Wenn Freundschaften wegen Schulden bankrott gehen
Privat wird immer gehaftet - Banken können ohne Limit zocken, private Schuldner haben mit anderen Konsequenzen zu rechnen
Das gute Geld: wer erinnert sich nicht an die ersten selbstverdienten Münzen und den Erwerb ersehnter Stücke, ein Kauf, für den man niemandem Rechenschaft schuldig war?... Und das teuflische Geld: die Miete steht an, aber der Postbankbeamte weigert sich, uns einen kurzfristigen Überziehungskredit einzuräumen...
Philosophisch oder volkswirtschaftlich Interessierte mögen sich zur Zeit fragen, was denn das überhaupt sei: Geld. Und die öffentliche Diskussion in den Medien mag zu - gewollten - Irritationen darüber führen, inwiefern Garantien oder Eventualverbindlichkeiten des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) abstrakte oder konkrete Bedrohungen für das eigene Geldguthaben darstellen. Aber die hoch auffliegende Reflexion über Wesenheit, Wertigkeit, Funktionalität von Geld, seine Systemrelevanz, die Art der Verbindlichkeiten von Bürgschaften, ihrer Haftung etc. erledigt sich umgehend, wenn private Schulden bezahlt werden müssen.
Banken, neuerdings auch solche, für die nicht einmal das frühere Diktum des "Too big to fail" zutrifft, können mit dem neuen Regelwerk des ESM wieder ohne Limit zocken. Sie können darauf zählen, dass die Haftung von europäischen Steuerzahlern übernommen wird (siehe Europäischer Bankensozialismus). Und die Bankmanager, die an fragwürdigen Finanzgeschäften beteiligt waren, können mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sie ungeschoren davon kommen und der - etwaige - Verlust ihres Anstellung mit gutem Geld kompensiert wird.
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Für Zocker im privaten Bereich gilt anderes; Der Ehrenkodex unter Spielern muss nicht in jedem Fall so drastisch eingefordert werden, wie in der Mafia-Familienserie Sopranos (schon ab der ersten Folge, hier, ab 00:20). Doch gibt es genug Hinweise aus der nicht offiziellen Spieltischwelt, wonach Spielschulden noch immer als Ehrenschulden behandelt werden und sogar harmlose Hobby-Zocker bei Zahlungssäumnis damit rechnen müssen, dass ihnen die Finger gebrochen werden.
Nun zählt dies - wie auch nicht nachprüfbare Erzählungen über gewaltsame Methoden von Geldeintreibern gewisser Inkassounternehmen - für den Durchschnittsbürger eher zum Erfahrungsschatz, den er sich über Krimis sammelt. Anderes, in jedem Fall softer, aber doch auch hier nicht ohne Schmerz, gilt für die Erfahrung, die man im nüchternen Automaten-Antichambre der Banken machen kann: Den Ärger über die horrenden Zinsen, die bei der Überziehung des Girokontos fällig werden, kennen viele. Selbst konservative Politiker sollen davon Notiz genommen und protestiert haben.
Wenn "Westerwelle" auf die Leistungsbereitschaft von Freunden achtet
Fatale und äußerst unangenehme Folgen können Schulden auch dann haben, wenn wie im Fall der Zocker, Banken nicht im Spiel sind, sondern der Kredit zwischen Freunden gegeben wird. Die Brutalität, mit der das Geld in der Folge die Beziehung prägt, hat - anders als im Fall der Zockerschulden - nicht unbedingt etwas mit körperlichen Angriffen zu tun. Dass es hässlich werden kann, liegt daran, dass mit den Schulden auch das Kapital auf dem Spiel steht, welches bei Freundschaften vorausgesetzt wird: Vertrauen und das Gefühl, dass die Beziehung außerhalb der Zwänge des Geschäfts-, Arbeits- und Berufslebens steht.
Unter dem Titel "Geldverleihen tötet Beziehungen" berichtet eine Alternet-Autorin von einer Inhaftungnahme bei privaten Schulden, die das Alltagsleben in eine kafkaeske Erfahrung verwandeln, weil sich der Schuldner gegenüber dem befreundeten Gläubiger einem intensiveren und eben privaten Rechtfertigungszwang ausgesetzt fühlen kann. Und es unter Umständen auch ist.
Meistens, so Anneli Rufus, bewegen sich Freunde in einem ähnlichen sozialen Milieu mit den entsprechenden finanziellen Möglichkeiten. Wer Geld so nötig braucht, dass er Freunde darum bittet, brauche meistens eine Summe, die auch der andere spüre. Daraus kann folgen, dass der geldborgende Freund aus Sorge um die eigenen Reserven mit anderen Augen gesehen wird. Spätestens, wenn er oder sie sich Zeit mit der Zahlung lässt, wird das lange Ausschlafen oder die Lässigkeit gegenüber bestimmten Verpflichtungen nicht mehr als Lebenskunst gesehen, sondern möglicherweise durch die "Westerwelle-Leistungsträger-Brille". Die nimmt dann auch die Konsumgewohnheiten des lieben Freundes anders in den Blick.
Maximen, ansonsten scharf beäugt als überhebliche Kolonialpolitik-Worthülsen gegenüber Entwicklungsländern - wie "Hilfe zur Selbsthilfe" - geraten da dem Gläubigerfreund in den Sinn wie Eltern die pädagogischen Kernsprüche ihrer Väter und Mütter. Dass das folgende Zitat aus dem oben genannten Alternet-Artikel nur auf amerikanische Verhältnisse zuträfe, ist eher Wunschdenken:
With every missed payment, I found myself feeling more and more critical about his lifestyle. It was like, if I’m supporting you, then I have a stake in your choices. You’re supposed to use that money to get back on your feet — not enjoy yourself.
Dass Freundschaften wegen Schulden bankrott gehen können, ist je nach Anschauung ein Armutszeugnis der beteiligten Charaktere, ein böses Spiel von Umständen oder Beweis für die Zerrüttung sozialer Verhältnisse durch den Geist des Kapitalismus, in jedem Fall ist es eine Erfahrung, die überall gemacht wird und die zeigt, dass Schulden privat keine abstrakte Angelegenheit sind.
Paare und Geld
Das zeigt sich auch im privatesten Bereich, in der Paarbeziehung. Mindestens einmal pro Tag streiten sich Paare, soll eine britische Untersuchung im vergangenen Jahr festgestellt haben. Wie oft Geld der Anlass ist, sei nicht gewiss, so die französische Zeitung Le Monde, aber man kann davon ausgehen, dass finanzielle Probleme unter den Motiven, die zu einem Konflikt führen, ihren Platz haben. Die Zeitung berichtete über eine Untersuchung zur "Geldpolitik" von Paaren.
Laut einer Insee-Studie machen 64 % der Paare, die man 2010 befragte, "gemeinsame Kasse", sind Kinder im Haushalt wird diese Praxis noch mehr bevorzugt. Die gemeinsame Kasse führt mitunter zu Streitigkeiten über den persönlich zur Verfügung stehenden Eigenbedarf, aber das ist hier nicht das Thema.
Interessant ist das Ergebnis, dass je größer der Bildungsgrad und der Verdienst der Partner ist, desto mehr pochen sie auf getrennte Kassen, dies sei auch bei jenen öfter der Fall, die bestimmte Erfahrungen in vorhergehenden Beziehungen gemacht haben. Allgemein kann man daraus ablesen, dass Geld in privaten Beziehungen erhebliches Konfliktpotential hat, im Besonderen, dass auch in der Ehe Schulden bezahlt werden, was spätestens bei der Trennung, der möglicherweise schon Geldstreitereien vorangingen, auf den Tisch kommt. Privat wird immer gehaftet.
http://www.heise.de/tp/artikel/37/37351/1.html- OT: Wie Geld entsteht... (2.8.2012 8:38)
- Re: Beim Geld hört die Freundschaft auf ... (30.7.2012 20:13)
- Re: Beim Geld hört die Freundschaft auf ... (30.7.2012 13:42)
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