Erfolglosigkeit
Philosophische Kolumne: Von Sportlern und Philosophen
Eine philosophische Kolumne in dieser Woche kann von gar nichts anderem handeln als vom Thema Erfolglosigkeit. Schließlich finden derzeit in London die Olympischen Spiele statt. Und weil die Deutschen da zunächst alles andere als erfolgreich waren, sah es Anfang der Woche so aus, als ob diese Tage dann Tage der Philosophie werden würden …
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| Sokrates - der klassischer Verlierertypus?. Bild: Jastrow/gemeinfrei |
Das Misslingen irdischer Pläne zeitigt nicht selten den Beginn philosophischen Sinnierens. Beispielsweise über die Funktionsweise von Türklinken denkt man erst nach, wenn die Tür klemmt. Nicht umsonst waren so viele Philosophen eigentlich klassische Verlierer. Sokrates konnte seinen Lebensunterhalt weder mit seinem Beruf als Steinmetz noch mit seiner Philosophie bestreiten, er war in den Komödien seiner Zeit eine Witzfigur. Sein (als Schüler nur mäßig erfolgreicher) Schüler Platon hat ausgerechnet so jemanden dann zur Symbolfigur der abendländischen Philosophie kultiviert - und war bei seinen eigenen philosophischen Versuchen so erfolglos, dass er einmal sogar auf dem Sklavenmarkt verkauft wurde, damals die Untergrenze aller Erfolglosigkeit.
Rousseau verklärte die Menschlichkeit und gab die eigenen Kinder ins Waisenhaus (wo sie starben). Nietzsche war ein wahnsinnsbedingter Pflegefall, Wittgenstein war nach dem Verschenken von zwei Erbschaften und seinem Rücktritt von einer Professur zeitweise Geringverdiener - und diese Liste kann unendlich verlängert werden. Als Sportler möchte man keinen von diesen Philosophen in seiner Mannschaft wissen (vgl. dazu). Nicht umsonst führt der Philosoph Odo Marquard Erfolg in den eigenen Reihen auf das zurück, was er "Inkompetenzkompensierungskompetenz" nennt: Erfolglosigkeit birgt in sich den Kern wahrer Philosophie. Insofern war und ist Griechenland die philosophischste aller Nationen - in der Antike die Wiege der abendländischen Philosophie, und heute Hort eines kaputten Staatshaushalts und Forderer von moralischen Werten der Solidarität in Form "wahrer" Werte in klingender Münze.
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Doch was bringt dieser Zusammenhang dem erfolglosen Sportler? Philosophische Weisheit vermag ihm Trost zu spenden. Wie heißt es so treffend? "Wem das Wasser bis zum Hals steht, der soll den Kopf nicht hängen lassen." Sonst wären unsere erfolglosen Schwimmer ertrunken, während auf YouTube das selbstgemachte Musikvideo ihrer amerikanischen Kollegen lief. Die Amerikaner waren in London erfolgreicher, "denn mit Musik geht alles besser". Den wegen Manipulation disqualifizierten asiatischen Badminton-Spielerinnen wollte man an Dienstag zurufen: "Dabei sein ist alles." Die traditionell erfolgreiche deutsche Equipe exemplifizierte die philosophische Alltagsweisheit "Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Reiter her", und der deutsche Ruder-Achter relativierte dann den nationalen Rückstand im Medaillenspiegel nicht nur durch seine Klasse und seine Masse, sondern auch durch seinen philosophischen Anspruch: Die deutschen Ruderer waren die schnellsten und sie bekamen dafür dann für acht Ruderer und einen Steuermann insgesamt neun Goldmedaillen:). Sie warfen darüber hinaus auch nach der Verleihung dann aus alter Gewohnheit den Steuermann ins Wasser - und bestätigten damit Heraklit, der schon vor langer Zeit sagte: "Alles ist im Fluss."
So zeichnete sich im Laufe der Woche also ab, dass die Deutschen doch relativ viel olympischen Erfolg einheimsen würden. Verschiedentlich sind nun sogar Schlagzeilen über die jeweiligen Erfolgsrezepte einzelner Sportler zu lesen: Man müsse nach Niederlagen weitermachen und Schmerz aushalten können, und notfalls das Buch "Erfolg ist eine Frage der Haltung" der Silbermedaillen-Fechterin und Unternehmensberaterin Heidemann lesen. Die deutschen Sportler haben sich von Platz 21 der Medaillenliste auf Platz 6 vorgearbeitet (und würde in den Mannschaftssportarten JEDE pro Sportler verteile Medaille gezählt, lägen wir sogar dicht hinter China und Amerika). Deutschland erzielt in London also keine Medaille in der Kategorie "Erfolglosigkeit". Wozu auch? Erfolg macht Spaß, und Philosophen gibt es allen Anscheins schon zur Genüge. Erfolg ist aber trotzdem nicht alles. Darum erwies sich die philosophische Denkrichtung, die den Erfolg als verbindlichen Maßstab für Wahrheit annahm (der Pragmatismus), als relativ erfolglos.
Auch der Misserfolg hat seinen Reiz. Nie waren die deutschen Straßen malerischer und ruhiger, als nach dem Halb-Finale der EM 2012. Und es kann schließlich nicht immer jeder gewinnen. Vor lauter Chinesen ist derzeit sowieso kein Platz mehr auf den Siegertreppchen, und Chinesen gibt es nun einmal sehr viele. Zum Glück hat die derzeitige Diskussion darüber, ob die Schwimmerin Britta Steffen sich über ihre verpasste Medaille ordentlich ärgern oder lieber gelassen bleiben soll, ihren ganz eigenen philosophischen Reiz. Was will man tun? Es gibt sie einfach, diese Tage, über die man nur mit Steffens Worten sagen kann: "Es war heute Morgen nicht das Gelbe vom Ei." Wer hat eigentlich die Theorie aufgebracht, man müsse in allem immer besser als alle anderen sein? Wahrscheinlich ein Philosoph …
http://www.heise.de/tp/artikel/37/37395/1.html- Re: Erfolgreich war in China vor allem der Absatz von Opium (9.8.2012 12:41)
- Re: Begriff "Erfolg" (7.8.2012 19:41)
- Re: Begriff "Erfolg" (6.8.2012 23:54)
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