Unternehmen lassen Qualifikationen von jedem fünften Mitarbeiter brach liegen

28.07.2012

Eine Studie der Uni Hohenheim führt die These vom Fachkräftemangel wieder mal ad absurdum

Das Wehklagen der Arbeitgeber ist allgegenwärtig. Es gebe, so ist nahezu täglich zu lesen und zu hören, in Deutschland einen dramatischen Fachkräftemangel, verursacht durch die sinkende Zahl der Schulabgänger und das altersbedingte Ausscheiden vieler erfahrener Fachkräfte aus dem Berufsleben. Mit einer gemeinsamen Kampagne des Wirtschafts- und Arbeitsministeriums sowie der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit wirbt deshalb die Bundesregierung unter dem Motto "Make it in Germany" um internationale Spitzenkräfte, damit den Arbeitgebern die gut ausgebildeten Mitarbeiter nicht ausgehen mögen. Doch eine neue Studie zeigt, dass die jungen Fachkräfte bereits in den Betrieben angekommen sind - und sich dort bei Arbeiten weit unter ihrer Qualifikation langweilen.

Die Studie, die der Ökonom Ralf Rukwid auf der Basis der HIS-Absolventenuntersuchung 2011 und weiterer Quellen für die IG Metall Baden-Württemberg erstellt hat, kommt zu eindeutigen Ergebnissen: Nahezu jeder fünfte Erwerbstätige in Deutschland, der eine Berufsausbildung oder ein Hochschulstudium abgeschlossen hat, ist der Studie zufolge unterhalb seiner eigentlichen Qualifikation beschäftigt.

Die Studie unterscheidet dabei zwischen fachlicher und vertikaler Adäquanz zwischen Ausbildung und späterer Tätigkeit. Stimmen Ausbildung und der spätere Beruf überein, so gilt die fachliche Adäquanz als gegeben. Auf vertikaler Ebene gilt die Tätigkeit dann als angemessen, wenn das Niveau des Abschlusses mit der beruflichen Position und dem Niveau der Tätigkeit übereinstimmt. Weicht beispielsweise das Einkommen oder auch die Freiheit, selbständig Entscheidungen zu treffen, deutlich nach unten vom üblichen Standard ab, so gilt die Tätigkeit auf vertikaler Ebene als nicht angemessen. Vollkommen adäquat ist eine Tätigkeit nur dann, wenn beide Ebenen zusammenkommen.

Gerade bei jungen Erwerbstätigen mit Studienabschluss sehen die Werte besonders schlecht aus. Anderthalb Jahre nach ihrem Abschluss finden sich demnach nur 53 Prozent aller Fachhochschulabsolventen des Jahres 2009, die einen Bachelor-Abschluss haben, in einem voll ihrem Ausbildungsniveau entsprechenden Arbeitsplatz wieder. 21 Prozent hingegen fristen ihr Dasein in einem komplett inadäquaten Arbeitsverhältnis. Noch verheerender fällt das Ergebnis für junge Arbeitnehmer mit einem Universitäts-Bachelor aus: Nur 36 Prozent von ihnen sehen sich voll adäquat beschäftigt, während ganze 30 Prozent einen Arbeitsplatz haben, der ihrer Qualifikation in keiner Weise entspricht.

Für die Uni-Absolventen in den angeblich so gefragten MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, sind die Zahlen zwar etwas besser, aber keinesfalls gut. Nur 45 Prozent der MINT-Bachelor haben der Studie zufolge eine Arbeit gefunden, die voll ihrer Qualifikation entspricht, während mit 19 Prozent nahezu jeder fünfte in jeder Hinsicht unterhalb seines Niveaus arbeiten muss.

Bemerkenswert sind dabei auch die Differenzen zu den Studienabgängern, die noch einen traditionellen Uni-Abschluss, die Studie zählt dazu Diplom, Magister und Staatsexamen, machen konnten. Über alle Studienfächer hinweg betrachtet haben 70 Prozent dieser Absolventen des Jahres 2009 nach anderthalb Jahren einen vollkommen angemessenen Beruf gefunden - ihre Chancen stehen demnach fast doppelt so gut wie die der Bachelor-Absolventen. Und auch ihr Risiko, in einem vollkommen inadäquaten Arbeitsverhältnis zu landen, ist mit 11 Prozent um Größenordnungen geringer. In den MINT-Fächern lassen sich ähnlich große Unterschiede wiederfinden.

Zwar bestehen auch an Fachhochschulen Unterschiede zwischen dem traditionellen Fachhochschuldiplom und dem Bachelor, jedoch fallen diese weit weniger gravierend aus. So liegen die Chancen, mit dem Diplom einen vollkommen angemessenen Arbeitsplatz zu finden bei 63 Prozent und damit nur 10 Prozentpunkte höher als beim Bachelor - möglicherweise ein Hinweis darauf, dass der Universitäts-Bachelor von den Unternehmen besonders wenig ernst genommen wird.

Adäquanz der aktuellen Tätigkeit von Fachhochschulabsolventen nach Fachrichtung und Abschlussart (Absolventenjahrgang 2009, in%). Bild: Uni Hohemheim
Adäquanz der aktuellen Tätigkeit von Universitätsabsolventen nach Fachrichtung und Abschlussart (Absolventenjahrgang 2009, in%). Bild: Uni Hohenheim

Zudem macht die Studie einige Faktoren aus, die die Wahrscheinlichkeit, nur einen Arbeitsplatz unterhalb der eigenen Qualifikation zu finden, erhöhen. So gebe es ein eindeutig erhöhtes Risiko für Frauen, keine angemessene Arbeitsstelle zu finden - es liegt bei 22,4 Prozent, wohingegen das Risiko für Männer bei 13,1 Prozent liegt. Während der Anteil von Frauen und Männern, die für ihre Beruf nur leicht bis mittelmäßig überqualifiziert sind, nahezu gleich sei, sei der Anteil der Frauen mit erheblichen Überqualifikationen sogar doppelt so groß wie der der Männer.

Schlechte Nachrichten gibt es ebenfalls für die ausländischen Fachkräfte, um die sich die Bundesregierung derzeit medienwirksam bemüht - das Risiko für Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft, keinen ihrer Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz zu finden, liegt bei 33 Prozent - und damit fast doppelt so hoch wie für Menschen mit deutschen Papieren. Mit einer schnellen Einbürgerung ist das Problem jedoch nicht gelöst, das Risiko lässt sich damit nur geringfügig senken. Menschen mit Migrationshintergrund haben damit in Deutschland nicht nur schlechtere Chancen, überhaupt eine angemessene Ausbildung zu erhalten, sie haben auch schlechtere Chancen, ihre Fähigkeiten im Berufsleben zu verwirklichen.

Auch die von Politik und Wirtschaft immer wieder geforderte und seit Gerhard Schröders Agenda 2010 forcierte "Flexibilisierung" der Arbeit trägt offenbar nicht dazu bei, das Potential von Fachkräften besser auszuschöpfen. Knapp 28 Prozent aller Beschäftigten mit einem befristeten Vertrag werden nicht entsprechend ihrer Möglichkeiten eingesetzt, die Zahlen bei den Selbständigen sind nur minimal besser. Ein unbefristeter Vertrag senkt das Risiko einer unterwertigen Beschäftigung immerhin auf gut 15 Prozent. Zudem erhöht eine längere Betriebszugehörigkeit von über zwei Jahren die Chance auf eine angemessene Beschäftigung deutlich. Hier dürften sich die Nachteile der Hire-and-Fire-Mentalität negativ bemerkbar machen: ein Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum kennt, kann ihnen auch eher eine angemessene Tätigkeit zuteilen.

Auch zur Behauptung, die Unternehmen wären verstärkt auf der Suche nach älteren Arbeitnehmern mit langjähriger Berufserfahrung liefert die Studie Gegenargumente. Gerade in der Altersgruppe der 50-65-Jährigen findet sich mit knapp 22 Prozent der größte Anteil an überqualifizierten Beschäftigten. Die zweitschlechtesten Chancen mit einem Risiko von 17 Prozent haben Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 18 bis 29.

Dass "junge Ingenieure zwischen schlechter Beschäftigung und zwischen Arbeitslosigkeit erstmal wählen müssen", wie der Volkswirt Hermann Biehler gegenüber Report München jüngst erklärte, sorgt jedoch nicht nur für Unsicherheit und psychischen Druck auf die Betroffenen, die trotz angeblichen Fachkräftemangels in befristete Verträge und Leiharbeit gedrängt werden. Denn begleitet wird dies, so die Studie auch von Qualifikationsverlusten bei den Betroffenen, da sie ihr Können nicht mehr praktisch einsetzen oder von Fortbildungen abgeschnitten sind.

Was sich beim Einzelnen als Einkommensverlust darstellt, ist auch ein gesamtgesellschaftlicher Verlust: Die teilweise von der Gesellschaft finanzierte Ausbildung verkommt ungenutzt und kann so nicht zur Volkswirtschaft beitragen. "Diese ungenutzten Reserven sind als problematisch anzusehen - sowohl für die individuell Betroffenen als auch die Volkswirtschaft insgesamt", so daher das Fazit des Studienautors Rukwid.

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