Crowdsourcing und Cloudworking: Schöne neue Arbeitswelt
Tomasz Konicz 13.08.2012
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Der Kampf um das Individuum oder: der Humankapitalismus

Einen weiteren zentralen Kampfplatz der neuen Kontrolltechniken bildet schließlich das Individuum selber. Wurde im Laufe der ersten Phase des neoliberalen Rollbacks die gesamte Gesellschaft dem Ökonomismus untergeordnet, so sollen nun die Imperative der Kapitalverwertung möglichst tief im Bewusstsein der einzelnen Menschen verankert, die letzten Leistungs- und Kreativitätsreserven mobilisiert werden. Die totalitäre Verinnerlichung der Kapitalimperative soll so die webgestützte Überwachung und Qualitätskontrolle ergänzen - und dem kriselnden Kapitalismus neue Verwertungsfelder eröffnen.

Bei Henrik Müller, dem stellvertretenden Chefredakteur des Manager Magazins, liest sich das in einem Gastbeitrag für Spiegel-Online folgendermaßen: "Der wirklich knappe Faktor ist nicht mehr Kapital, sondern Kreativität - Humankapital in seiner schönsten Form. Die derzeitige Krise wird der Westen nur überwinden können, wenn die freien Gesellschaften diese Knappheit überwinden lernen." Müller forderte dabei einen "Humankapitalimus", der den Menschen in den Mittelpunkt stelle.

Wie inhuman der neue Humankapitalismus die Menschen in den oberen Etagen der Managementpyramiden bereits heutzutage dressiert, schilderte die Regisseurin Carmen Losmann in einem Gespräch mit der Deutschen Welle. Im Milieu des Human-Ressource-Management herrsche ein Menschenbild vor, das den Menschen als "sich selbst optimierende Ressource" imaginiert. Losmann stellte eindrucksvoll in ihrem Dokumentarfilm Work Hard - Play Hard, der ganz in die Welt transnationaler Konzerne und Beratungsfirmen eintaucht, die an Gehirnwäsche erinnernden Verfahren dar, in denen das gesamte Streben des Lohnabhängigen auf die optimale Verwertung seiner Leistungsressourcen geeicht wird.

Dabei treibt diese Management-Dressur die den kapitalistischen Arbeitsprozess charakterisierende Entfremdung auf die Spitze, indem sie scheinbar aufgehoben wird. Letztendlich sollen die Imperative der heteronomen, den Menschen in ihre Tretmühle zwingenden Kapitalverwertung als die Maxime des eigenen, autonomen Strebens wahrgenommen werden. Es gehe um eine "sehr subtile Uminterpretation von Selbstentfaltung". Dieses Vorgehen weise "schon teilweise faschistoide Tendenzen" auf, betonte Losmann (Die subtile Uminterpretation von Selbstentfaltung).

Der Lohnabhängige soll vermittels eines pseudoprivaten Arbeitsumfeldes und der entsprechenden Techniken des Human-Ressource-Managements ganz im Streben nach dem Erreichen der Unternehmensziele aufgehen, und dies eigenverantwortlich, in Selbstkontrolle verwirklichen. "Wir sind Kapital" - diese Parole sollen künftige Generationen von Lohnabhängigen verinnerlichen. Einer der mit der Schaffung dieses kapitalistischen "Neuen Menschen" betrauten Kapitalroboter beschreibt im Film diesen intendierten Mentalitätswandel als einen Langzeitprozess: "Wir wollen den richtigen Menschen. Wenn wir das jetzt nicht richtig betreiben, dann gibt's uns in zehn Jahren nicht mehr. Prozesse und Strukturen lassen sich schnell ändern. Aber Einstellungen und Verhalten - das dauert."

Das Ergebnis dieser Gehirnwäsche schilderte etwa der Filmkritiker Jürgen Kiontke in einer Besprechung des Losmann-Films auf dem Gewerkschaftsportal Gegenblende: "Die Menschen in diesem Film sind tot, sie wissen es bloß noch nicht. Fremdbestimmung ist jedenfalls nicht mehr nötig. Denn die Leute hier arbeiten "task-orientiert", die kontrollieren sich ganz von allein."

Selbstverständlich werden hier bereits in Ansätzen gegebene Konzepte der "Selbstoptimierung" - wie sie bereits BWL-Studenten eingebläut werden - ins Extrem getrieben. Die in den Labors des "Human-Management" ausgebrüteten Techniken der Selbstverleugnung, Selbstkontrolle und Selbstoptimierung sollen in abgewandelter Form in alle Sphären der Arbeitsgesellschaft diffundieren und sukzessive zur Voraussetzung der Lohnarbeit werden.

Es zeichnet sich dabei ab, dass die Heerscharen des Prekariats und der "Cloud-Worker" auf Formen der Selbstoptimierung verweisen, während die kleinen Kernbelegschaften einer leistungsoptimierenden Gehirnwäsche unterzogen werden, wie sie in "Work Hard - Play Hard" dargestellt wurde. Das Kapital nimmt mit diesem Drang nach Verinnerlichung seiner Imperativa in den Individuen auch eine fundamentale Umdeutung bestehender Begriffe in Angriff, die orwellsche Ausmaße erreicht: Selbstausbeutung wird so zu Selbstverwirklichung, Selbstkontrolle zur Freiheit umgelogen.

Internetkapitalismus als Krisenreflex

Wieso aber rückt nun der Mensch - inklusive seiner Privatsphäre - ins Zentrum der Konzepte und Strategien der Akkumulationsoptimierer in den Beratungsfirmen? Einen ersten Hinweis darauf gab Henrik Müller in seinem Gastbeitrag für SPON, als er "Humankapital in seiner schönsten Form" als den wichtigsten Faktor bezeichnete, der zur Überwindung der gegenwärtigen Krise beitragen könne.

Der kommende Kapitalzugriff auf das Innerste des Menschen bildet genauso einen Krisenreflex, wie die Ausrichtung der Gesamtgesellschaft anhand der Vorgaben der zunehmend stotternden Kapitalverwertung in den vergangenen Jahren. Das Kapitalverhältnis reagiert auf seine Krise buchstäblich extremistisch, indem es sich selbst ins Extrem treibt. Die Degradierung der gesamten Gesellschaft zu einem "Wirtschaftsstandort" im Rahmen des Ökonomismus verschaffte Konzernen und Staaten ja tatsächliche Vorteile in der krisenbedingten Verdrängungskonkurrenz der vergangenen Jahrzehnte, wie etwa die dominante Stellung der Bundesrepublik in Europa illustriert. Nach der totalitären Unterwerfung aller Gesellschaftsbereiche bleibt nur noch das Innerste des Menschen als ein letztes Expansionsfeld übrig, um weiter vor der Krisendynamik zu flüchten. Es handelt sich um eine extremistische Flucht des Kapitalverhältnisses vor den Folgen seiner Verwertungsbewegung (Wer ist schuld am Krisenausbruch?).

Der Mensch befindet sich innerhalb des Kapitalverhältnisses in einem permanenten "Wettlauf mit den Maschinen", deren permanente Evolution immer größere Rationalisierungspotentiale eröffnet. Je weiter der technologische Fortschritt die menschliche Arbeit im Produktionsprozess überflüssig macht, desto stärker geraten reguläre Arbeitsbedingungen und Löhne unter Druck. Die Prekarisierung und die Abrufung der letzten Leistungsreserven vermittels der Selbstoptimierung bilden die Mechanismen, mit denen eine zunehmend schrumpfende Anzahl von Lohnabhängigen noch "in Arbeit" gehalten wird. Arbeit muss billiger und produktiver werden, um im "Wettlauf mit den Maschinen" zumindest vorläufig bestehen zu können. Andrerseits sind vom Rationalisierungsdrang diejenigen Tätigkeiten ausgenommen, bei denen genuin menschliche Fähigkeiten und Fertigkeiten unabdingbar sind.

Deswegen steigt insbesondere bei den Kernbelegschaften das Interesse der Personalabteilungen an der Privatsphäre oder dem Charakter der Lohnabhängigen. Das Management will bei der Kernbelegschaft tatsächlich auf den ganzen Menschen zugreifen, weil die "Menschlichkeit" die wichtigste, technologisch nicht reproduzierbare Eigenschaft bildet, die verwertet werden soll. Aus der Umprogrammierung des menschlichen Strebens nach Selbstentfaltung im Sinne der Kapitalverwertung sollen dann auch die Kreativitätsschübe resultieren, die dem krisengeplagten Spätkapitalismus neue Verwertungsfelder eröffnen würden. Dieser "Neue Mensch", der in seiner Funktion als kleines Rädchen im Verwertungsprozess ganz aufgeht, soll unter totaler Mobilisierung seiner innersten Reserven dem an seiner eigenen Produktivität erstickenden Kapital noch einmal den Weg aus der Krise weisen.

Diese durch immer weiter voranschreitende Produktivitätsfortschritte ausgelöste Krise der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft wird ursächlich zu dem dargelegten Auseinanderbrechen des Arbeitsmarktes in eine prekäre Masse von Selbstoptimierern und eine kleine Elite von gehirngewaschenen Kernbelegschaften führen. Der Kapitalismus könnte nur noch in dieser barbarischen Form, die an Dystopien eines George Orwell oder Aldous Huxley erinnert, seinen Zusammenbruch hinauszögern.

Letztendlich erinnert die Heimarbeit des Spätkapitalismus an die Heimarbeit des Frühkapitalismus, wie sie etwa in der englischen Textilindustrie im Rahmen des Verlagssystems im 17. und 18. Jahrhundert praktiziert wurde, bei dem Heimhandwerker für sogenannte Verleger Textilien herstellten, die diese dann aufkauften und vermarkteten. Der frühe Kapitalismus drang vermittels der Lohnarbeit in die Häuser der Menschen ein, bevor er sie in die Fabriken trieb. Der Spätkapitalismus wird den künftigen Internet-Tagelöhner erneut in die eigenen vier Wände abliefern.

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