"Alle Zentralbanken sind dabei, sich in Bad Banks zu verwandeln"

01.08.2012

Interview mit Ernst Lohoff und Norbert Trenkle über die Wirtschafts- und Finanzkrise - Teil 1

Schwarze Wolken am Horizont: Während in Europa die Ökonomien wie Domino-Steinchen umzufallen drohen und das Ende des Euro in Sicht ist, scheinen die politischen Maßnahmen trotz ihrer absurden Dimensionen (Deutschland hat sich zum Beispiel momentan zu einer Gesamthaftung von 644 Milliarden Euro verpflichtet) dagegen von immer kürzerer Wirksamkeit zu sein.

Jede Lösung des Problems scheint sich unter der Hand in ein noch größeres Problem zu verwandeln und die Wirtschafts-, Schulden- und Finanzkrise weiter zu verschärfen und zu vertiefen. Diese Krise, mit der Aussicht auf das Platzen der letzten verbliebenen Finanzblase, nämlich die der Staatskredite mitsamt der drohenden Inflation, könnte möglicherweise die Zeit nach dem Schwarzen Freitag im Jahr 1929 wie einen gemütlichen Spaziergang an einem sonnigen Ostersonntag aussehen lassen. Ein Gespräch mit Ernst Lohoff und Norbert Trenkle, die mit ihrem Buch Die große Entwertung in unserer Zeit die historische Schranke der bürgerlichen Ökonomie verorten.

Die Autoren mit dem Schreckgespenst der verkürzten Kapitalismuskritik

Was begreift man mit Marx an der gegenwärtigen Krise besser als mit anderen Theoretikern?

Ernst Lohoff: Dazu muss man sich zunächst einmal die gegenwärtige Krisendebatte vor Augen führen, die sich durch eine merkwürdige Diskrepanz auszeichnet. Einerseits wird konstatiert, es handle sich um eine Krise von "historischer Dimension" und alle paar Wochen findet ein neues Gipfeltreffen statt, an dessen Ende die wichtigsten Regierungschefs verkünden, sie hätten die Weltökonomie gerade vor dem Untergang gerettet. Andererseits jedoch sind die Erklärungen, die für diese dramatische Entwicklung angeboten werden äußerst dürftig. Die offizielle Krisendebatte bewegt sich auf dem Niveau des Hobbyklempners, der hier und dort ein paar Rohre flickt, während gerade der Keller voll Wasser läuft. Es werden allerlei finanztechnologische Maßnahmen diskutiert, aber eigentlich weiß niemand so recht, was dabei herauskommt, weil theoretisch fundierte Analysen des laufenden Krisenprozesses fehlen.

Die reflektierten Vertreter der Volkswirtschaftslehre räumen den Bankrott ihrer Disziplin inzwischen offen ein. Beispielsweise meinte der Harvard-Professor und ehemalige Chefvolkswirt des IWF, Kenneth Rogoff, gegenüber dem Handelsblatt kürzlich, die sehr eleganten ökonomischen Modelle, die die akademische Welt seit Jahrzehnten dominierten, seien in der Praxis "sehr, sehr erfolglos gewesen. Als der große Schock kam, erwiesen sie sich als wertlos."

Worauf ist dieses Totalversagen zurückzuführen?

Ernst Lohoff: Wir denken, dass es schon an der erkenntnisleitenden Fragestellung liegt. Die Grundfrage unserer Krisenepoche liegt eigentlich auf der Hand. Warum muss eine Gesellschaft, deren stoffliche Produktivität geradezu explodiert, die also Güterreichtum ohne Ende herstellen kann, feststellen, dass sie angeblich "über ihre Verhältnisse gelebt hat"? Die Antwort auf diese Frage finden wir bei Marx - vorausgesetzt wir lesen ihn kritisch und gegen die Interpretationsraster des traditionellen Marxismus und der sogenannten "Marx-Renaissance", der wir gerade beiwohnen.

Stofflicher Reichtum versus abstrakter Reichtum

Das Marxsche "Kapital" beginnt nicht mit dem Gegensatz von Kapital und Arbeit, sondern mit der "Elementarform" der kapitalistischen Gesellschaft: der Ware. Marx zeigt, dass in der Ware bereits der Grundwiderspruch angelegt ist, aus dem sich die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus im Allgemeinen und die aktuelle Krisenentwicklung im Besonderen erklären lässt. Es ist der Widerspruch zwischen zwei unterschiedlichen Reichtumsformen: dem stofflichen Reichtum, wie er sich in der Güterproduktion ausdrückt, und dem abstrakten Reichtum, wie er sich in der Kategorie des Werts darstellt und im Geld handhabbar wird.

Unter den Bedingungen der modernen Warenproduktion, also in der kapitalistischen Gesellschaft, wird stofflicher Reichtum immer nur produziert, soweit sich dieser auch als Wert darstellen lässt, soweit er also zur Kapitalverwertung beiträgt. Die Güterproduktion ist hier also immer nur Mittel zu einem ihr äußerlichen Zweck, dem Selbstzweck, aus Geld mehr Geld zu machen. Wo dieser Zweck nicht erfüllt werden kann, weil die Kapitalverwertung ins Stocken gerät, stockt auch die Produktion stofflichen Reichtums; es werden sogar Güter vernichtet, weil sie nicht verkäuflich sind, obwohl massenhaft Bedürfnisse unbefriedigt bleiben. Zum Beispiel müssen dann Menschen in Zelten wohnen, während ihre Häuser leer stehen, bloß weil sie ihre Kredite nicht mehr abbezahlen können.

Was kennzeichnet die Wirtschaftskrisen in der bürgerlichen Gesellschaft im Vergleich zu anderen Epochen?

Norbert Trenkle: Prinzipiell lässt sich sagen, dass Krisen im Kapitalismus nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss und inmitten des Überflusses entstehen. Das ist eine Grundverrücktheit, die die VWL nicht erklären kann, weil sie die abstrakte Reichtumsproduktion naturalisiert. Die Warenproduktion erscheint ihr als quasi-natürliche Form des menschlichen Wirtschaftens. Daher hat sie kein Auge für den inneren Widerspruch zwischen stofflicher und abstrakter Reichtumsproduktion und ist blind für die tieferen Ursachen des laufenden Krisenprozesses.

"Alle Zentralbanken sind dabei, sich in Bad Banks zu verwandeln"

"Strukturelle Krise der realen Wertproduktion"

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