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04.08.2012

Zur Selbstdemontage der Heuchelspiele

"Schneller, Höher, Stärker" (lateinisch: citius, altius, fortius) ist der industrielle Leitspruch für eine Leistungsgesellschaft, die ihr Maß verloren hat. Wer solche Sprüche klopft, zielt auf Benchmarking, Leistungssteigerung und permanente Unzufriedenheit mit dem je Erreichten. Die sozioökonomischen Resultate dieses Denkens erleben wir gegenwärtig. Nun ist der Spruch nicht von irgendeinem Werkstor geklaut worden, sondern beschreibt das Ethos der olympischen Spiele der Neuzeit. Pierre de Coubertin, der glaubte, mit diesem Leitmotiv alle hehren Menschheitsziele verbinden zu können, sah übrigens in seiner mangelnden Anwendung die Ursache für Frankreichs Niederlage im Krieg 1870/71. Wäre der ein Schelm, der im Zeichen von Olympia Sport mit Krieg, mit Nationalismus, mit Leistungsterror und diversen Untugenden einer um ihr Maß gebrachten Gesellschaft assoziiert?

Nationalismus light bis medium

Turnvater Jahn, persönlich übrigens eher ein klassischer "loser", verband Sport mit Nationalismus und Militanz. "Frisch, fromm, fröhlich, frei" hieß dann übersetzt der Hass auf alles Fremde als deutsche Pflicht.

Das spricht nicht gegen den Sport, aber belegt seine leichte Instrumentalisierbarkeit, die uns sattsam zwischen 1936 und seinen politisch gestärkten Riefenstahl-Körpern bis hin zu den sozialistischen Vereinnahmungen einer kollektiven Body-Ästhetik der Selbstverleugnung präsentiert wurde.

Olympia war bereits bei seiner Reanimierung eine gleichermaßen hoffnungslos antiquierte wie angesichts des hohen Anspruchs schwächelnde Idee. Zwei Weltkriege wurden durch die olympische Idee augenscheinlich nicht maßgeblich behindert. In jenen Tagen der vorgeblichen Wiederbelebung eines antiken Ideals, als noch nicht jeder europäische Ort zwei Dutzend Partnergemeinden im Ausland besaß, sprach jedoch zumindest für die Spiele, dass Völkerverständigung auch in ihren medialen Möglichkeiten noch eine fragile Sache war.

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Als Blitzableiter dunkler nationaler Regungen und exklusiven Ort friedlicher Zusammenkünfte der Völker wird uns heute niemand mehr Olympia anempfehlen wollen. Heute gibt es tausend und mehr Optionen, den Kontakt der Völker besser aufrechtzuerhalten als mit einer agonalen Idee, die ihren eigenen Widerspruch bereits seit der Antike mit sich führt. In den Zeiten des Internets und erheblich höherer Mobilität in allen Be- und Vollzügen des Lebens warten wir kaum noch auf Olympia und seinen Oberflächenflash, um die Welt besser lieben zu lernen.

"Wer hart trainiert, kann alles schaffen"

Olympia mutierte längst, anders als es die Neugründer 1896 erhofften, zu einem verbissenen Spektakel, das die messbare Leistung vergöttlicht und für kulturelle Qualitäten keine Wahrnehmung besitzt. Diese kulturelle Sprachlosigkeit der Spiele zeigt sich bei Olympia als "Nationalismus light", der geradewegs satirische Züge trägt. So wurde der innerdeutsche Wettbewerb vormals als Systemvergleich praktiziert, was letztlich dann zum Nachteil des real existierenden Sozialismus geriet, weil "Coke" eben doch das bessere Doping-Mittel ist. Vordergründing war dieser Systemvergleich vor allem deshalb so praktisch, weil diese Art von gesellschaftlichem Wettbewerb einer noch dem Dümmsten nachvollziehbaren Arithmetik folgte, ohne humane oder gesellschaftliche Qualitäten näher angeben zu müssen.

Fröhlich, kulturell oder human ist der um sein vormaliges Wesen gebrachte Sport auch heute nur als Show aufbereitet, während sich dahinter das Entfremdungsschema der Leistungsgesellschaften vollzieht. "In China ist das ein Job. Ye Shiwen wird für das Schwimmen bezahlt. Sie macht nur ihre Arbeit", erläutert die Journalistin Xin Zhou. Diese Ehrlichkeit ist medaillenwürdig, wenngleich sich nicht nur hier die Frage nach dem Kinder- und Jugendschutz aufdrängt. Die 16-jährige chinesische Superschwimmerin macht sich ihren schnellen Reim auf die Dinge so: "Ich trainiere seit neun Jahren morgens und abends zweieinhalb Stunden. Wer hart trainiert, kann alles schaffen. Jeder kann ein Genie werden." Gewiss - und den Sozialstaat schaffen wir morgen ab, damit auch die Tellerwäscher wieder an ihr Genie zu glauben lernen.

Symptomatisch für die sportiv verbrämten Mogelpackungen Olympias sind inzwischen Irrungen und Wirrungen, die das Nationale, das im politischen Europa ohnehin vor seiner Verabschiedung steht, als völlig diffuses Feld diskreditieren. Spaniens Meistermannschaft, der so unangefochtene Welt- und Europameister, scheidet in der Vorrunde sang- und klanglos gegen Honduras aus. Doch halt, wir lernen jetzt dazu: Spanien ist gar nicht Spanien! Das Olympiateam "Rojita" ist nicht die Nationalmannschaft "Furia Roja".

Wer also die nationale Idee und ihren olympischen Schonwaschgang nicht aufgeben möchte, darf hier ein wenig begriffsstutzig bis irre werden, wenn er denn das Nationale noch länger verorten will. Dass die "kleine Rote", also die nationale Nichtnationalmannschaft, dann am Ende noch richtig ausklinkte und - aus nationalen Gründen? - heftig mit Schieds- und Linienrichter haderte, beweist eindringlich, welch fröhlich-nationaler Geist denn wirklich in der zum Sieg humpelnden Olympia-Maschine haust.

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