Wall Street vor Kunden-Revolte?

26.07.2012

Skandale um Barclays, HSBC, JP Morgan und Peregrine erschüttern die Kunden

Tag für Tag kommen neue Details ans Licht, wie die großen Finanzhäuser ihre Geschäftspartner über den Tisch ziehen. Das scheint den Kunden nun langsam zuviel zu werden - jedenfalls ging das Kundengeschäft der Großbanken zuletzt massiv zurück.

Dass es an den Finanzmärkten in Boomzeiten zu kriminellen Aktionen kommt, ist nicht neu. So hatte schon das Platzen der New-Economy-Blase ein gewaltiges Ausmaß an Korruption zutage gebracht, bei dem allerdings Bilanzskandale um hochgradig korrupte Industrie-Unternehmen wie Enron und MCI Worldcom und deren Buchprüfer die Schlagzeilen beherrschten. Die damalige Regierung Bush und der US-Kongress gaben sich dann auch sofort höchstem gesetzgeberischen Aktionismus hin, der 2002 daraus resultierende Sarbanes-Oxley Act, hatte die Märkte aber offenbar nicht bändigen können.

Obwohl angesichts der anscheinend flächendeckenden aufgetretenen Insider-Deals, Korruptionsvorfällen bei Börsengängen und der massiven Mittäterschaft bei den Bilanzfälschungen so gut wie jeder größere Finanzmarktteilnehmer gerichtliche Strafen oder zumindest hohe "freiwillige" Strafzahlungen erhielt, ging Sarbanes-Oxley nicht weiter auf die Probleme bei den Investmentbanken ein und auch sonst waren die Folgen kaum dramatisch. Selbst wenn darin verfügt wurde, dass Vorstände, die in ihren Bilanzen und Filings wissentlich unrichtige Angaben machen, zu Gefängnisstrafen verurteilt werden können, kam es nach der Lehman-Pleite, als etliche derartige Fälle bekannt wurden, bislang zu keiner einzigen Verurteilung eines daran beteiligten Bankenvorstands.

Peinlicher Mail-Verkehr

Dank etlicher Insider-Berichte und an die Öffentlichkeit gelangter Emails bestehen mittlerweile auch wenig Zweifel, dass die illegalen Aktionen offenbar flächendeckend auftreten. So geht aus dem Barclays-Mailverkehr klar hervor, dass sich die Derivaten-Trader bei Bedarf jederzeit die passenden LIBOR-Meldungen von den zuständigen Kollegen (aus den täglichen Meldungen großer Banken wie Barclays wird der Referenzzinssatz LIBOR ermittelt) wünschen konnten, um ihre Handelsgewinne zu optimieren - was nur auf Kosten der jeweiligen Gegenpartei gehen konnte, die dadurch offenbar betrogen wurde, woraufhin die Barclays-Trader sich laut den Emails gerne eine Flasche Schampus gönnten (LIBOR-Gate).

Nicht ganz so klar sind die Geschädigten hingegen bei den LIBOR-Falsch-Meldungen, die aus Reputationsgründen erfolgt sind, als während der Bankenkrise von 2008/2009 anscheinend praktisch alle meldenden Banken ihre Lage geschönt hatten. Verloren haben hier folglich Anleger, die deshalb niedrige Zinsen erhalten hatten, während die an den LIBOR gebundenen Kreditnehmer profitiert hatten - wobei sich vermutlich insgesamt ein Gewinn für den Bankensektor ergeben haben wird, da die Banken für sie negative Zinsänderungen in der Regel systematisch weniger schnell weitergeben als Zinsänderungen, von denen sie positiv betroffen sind.

Jedoch dürfte Barclays hier nicht einmal zu den größten Übeltätern gehört haben, denn erst als eine Bloomberg-Analyse auf die ungewöhnlich hohen Zinsen Barclays hinwies und Mutmaßungen über die Gründe dafür anstellte, war Barclays auf die Linie der anderen Banken übergegangen, die anscheinend schon längst geschönte Daten abgegeben hatten. Allerdings war Barclays dahingehend sogar mit den britischen und US-amerikanischen Aufsichtsbehörden in Kontakt getreten und war anscheinend auch politischem Druck ausgesetzt, niedrigere Werte zu melden.

"Muppet"-Abzocke als Geschäftsprinzip

Immerhin stand hier wohl ausnahmsweise das eigene Überleben und nicht das Abzocken der Kunden im Vordergrund. Denn dass diese Praktiken zum Geschäftsprinzip der führenden Investmentbanken gehört, hat nicht zuletzt diesen März ein Ex-Mitarbeiter von Goldman Sachs in einem offenen Brief zu Protokoll gegeben.

Es mache ihn krank, wie abgestumpft die Mitarbeiter davon erzählten, wie sie ihre Kunden abzocken, so hätten allein im vergangenen Jahr fünf verschiedene Top-Manager ihre Kunden ihm gegenüber abfällig als ahnungslose "Muppets" bezeichnet. Früher sei es noch darum gegangen, das Beste für den Kunden herauszuholen, heute würden den Kunden dagegen tagtäglich Produkte angedreht, die sie gar nicht brauchen oder die die Bank einfach loswerden wolle.

Größter Schaden durch Hochfrequenzhandel?

Das Sündenregister ließe sich dabei fast beliebig weiterführen, wobei aktuell vermutlich der Hochfrequenzhandel (HFT) den größten Schaden bei den Kunden anrichtet - und das weitgehend unbemerkt. So ist der HFT inzwischen zwar für mehr als die Hälfte der Umsätze im weltweiten Aktienhandel verantwortlich, bislang ist aber nicht einmal annähernd bekannt, wie viel mit dem Hochfrequenz-Handel verdient wird, wer ihn ausübt und mit welchen Tricks dabei gearbeitet wird (Erste Erfolge gegen High-Frequency-Trader (HFT)).

Ein Großteil der Erträge der HFT-Trader versteckt sich in den Bilanzen von großen Investmentbanken wie Deutsche Bank oder Goldman Sachs, die allesamt große HFT-Abteilungen betreiben, welche für mehr als die Hälfte des Geschäftsvolumens verantwortlich sein sollen. Sie weisen ihre HFT-Gewinne in den Bilanzen aber nicht gesondert aus, sondern verstecken sie in anderen Positionen, während immerhin bekannt ist, dass mit HFT befasste Hedge Fonds aktuell über rund 150 Milliarden Dollar an Kapital verfügen und heuer bis zu 50 Milliarden Dollar an Gewinnen erwarten, was wiederum nur auf Kosten der normalen Marktteilnehmer gehen kann.

Ein volkswirtschaftlicher Nutzen des HFT ist indes nur sehr schwer zu finden. So argumentieren die Befürworter, dass dadurch die Liquidität an den Märkten erhöht und die "Spreads" zwischen Kauf- und Verkaufspreisen reduziert würden. Dieses Argument erscheint aber nicht nur zweifelhaft, weil sich die HFT in unruhigen Zeiten, also genau dann, wenn Liquidität am meisten gefragt wäre, sofort aus dem Markt verabschieden, und sich ihr Rückzug stark destabilisierend auswirken kann. Da für die Finanzierung der Kosten und Gewinne der HFT aber nur die höheren Preise zur Verfügung stehen, die "normale" Investoren zahlen (bzw. die niedrigeren Preise, die sie bekommen) ist klar, dass sich die Finanzmärkte hier neuerlich ohne echte Gegenleistung bei ihren unbedarften Kunden bedienen. Nicht viel besser sieht es indes bei den Nicht-Banken aus, was vor einem halben Jahr die Pleite des prominenten Derivatehauses MF Global deutlich machte, das Kundengelder als Sicherheiten einsetzte, als die eigenen Investments schlecht liefen. Die Aufsichtsbehörden wurden dabei erst tätig, als die Gelder verloren waren, wobei ihr Versagen bei dem gerade erst gescheiterten Derivatenhauses Peregrine Financial Group (PFG) wohl noch eklatanter war.

So hatte PFG-Chef Russell Wasendorf Senior anlässlich seines gescheiterten Selbstmordversuchs gestanden, dass er sich seit fast 20 Jahren am Geld seiner Kunden bediente. Dazu hatte er die Korrespondenz mit seiner Bank ausschließlich selbst geführt und Mitarbeitern und Behörden nicht die echten Kontoauszüge, sondern am eigenen Laserdrucker selbst fabrizierte Fälschungen überreicht. Zuletzt hätten sich demnach rund 220 Millionen Dollar auf dem Geschäftskonto befinden sollen, tatsächlich waren es gerade einmal 5 Millionen.

Zwei charakteristische Motive für die um sich greifenden Betrugstatbestände

Daraus ergeben sich zudem zwei charakteristische Motive für die um sich greifenden Betrugstatbestände. Bei MF Global und PFG dürfte es sich um das Phänomen des "Gambling for Ressurection" gehandelt haben. Dabei wird versucht, zuvor angefallene ruinöse Verluste zu verheimlichen und gleichzeitig weitere hochriskante Wetten einzugehen, die diese Verluste ausgleichen sollen. Gelingt dies, bleiben die Verluste für immer unter dem Teppich und das Unternehmen kann ganz normal weiter am Markt agieren. Um solvent bzw. liquide zu erscheinen, wurden also auch die eigentlich streng separierten Kundengelder herangezogen und erst als auch diese verloren waren, kam es zum - nun noch weit schwereren - Zusammenbruch.

Das Motiv für die alltäglichen Betrügereien dürfte indes in den Bonussystemen liegen, die es für die Trader und ihre Vorgesetzten ungemein lukrativ machen, um jeden Preis Gewinne zu erzielen, auch wenn diese nur auf dem Papier existieren sollten. Wenn sich die Verluste später in Verluste verwandeln, sind die Boni dann zumeist längst ausbezahlt und in Sicherheit. Sollte es hingegen zu behördlichen Nachstellungen kommen, sind die Strafen erfahrungsgemäß oft weit niedriger, als die erzielten Gewinne, weshalb kriminelle Handlungen zum Rationalverhalten werden.

Kundengeschäft bricht ein

Wirft man nun aber einen Blick auf die aktuellen Ergebnisse der großen Investmentbanken, dann drängt sich der Eindruck auf, dass die Kunden sich das alles nicht mehr so einfach bieten lassen. So brachen die Erträge aus dem Kundengeschäft bei so gut wie allen wichtigen Finanzhäusern zuletzt massiv ein, was etwa Goldman Sachs-Chef Loyd Blankfein lieber mit der Eurozonenkrise und der Sorgen um die Weltwirtschaft erklären möchte. Laut anekdotischen Aussagen von Mitarbeitern der operativen Ebene könnten die Rückgänge im Kundengeschäft tatsächlich aber auf einen schweren Vertrauensverlust der Kunden gegenüber den großen Finanzhäusern zurückzuführen sein.

So ging im Vorjahresvergleich im 2. Quartal der Nettoumsatz im Investment Banking um 17 Prozent zurück und im Beratungsgeschäft sogar um 26 Prozent. Mit minus 32 Prozent brach nur das Geschäft mit Institutionellen Kunden noch stärker ein, wobei gerade dieses professionelle Kundensegment den höchsten Ansporn haben dürfte, sich nicht mehr von den Banken über den Tisch ziehen zu lassen. Obwohl Goldman die Verwaltungskosten um acht Prozent reduzierte (die Personalkosten sanken im Vorjahresvergleich von 3,204 auf 2,915 Milliarden Dollar), erreichte aber noch immer 962 Millionen Dollar.

Immerhin musste Goldman für seinen durchaus stattlichen Gewinn nicht wie JP Morgan auf bilanzielle Bewertungsdifferenzen zurückgreifen. So hatte JPM trotz der massiven Spekulationsverluste für das 2. Quartal einen Gewinn von fünf Milliarden USD gemeldet (Vorjahreszeitraum: 5,4 Milliarden USD), wobei insbesondere die angeblich steigende Kreditwürdigkeit der Kreditkunden zur Auflösung von Rückstellungen führte (2,1 Milliarden), eine Verschlechterung der eigenen Kreditwürdigkeit zur bilanziellen Abwertung eigener Schulden (0,8 Milliarden) genutzt und auch noch eine halbe Milliarde aus der Auflösung von Vorsorgen aus der Übernahme von Bear Sterns verbucht wurden. Das dürfte kaum ein zukunftsträchtiges Konzept sein, insbesondere da das unmittelbare Kundengeschäft auch bei JPM unter Schwindsucht leidet. Beispielsweise gingen die Umsätze im Investmentbanking im Vorjahresvergleich um 35% zurück und im Aktien-Emissionsgeschäft sogar um 45 Prozent.

Sollte sich der Rückzug der Kunden von den Investmentbanken zu einem echten Trend entwickeln, dann würde der seit 30 Jahren stetig ansteigende Anteil des Finanzsystems am globalen BIP wohl endlich wieder zurückgehen - was die Investmentbanken aber vermutlich nicht so ohne weiteres zulassen werden.

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