"Kriegsfähigkeiten der irregulären Art aufbauen"

12.08.2012

Der Stellvertreterkrieg in Syrien: Kein Plan "B" für die Bevölkerung

Die Vereinigten Staaten und die Türkei wollen ihre Zusammenarbeit im Konflikt in Syrien verstärken. Die Zeichen stehen auf eine Intensivierung von operativen Maßnahmen. Auch die Einrichtung einer Flugverbotzone werde erwogen. Dies geht aus mehreren Berichten über das Treffen von US-Außenministerin Hillary Clinton mit ihrem türkischen Amtskollegen Ahmet Davutoglu hervor.

Bemerkenswert ist, dass die Zielsetzung in einer Nachrichtenagenturmeldung am deutlichsten herausgestellt werden: Amerika und die Türkei würden aktiv an einem Umsturz in Syrien arbeiten, heißt es zu Anfang eines Berichtes der FAZ, der sich auf Nachrichtenagenturen stützt. Im folgenden Satz ist zu lesen, dass an Strategien gearbeitet werde, das Ende des Assad-Regimes zu "beschleunigen" (Hillary Clinton).

Das ist als politisches Ziel nichts Neues. Dass die US-Regierung für einen Regime-Change eintritt, wird seit Monaten auf unterschiedliche Weise kommuniziert. Allerdings bislang selten so deutlich wie in dieser Meldung. Neu ist der nun auch offiziell geäußerte Nachdruck in der Sache. Und, dass die US-Führung jetzt ohne Wenn und Aber signalisiert, eine maßgebliche Rolle bei der Einmischung von Außen zu beanspruchen.

In den Wochen zuvor legte die US-Regierung noch großen Wert darauf, sich in der Öffentlichkeit als vorsichtiger Hintergrundakteur darzustellen. Die US-Medien waren hilfsbereite Partner bei dieser public diplomacy. Die Rolle der CIA und der USA im Hintergrund der bewaffneten Auseinandersetzungen in Syrien wurde heruntergespielt.

Dass die Strategie der US-Regierung im Fall Syrien jetzt öffentlich dreht und auf very intensive operational planning drängt, wird in der New York Times mit der Verschlimmerung der humanitären Situation erklärt.

Die Rede ist von 150.000 registrierten Kriegsflüchtlingen aus Syrien in Nachbarländern und einer geschätzten Dunkelziffer von 200.000. Kaum ein Leser, der hier kein Mitgefühl hat und dem auch durch den Kopf gehen dürfte, was Thema des Clinton/Davutoglu-Treffens war: "Dagegen muss etwas unternommen werden."

Esakalation und eigene Verwicklung

Was an diesem Bild fehlt und in die Reflexion über "operational planning" unbedingt mit einbezogen werden müsste: die Rolle der ausländischen Interventionen, die in relevanten Ausmaß am Zustandekommen der katastrophalen Situation beteiligt sind. Mit der Unterstützung des bewaffneten Kampfes der Rebellen durch Saudi-Arabien, Katar und die Türkei wurde eine Richtung begünstigt, die Syrien zum Kriegschauplatz machte (und zum Anziehungspunkt für dschihadistische Milizen, Einf. d. V.).

Die Intensivierung der operativen Maßnahmen, die nun beim Treffen der Außenminister in Istanbul in konkreten Plänen erörtert wurde, hatte einen Vorlauf in den letzten Wochen. Das konnte man auch in der New York Times nachlesen. Dort wurde Mitte Juli ein ranghoher US-Vertreter mit den Worten zitiert, dass die Oppositionstruppen in den letzten Monaten deutlich stärker geworden seien (was, so lässt sich das deutlich verstehen, durch Hilfe von außen befördert wurde). Jetzt, so der Offizielle, sei man bereit, diese Entwicklung noch zu beschleunigen:

Now we're ready to accelerate that.

Aber: Wohin wird das führen? Zu einer besseren Situation für die syrischen Bevölkerung?

Das wäre eine Hoffung und nicht die unwichtigste. Dem steht allerdings ein größeres Misstrauen in Fähigkeiten und Ziele der "Freunde Syriens" gegenüber, die sich in den Aufstand der Bevölkerung eingemischt haben. Schon in den vergangenen Monaten zeigte sich, dass man entweder den Konflikt falsch eingeschätzt hat oder keinen Plan für mögliche Entwicklungen bereit hatte - oder das Chaos genau so haben wollte. In allen Fällen ist die Bevölkerung Syriens der Leidtragende. Sollte sich das in Zukunft ändern? Werden die USA und ihre regionalen Partner diesmal einen Post-Diktator-Plan haben, der aus den Erfahrungen im Irak und in Libyen gelernt hat?

Für den Augenblick kann man nur konstatieren, dass Syrien zerstört wird und die Zerstörung mit jedem Tag schlimmer wird. Und um missverständlichen Lesarten vorzubeugen: Die Verantwortung, dass Syrien sich zur Kriegszone hat entwickeln können, ist anfänglich bei massiven politischen Fehlern Baschar al Assads zu suchen, in der selbstgerechten elitären Ignoranz dessen, was den Bürgern unter der Haut brannte. Einer Million Syrern ging es wirtschaftlich unter seiner Führung gut, 19 Millionen schlecht. Auf die Demonstrationen und Proteste hätte die Führung anders reagieren können als mit der brutalen Härte, mit der sie vorging.

Doch hat, wie dies der britische Journalist Seumas Milne prägnant veranschaulicht, die Intervention der "Freunde Syriens" - die Unterstützung aller möglichen Rebellentruppen mit Waffen und Geld, die Präsenz von Militärberatern und Spezialeinheiten in Syrien - maßgeblich zur Eskalation des Konflikts beigetragen. Und die Aussichten verdüstert. Nicht nur die Opposition ist zersplittert, wie allenthalben berichtet wird, ganz Syrien besteht aus Teilen, die auseinanderfallen können. Manche spekulieren darüber, dass genau dies der Plan B von Bashar sein könnte:

In order to survive, Assad and his Alawite generals will struggle to turn Syria into Lebanon - a fractured nation, where no one community can rule. He may lose Syria, but could still remain a player, and his Alawite minority will not be destroyed.

Übungsfeld für neue Arten der Kriegsführung

Die Richtung, die der Konflikt seit einigen Monaten nimmt, ist auf Interessen ausgerichtet, die mit denen der syrischen Bevölkerung wenig zu tun haben. Das gilt für Baschar al-Assad und das gilt für jene, die sich mit dem bewaffneten Kräften der Opposition verbünden. Syrien ist Schauplatz eines Stellvertreterkriegs, der auf geopolitische Interessen ausgerichtet ist oder, was bei Kriegen in der jüngsten Zeit, auch häufig eine Rolle gespielt hat: der Schauplatz Syrien ist Trainingsgelände für kommende Auseinandersetzungen, die Iran im Blickfeld haben.

So sieht das beispielsweise ein Kommentator der US-Zeitschrift Foreign Policy. Statt den Verlauf des Bürgerkriegs zu beeinflussen, was die Steuerungsmöglichkeiten Washingtons übersteige, sollte man die Gelegenheit nutzen, um "Kriegsfähigkeiten der irregulären Art aufzubauen". Das sei zentral für künftige Konflikte in der Region:

The civil war in Syria provides an opportunity for the United States and its Sunni allies to do just that. For the United States, supporting Syria's rebels would constitute a classic unconventional warfare campaign, a basic Special Forces mission. Such missions are typically covert and usually performed in cooperation with regional allies.

So, U.S. and GCC intelligence officers and special forces could use an unconventional warfare campaign in Syria as an opportunity to exchange skills and training, share resources, improve trust, and establish combined operational procedures. Such field experience would be highly useful in future contingencies. Equally important, it would reassure the Sunni countries that the United States will be a reliable ally against Iran.

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