"Die perfideste Form, den Kündigungsschutz auszuhebeln, ist die Beförderung"

12.08.2012

Von einem Gewerbe, das den Bossen unliebsame Drecksarbeit abnimmt. Ein Interview mit Christian Esser

Überwachen, bespitzeln, mit juristischen Finten Mitarbeiter auf die Straße setzen, mit Hilfe von Trollen unbemerkt Zustimmung für Unternehmen organisieren oder deren Kritiker delegitimieren, sind Tätigkeiten, um die sich in den letzten Jahren ein eigenes Gewerbe etabliert hat. Ein Gespräch mit dem Journalisten Christian Esser, der mit Alena Schröder das Buch Die Vollstrecker - Wer für Unternehmen die Probleme löst geschrieben hat.

Herr Esser, können Sie eine Abschätzung abgeben, wie oft deutsche Unternehmen die Dienste von Rausschmeißern, Privatschnüfflern und PR-Mietlingen in Anspruch nehmen?

Christian Esser: Es gibt keine genauen Zahlen. Wir waren aber überrascht, wie häufig Unternehmen Dienstleister engagieren, die für sie die Drecksarbeit machen. Damit haben wir nicht gerechnet. Wir hatten ja vor zwei Jahren den Film Up in the air mit George Clooney gesehen. Darin geht es um jemanden, der für Unternehmen die Kündigungsgespräche führt. Wo also der Chef zu feige oder zu beschäftigt ist, um den Mitarbeitern selbst die traurige Nachricht zu überbringen, ist er zur Stelle. Und da haben wir uns gefragt: Gibt es solche Dienstleister auch in Deutschland. Die Antwort ist: Ja, eine wachsende Riege ausgebuffter Anwälte, Berater, Detektive und PR-Agenturen stehen bereit, wenn sich in den Führungsetagen niemand die Finger schmutzig machen möchte.

Christian Esser und Alena Schröder. Foto © Thomas Koy

Seit wann hat dieses Gewerbe Konjunktur?

Christian Esser: Seit vielen Jahren sind die Vollstrecker schon aktiv. Wichtig aber ist: Man darf die Branche nicht schwarz-weiß sehen. Unter den Vollstreckern gibt es natürlich harte Hunde und windige Typen - aber auch ehrliche Häute und sympathische Menschen. Es gibt solche, die viel Geld verdienen, aber auch andere, die kaum über die Runden kommen - wie zum Beispiel ein einfacher Detektiv, der die Mitarbeiter von Firmen überwacht.

Können Sie einschätzen, wie viele Tätigkeiten aus diesem Bereich sich am Rande der Legalität bewegen?

Christian Esser: Darüber gibt es leider keine verlässlichen Schätzungen. Viele solcher Tätigkeiten sind in der Tat am Rande der Legalität - aber leider legal.

"Kündigen muss wieder Chefsache werden"

Gibt es Bestrebungen von Seiten der Politik, den Handlungsbereich dieser Dienstleister der speziellen Art stärker zu reglementieren und einzuschränken?

Christian Esser: Man sollte hier nicht die Politik um Hilfe bitten. Das Kündigen auszulagern ist zum Beispiel eher ein Armutszeugnis für die deutsche Unternehmenskultur. Wir plädieren dafür, dass Kündigen wieder Chefsache wird, dass es Entlasser, Rausschmeißer, Vollstrecker gar nicht mehr braucht. Sehen sie, wenn es um das Einstellen von Mitarbeitern geht, dann hat auch der Chef das letzte Wort, niemand wird eingestellt, ohne das der Chef zusagt. Deshalb finden wir: Kündigen muss wieder Chefsache werden.

Wer ist von solchen Maßnahmen am ehesten betroffen?

Christian Esser: Es kann alle treffen: Vom einfachen Mitarbeiter bis zum Abteilungsleite oder Geschäftsführer.

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Mit welchen Kniffen kann in Deutschland der Kündigungsschutz von Betriebsräten ausgehebelt werden?

Christian Esser: Diese Kniffe können Unternehmer bei speziellen Seminaren lernen. An einem solchen Seminar habe ich einmal undercover teilgenommen. Die Seminare tragen Titel wie: "Wie kündige ich störende Arbeitnehmer" oder "Wie kündige ich Schwangere, Behinderte oder Betriebsräte?" Es geht dort also um die Kündigung von Unkündbaren, also solchen, die eigentlich einen Schutz genießen - wie eben Betriebsräte. Diese Seminare sind legal - aber mit der Wild-West-Rhetorik will man natürlich viele Unternehmer locken. Jeder kann sich da anmelden. Aber das kostet natürlich einiges: Bis zu 1200 Euro pro Tag. Die Seminare sind sehr gut gebucht.

Die perfideste Form den Kündigungsschutz auszuhebeln ist die Beförderung: Ein Abteilungsleiter, der vielleicht Betriebsrat ist, wird zum Hauptabteilungsleiter befördert - er bekommt mehr Geld und auch mehr Aufgaben. Nach ein paar Wochen kann dann der Chef sagen, ich möchte diese Aufgaben selber übernehmen, dass ist meine freie Unternehmensentscheidung und da es für den gerade eben erst Beförderten keine vergleichbare Stelle gibt, kann er gekündigt werden. Oder es wird einfach die Bereich outgesourct, in dem der Betriebsrat beschäftigt ist. Es wird also die Abteilung geschlossen. Auch das ist eine frei gestaltende Unternehmensentscheidung.

Haben Sie während Ihrer Recherchen in dieser Richtung von besonders krassen Fällen gehört?

Christian Esser: Bei den "Rausschmeißern" gibt es Überzeugungstäter wie den Rechtsanwalt [zensiert], der aus innerer Überzeugung nur Arbeitgeber vertritt und der Ansicht ist, dass Betriebsräte viel zu viel Macht haben in Deutschland. Er ist der Mann fürs Grobe. Wir haben mit einigen Beschäftigten gesprochen, die mit [zensiert] zu tun hatten. Viele wurden krank: Depressionen, Tinnitus. Eine 25jährige wurde mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Eine andere Betriebsrätin musste sich jeden Morgen übergeben und hat sich in ihrem Betriebsratsbüro eingeschlossen. Letztlich kann ein solcher Psychoterror Existenzen zerstören.

Was können Leute tun, denen von den Unternehmen solche Juristen aufgehalst werden?

Christian Esser: Erstmal ruhig bleiben und sich an den Betriebsrat oder die Gewerkschaft wenden. Hier hat man mittlerweile schon viele Erfahrungen mit den Vollstreckern gesammelt.

"Minikameras in Kugelschreibern, Sonnenbrillen, Feuerzeugen, Kaugummidosen"

Wie lassen Unternehmen ihre Mitarbeiter überwachen? Wie oft geschieht das heimlich und illegal?

Christian Esser: Es gab ja in den letzten Jahren immer wieder große Überwachungsskandale: Lidl, Deutsche Bahn, Telekom. Die Konzerne schieben die Schuld in solchen Fällen gerne auf die Dienstleister, die die Drecksarbeit für die Unternehmen machen. Wenn die Überwachung auffliegt, dann sind diese Vollstrecker die Sündenböcke. Aber wenn man sich die Fälle genauer anschaut, stellt sich zum Beispiel heraus, dass die Dienstleister eigentlich nie eigenmächtig gehandelt haben. Die Aufträge waren immer sehr detailliert und es gab keinen Einsatz von dem die Geschäftsleitung nichts gewusst hätte.

Es ist auch klar, dass hier in einer Grauzone ermittelt wird. Und ich bin mir sicher, dass wir immer wieder Überwachungsskandale erleben werden. Denn es gibt eine ganze Reihe von Dienstleistern, die mit dem Verkauf von Überwachungstechnik an Unternehmen sehr sehr viel Geld verdienen. Da gibt es Minikameras in Kugelschreibern, Sonnenbrillen, Feuerzeugen, Kaugummidosen - alles zur Überwachung von Menschen.

"In Internetforen die Produkte des angeschlagenen Konzerns anpreisen, Fan-Seiten auf Facebook oder gleich ganze Bürgerinitiativen gründen oder Sendern und Redaktionen fertige Berichte und Texte anbieten"

Mit welchen Finten lassen Unternehmen ihr Image aufpolieren?

Christian Esser: Nehmen wir zum Beispiel an, ein Unternehmen verursacht eine Naturkatastrophe. Dann setzt sich in der Regel eine ganze Horde von PR-Spezialisten in Gang, um den angeschlagenen Konzern möglichst bald wieder in einigermaßen positivem Glanz erstrahlen zu lassen. Da werden Medien mit umfassendem Presse- und beruhigendem Bildmaterial versorgt und den Bürgern vermittelt: Die Lage ist ernst, aber wir haben sie im Griff (selbst, wenn das Gegenteil der Fall wäre). Sollten Manager schließlich vor Gericht landen, würden Litigation-PR-Berater sich um die strategische Kommunikation während des Gerichtsprozesses kümmern und die verantwortlichen Damen und Herren als hart arbeitende, vom Fortschrittsgeist durchdrungene Menschen darstellen, die keineswegs aus Profitgier eine Katastrophe in Kauf genommen haben.

Und schließlich würden ausgebuffte Werbestrategen eine clevere Kampagne starten, die dem Unternehmen ein seriöses, möglichst "grünes" Image verpassen soll. Weitere dienstbare Geister würden ganz heimlich und unbemerkt in Internetforen die Produkte des angeschlagenen Konzerns anpreisen, Fan-Seiten auf Facebook oder gleich ganze Bürgerinitiativen gründen oder Sendern und Redaktionen fertige Berichte und Texte anbieten. Und das Beste: Wir, die Kunden, Betroffenen oder Konsumenten, würden von all dem nichts bemerken. Echte PR-Profis setzen sich nicht in Talkshows. Sie agieren still und diskret im Hintergrund und lassen andere gut aussehen.

Haben Kritiker dieser Unternehmen schon einmal die Wirkungsmacht solcher PR-Unternehmen zu spüren bekommen?

Christian Esser: Ja, zum Beispiel die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Die bekamen es mit den PR-Strategen der Lebensmittelindustrie zu tun. Sie griffen Foodwatch an der Achillesferse einer jeden NGO an und zwar ihrer Unabhängigkeit. Die PR-Spezialisten der Industrie verbreiten gern die (von Foodwatch gar nicht geleugnete) Tatsache, dass Foodwatch bei seiner Gründung 2002 eine Anschubfinanzierung von Alfred Ritter erhalten habe, dem Erfinder von "Ritter Sport" - das heißt also Foodwatch sei gar nicht unabhängig. Foodwatch kontert diese Anwürfe gelassen: Als der Verein im Jahr 2002 gegründet wurde, habe in Folge der BSE-Krise zunächst die Land- und Futtermittelwirtschaft im Mittelpunkt der Aktivitäten gestanden. Deshalb habe man in der Großspende von Alfred Ritter kein Problem gesehen. Erst nach und nach entwickelte sich Foodwatch zu einem Kritiker der gesamten Lebensmittelindustrie und nimmt deshalb heute keine Spenden aus der Lebensmittelbranche mehr an.

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