Ausdrucken statt Apotheke

02.08.2012

Der Chemieprofessor Leroy Cronin arbeitet an einem "Chemputer"

3D-Drucker sind mittlerweile nicht nur für Privathaushalte erschwinglich, sondern auch so leistungsfähig, dass sich mit ihnen nicht nur Spielzeuge, sondern auch Waffenteile fertigen lassen. Potenziell noch nützlicher wären "Chemputer", an denen der Chemieprofessor Leroy Cronin zusammen mit anderen Wissenschaftlern an der Universität im schottischen Glasgow arbeitet.

Auf die Idee zur Entwicklung eines Chemputers kam der Fachmann für große Moleküle auf einem interdisziplinären Seminar, in dessen Rahmen ein Vortragender die Möglichkeiten des 3D-Drucks bei der Herstellung von Architekturmodellen vorstellte. Bislang ist die von ihm in seinem Labor errichtete Kreuzung aus einem 3D-Drucker und einem Chemiebaukasten allerdings noch weit davon entfernt, komplexe Moleküle so zusammenzubasteln, dass sich Kranke damit den Gang zur Apotheke sparen könnten.

Hauptgebäude der Universität Glasgow. Foto: Diliff. Lizenz: CC BY 3.0.

Eine Schwierigkeit bei der Entwicklung des Chemputers besteht darin, dass die Herstellung komplexe Moleküle viel stärker als der normale 3D-Druck von Bedingungen wie der Umgebungstemperatur abhängig ist - eine andere, dass die Umwandlung relativ weniger einfacher Reagenzien-"Tinten" teilweise viele verschiedene Arbeitsschritte erfordert. Solchen Schwierigkeiten versucht der 39-Jährige mit "Reactionware" zu begegnen: Vom Drucker hergestellte Reaktionskammern, die an ihren Wänden mit Katalysatoren ausgestattet sind. Je einfacher das Molekül, desto höher ist die Chance, dass es von Chemputern fehlerfrei hergestellt werden kann. Als erstes hofft das Team deshalb auf einen Nachbau des Entzündungshemmers Ibuprofen.

Langfristig setzt Cronin darauf, dass mit Chemputern als billigen und weitverbreiteten Allround-Molekülfabriken im Miniformat auch die Forschung an und die Entwicklung von neuen Arzneimitteln deutlich kostengünstiger wird. Nachdem der Chemiker erste Aufsätze zu seinem Projekt publizierte, meldete sich unter anderem die NATO bei ihm. Dort erwartet man sich schnellere medizinische Hilfe in Kampfgebieten, wenn Arzneien unmittelbar vor Ort hergestellt werden können. Cronin selbst hofft, dass ihm die Bill and Melinda Gates Foundation oder eine andere große humanitäre Stiftung Forschungsgelder zukommen lässt, weil er ein besonders großes Potenzial in Drittweltländern sieht.

Allerdings könnte die Pharmaindustrie möglicherweise nicht wirklich begeistert davon sein, dass dieses Potenzial ausgeschöpft wird – denn das würde ihre Monopolrenditen für patentgeschützte Medikamente schmälern. Cronins Äußerung, dass sein Chemputer im Pharmabereich das werden soll, was Apple für das Musikgeschäft war, dürfte Bayer, Pfizer und Konsorten nur bedingt beruhigen. Auch, wenn dem Chemieprofessor Verifizierungsmechanismen vorschweben, mit denen sein Gerät überprüfen soll, ob die Arzneimittelvorlagedateien von einem berechtigten Absender stammen. Auch wenn man das Projekt in den Pressestellen der Konzerne offiziell noch nicht kommentieren will, ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass man sich bereits Lobby-Strategien für ein Verbot überlegt, das man beispielsweise mit Warnungen vor Drogenheimlabors begründen könnte.

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