunächst mal selbst so schützen, dass sie mir nicht gestohlen werden können, oder ich kalkuliere einen gewissen Schwund in den Preis mit ein, wie der Erdbeerfeldbetreiber, der Familien scharenweise zwischen die Pflanzen lässt und nur die Erdbeeren abwiegt, die in Körben und Eimern an ihm vorbei getragen werden.

Schutzmechanismen können unbequem sein, und auch das müssen alle akzeptieren, sowohl die Produzenten als auch die Konsumenten. Das Jammern über Verschlüsselungs- und Kopierschutzverfahren ist genauso albern wie das Weinen der Künstler über die kostenlose Verbreitung nicht geschützter Produkte. Es kann sein, dass der Schutz den Genuss so beeinträchtigt, dass man das Produkt nicht kauft – auch da regeln die Entscheidungen von Anbietern und Nachfragern, was es letztlich zu kaufen gibt und wer davon leben kann.

Künstler und ihre Produktentwickler sollten sich mehr darauf konzentrieren, wie ein unverwechselbares, nicht kopierfähiges Produkt aussieht, wie sie das Angebot gestalten wollen und wie viel Schutz sie für angemessen halten, als nach dem Gesetzgeber und der staatlichen Überwachung zu rufen. Dass Stehlen und Fälschen verboten sind, das wissen wir schon seit Tausenden von Jahren, was nichts daran ändert, dass man sich vor Dieben und Fälschern in Acht nehmen muss, indem man etwas anbietet, was schlecht geklaut und kaum gefälscht werden kann, und was die Leute auch noch haben wollen. Dieses Problem haben aber nicht nur Künstler, sondern alle, die von ihrer Arbeit leben müssen.

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