Lizenz zum Landraub

29.07.2012

Mit den Olympischen Spielen kommen die Bulldozer. Auf der Strecke bleiben die Schwachen - und das sind auch in London vor allem Sinti und Roma

Wo immer Olympia Station macht, kommt es zu Zwangsräumungen, Vertreibungen, "Säuberungen". Über zwei Millionen Menschen seien seit 1988 aus ihren Wohnungen vertrieben worden, um Platz für das Olympiaspektakel zu schaffen, rechnete eine Studie ("Fair Play for Housing Rights: Mega-Events, Olympic Games and Housing Rights") des in Genf ansässigen "Centre of Housing Rights and Evictions" (COHRE 2007 vor. Dabei stand damals, nach 1,25 Millionen Vertriebenen, einer weiteren Viertelmillion die Ausweisung für "Peking 2008" erst noch bevor. In jeder untersuchten Austragungsstadt waren die Olympischen Spiele für einige Bevölkerungsgruppen mit Verarmung und Vertreibung einhergegangen, was auch GamesMonitor behandelt. Olympia, so brachte es der Guardian auf den Punkt ist zu einer "Lizenz zum Landraub" geworden - nicht nur in Diktaturen wie China oder (bis 1988) Südkorea.

Wie die Spiele in Seoul, wo im Zuge der Olympia-Vorbereitungen 720.000 Menschen - teils von eigens angeheuerten Schlägertrupps - aus ihren Wohnungen gejagt wurden, gelten die Sommerspiele 1992 in Barcelona gemeinhin als voller Erfolg. Dabei mussten auch in der katalanischen Metropole Tausende dem Großprojekt weichen, das man mit einer drastischen Umkrempelung der gesamten Stadtplanung verknüpfte: 624 Familien wurden umgesiedelt, ein großer Teil von ihnen Gitanos bzw. Roma. Zugleich wurden die Barackensiedlungen, die wie jene in La Perona zum Teil schon seit den 1940er Jahren existiert hatten, allesamt aufgelöst.

Die Bulldozer und die systematische Zerstreuung der Familien auf verschiedene Stadtbezirke bedeuteten das Ende der meisten Roma-Communities. Viele Familienverbände wurden zerrissen; und mehrere Siedlungen, etwa in Camp de la Bota oder Transcementiri, verschwanden für immer unter Beton und Asphalt.

"Afroamerikaner, männlich, obdachlos"

Immerhin gingen die Umsiedlungen in Barcelona ohne Gewalt über die Bühne; gegen Bettler, Straßenhändler und Prostituierte hingegen wurde, um den Vorgaben des Olympischen Komitees zu genügen, mit roher Polizeigewalt vorgegangen, um den Touristen eine "saubere" Stadt zu bieten.

Plakat der Anti-Olympia-Kampagne in London

Nicht anders vier Jahre später im amerikanischen Atlanta, wo man vor allem Obdachlose ins Visier nahm. 9.000 Verhaftungen in einem Jahr ("African-American. Male. Homeless" stand da bereits vorgedruckt auf den Arrestformularen der Polizei) waren die Folge - mit dem alleinigen Zweck, Obdachlose aus der Stadt zu vergraulen. Schon vor den Sommerspielen in Los Angeles waren 1984 Tausende junge Afroamerikaner präventiv verhaftet worden, um nur ja keine Trübung des olympisch geschönten Stadtbilds zu riskieren

Besonders hart traf Olympia die Roma in Griechenland: Mehr als 2.700 Roma wurden infolge der Vorbereitungen für die Sommerspiele von Athen 2004 (die ihren Anteil daran hatten, dass das Land wenig später im Finanzfiasko versank) aus ihren Unterkünften vertrieben oder um bereits zugesagte Wohnprojekte, die die Roma ans Wasser-, Strom- und Kanalnetz anschließen sollten, geprellt.

Vielerorts nützte man den Olympia-Rummel als Vorwand, Roma-Siedlungen zu schleifen oder den Zuzug zu verhindern; wie in Aspropyrgos bei Athen auch dort, wo in Wirklichkeit gar keine olympischen Bauvorhaben vorgesehen waren. Mit äußerster Härte trafen solche Vertreibungen, die zum Teil sogar noch während der Olympischen Spiele durchgeführt wurden, zugewanderte Roma aus Albanien; aber auch für griechische Roma blieben Entschädigungszahlungen oder Ersatzwohnungen meist leere Versprechungen.

Abschied von Clays Lane und Waterden Crescent

Vergleichsweise harmlos macht sich da London aus. Doch auch hier mussten zwei Siedlungen von Romani Gypsies (Clays Lane Site in Newham) und Irish Travellers (Waterden Crescent in Hackney) dem pompösen Olympiapark und dem Olympischen Dorf weichen, wo nun 17.000 Athleten - und nach ihnen die 4.500 Teilnehmer der Paralympics - ihre Unterkünfte beziehen. Nach vergeblichen Protesten und einem zermürbenden Rechtsstreit waren die früheren Bewohner gezwungen, mit einem unzureichenden Ersatzplatz, eingekeilt zwischen vier stark befahrenen Straßen, Vorlieb zu nehmen.

Protestlogo

Doch sogar ob sie auf diesem neuen Areal bleiben können, ist ungewiss: "Man hat uns nie eine Dauerbewilligung gegeben. Seit viereinhalb Jahren haben sie nur immer wieder unsere temporäre Genehmigung verlängert. Werden sie uns dann zu einem anderen Ort, der sogar noch schlechter ist, übersiedeln?", schildert Tracie Giles, eine der Bewohnerinnen, die Ungewissheit. Bereits die Umsiedelung zu dem zugewiesenen Ersatzareal gestaltete sich schwierig. Monatelang mussten die Familien auf gepackten Koffern inmitten der monströsen Baustelle ausharren:

Im Juli 2007, fünf Monate nach Beginn der Bauarbeiten, erhielten die Familien die behördliche Ankündigung, dass sie innerhalb eines Monats umgesiedelt würden. "Wir haben alle unsere Habseligkeiten zusammengepackt", erzählt Tracie. "Die Stadtverwaltung hat die Straßenbeleuchtung abgedreht und die Postzustellung eingestellt. Aber noch immer sind wir nicht übersiedelt." Ganze elf Mal wurde der Umzugstermin verschoben. "Das neue Areal war noch nicht fertig gestellt. Wir waren Gefangene auf einer Baustelle."

Zudem wurde kurz vor der Räumung bekannt, dass sie nur einen Bruchteil der Entschädigungen (2.200 statt 8.500 Pfund) bekommen sollten, die anderen Bürgern zustanden. Obwohl viele von ihnen schon seit 35 Jahren an diesem Ort lebten, wurden ihnen nämlich nur die Kosten für Hausrat und Transport zugesprochen, aber nichts für den Verlust ihres Zuhauses.

Zwangsarbeit für Olympia?

Auch bei den kommenden Winterspielen im russischen Sotschi droht die Volksgruppe der Roma unter die Räder einer rücksichtslosen Säuberungspolitik zu geraten. Bürgermeister Anatoli Pakhomow von der Putin-Partei "Einiges Russland" dachte jedenfalls schon laut darüber nach, Roma und Obdachlose zwangsweise zur Arbeitsleistung auf den Olympia-Baustellen heranzuziehen. Wenn sie gezwungen würden, "rund um die Uhr zu arbeiten, wird ihre Begierde, scharenweise in die Stadt zu kommen, verschwinden".

Der Gedanke an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin liegt da nicht fern: Um die Reichshauptstadt rechtzeitig vor dem nationalsozialistischen Sport- und Propagandaspektakel von "Zigeunern" zu "säubern", wurde der Großteil der Sinti und Roma der Stadt am 16. Juli 1936, zwei Wochen vor der Eröffnung der Spiele, verhaftet und ins eilends eingerichtete NS-Zwangslager Marzahn gepfercht. Viele von ihnen wurden später von dort in die Vernichtungslager deportiert, nur wenige kamen zurück. Den Anfang nahm ihr Leiden in Marzahn - im Namen Olympias.

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