Die Ein-Staaten-Lösung
Tom Appleton 04.08.2012
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Maori in der Diaspora

Auch die Maori Neuseelands leben - wenn man so will - seit langer Zeit in der "Diaspora". Der archäologische Befund deutet darauf hin, dass ihre Vorfahren im 13. Jahrhundert in Neuseeland ankamen. Und deren Vorfahren besiedeln (wahrscheinlich von Taiwan aus) seit 6.000 Jahren den Pazifik. Zum Glück wanderten dabei aber nicht alle ständig weiter, sonst wäre der genetische Nachweis später nicht gelungen, dass die Polynesier auf der einen Insel tatsächlich mit denen der anderen verwandt sind.

Stellen wir uns vor, dass die Maori Neuseelands versuchen würden, nach Taiwan zurückzuwandern und dort die Regierungsgewalt zu fordern. Und zwar aus dem Grund, dass sie auf der Insel dereinst zuhause waren. Die Erfolgschancen solcher Forderungen wären vermutlich gering. Die Maori würden, wie man so sagt, mit Gelächter aus dem Gerichtssaal vertrieben werden.

Aber andererseits hatte die britische Krone mit den Chiefs der Maori 1840 den Vertrag von Waitangi unterzeichnet. Das Originaldokument blieb zunächst mehr als ein Jahrhundert lang verschollen, bis man den Vertrag 1975 wieder als ernstes Staatsgründungsdokument einsetzte, das bis heute Gültigkeit besitzt. Der Vertrag hatte - auch wenn er bei vielen Neuseeländern ganz konträre Gefühle erweckt - den Effekt, dass er zwei auseinanderstrebende Bevölkerungsteile zusammenschweißte und dass er eine Auflösung in zwei Staaten verhinderte. Wobei den Maori dann vielleicht (ähnlich wie den US-Indianer unzusammenhängende Landesteile überlassen worden wären, die bestenfalls zum Unterhalt von Casinos oder dem Anbau von Marihuana getaugt hätten).

Betrachtet man sich den Vertrag von Waitangi, dann könnte man es fast bedauern, dass Israel nicht weiterhin zum Commonwealth gehört (mit einer gojischen Queen als Staatsoberhaupt) und dass niemand einen vergleichbaren Vertrag zwischen Palästinensern und Juden hat unterzeichnen lassen, der heute einklagbar wäre.

Israel und Deutschland

Die traurigsten Links finden sich indessen zwischen Israel und Deutschland. Der Holocaust ist geschehen, er ist unleugbar. In zahlreichen Altbauwohnungen in Berlin oder Wien ist jemand erschossen oder verschleppt worden. Die Schreie der Gespenster hallen noch durch die Flure. Aber der Holocaust ist Geschichte. Kein Ausdruck des Bedauerns, keine "Wiedergutmachung" finanzieller Art und was dergleichen Peinlichkeiten mehr sind, wird je das Rad der Geschichte zurückdrehen. Und trotzdem wirkt die Gegenwart des Staates Israel wie eine Fortsetzung der Geschichte - als säße den Leuten dort der deutsche Teufel noch immer im Genick.

Ein Teil der deutschen Geschichte ist der neunte November. An ihm geschah nicht nur die "Reichskristallnacht", sondern auch der Fall der Mauer. Diese Berliner Mauer hatte - vom Westen aus gesehen - eine gewisse Spaßqualität. Es gab Zuschauertribünen, die es einem erlaubten, aus unterschiedlichen Höhen (und mal von näher dran, dann wieder aus größerer Entfernung) über die Mauer zu "kieken". Hätte man (was auch nicht schwer gewesen wäre) einen Fußball über die Mauer gekickt, von West nach Ost, dann wäre er freilich nicht zurückgekommen - denn auf der anderen Seite stand niemand, der mitgespielt hätte.

Zuschauertribünen vor der Mauer in Westberlin, 1985. Fotos: Tom Appleton

Die Mauern, die heute zwischen israelischen und palästinensischen Gebieten errichtet werden, haben eher die Höhe von dreistöckigen Gebäuden. Selbst Fußballprofis hätten Mühe, da einen Ball rüberzuwuchten. Zuschauerplattformen benötigten hier (wenn es sie gäbe) einen Aufzug der Firmen Otis oder Schindler. Und wer möchte schon sehen, was auf der anderen Seite passiert?

Das Wort Zwei-Staaten-Lösung, das heute einem jeden auf der Welt so locker über die Lippen geht - "Israel braucht eine Zwei-Staaten-Lösung", "ohne eine Zwei-Staaten-Lösung lässt sich das israelische Problem nicht lösen", usw. - ist damals in Deutschland, nach dem Fall der Mauer, offenbar niemandem in den Sinn gekommen. Hier waren zwei Länder, BRD und DDR, durch eine äußerst giftige Grenze voneinander getrennt und doch aneinander gekettet worden - wie einst die siamesischen Zwillinge, Chang und Eng die auch ihr gesamtes Leben miteinander verbracht hatten. Bis der eine, Chang, starb und der andere, Eng, noch einige Stunden lang neben seinem toten Bruder ausharrte, bis auch er verstarb. Ich will nicht behaupten, dass das Leichengift der DDR seither den Gesamtkörper des "wiedervereinigten" Deutschland durchflutet hat. Es scheint mir eher, als ob der West-Teil Deutschlands sich wie eine hungrige Hyäne über den ersterbenden Ost-Teil des Landes gestürzt hätte, was allerdings (wie man sieht) beiden Teilen nicht gut bekommen ist.

Berliner Mauer. Foto: Tom Appleton

Wieviel sinnvoller wäre es gewesen, eine Zwei-Staaten-Lösung anzugehen, die eine allmähliche, kontrollierte, unabhängige und getrennte Annäherung der beiden Staaten innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums von - sagen wir mal - 25 Jahren vorgesehen hätte. (Das hätte natürlich alles nicht geklappt, weil die gar so wichtige Berlinfrage ungelöst geblieben wäre. Die Frage: "Was machen wir mit West-Berlin?" Dabei wäre die Lösung doch so einfach gewesen. Einfach das ganze schöne, teure und letztlich überflüssige und unbezahlbare Westberlin - dem Osten "schenken".) Das plötzlich geöffnete große Berlin hätte als Hauptstadt dem kleinen Land DDR trotzdem gut getan, ebenso wie es der Hauptstadt der BRD - Bonn - gut getan hätte. Aber nein, in dieser schwierigen Situation bestand man auf einer Ein-Staaten-Lösung.

In Israel besteht man auf einer Zwei-Staaten-Lösung, wobei natürlich in dieser Zwei-Staaten-Lösung als verbogener Tagesordnungspunkt eine Ein-Staaten-Lösung stecken könnte. Und zwar eine bösartige Variante, die bewusst auf allmähliche Ausmergelung des zweiten Staates drängt. Chang frisst Eng.

Auch bei den Palästinensern gibt es bereits seit Langem eine vertriebene Diaspora. Das romantische Paris unter Zedern, Beirut, liegt zerstört am Boden. Melbourne und Sydney in Australien sind zum Auffangbecken für die Flüchtlinge aus dem Libanon geworden. Ich vermute, die Mitgliederzahl der syrischen Community in Australien wird jetzt ebenfalls anschwellen. So entsteht kein Israel in Australien - aber die israelischen Nachbarn lassen sich verstärkt auf diesem Kontinent nieder, der einst die jüdischen Flüchtlinge nicht haben wollte.

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