Gotteskrieger aus Deutschland

14.08.2012

Die Zerschlagung der Deutschen Taliban Mudschahidin (DTM)

Im Netzwerk von al-Qaida fällt eine Organisation auf, weil sie sich vor allem aus "Deutschen" rekrutierte: Die Deutsche Taliban Mudschahidin (DTM) war die erste deutsche Auslandsguerilla. In den letzten Wochen und Monaten löste sich die Gruppierung quasi von selbst auf, ohne dass die Öffentlichkeit hierzulande davon in nennenswertem Umfang Kenntnis genommen hätte.

Aus dem DTM-Video "Der Ruf der Wahrheit"

Bereits in den neunziger Jahren schlossen sich "Personen mit Deutschlandbezug" den Mudschahidin in Afghanistan bzw. Waziristan an. Dabei handelte es sich um folgende Personenkreise:

  • gebürtige Deutsche, die zum Islam konvertiert waren,
  • Immigranten aus dem islamischen Raum, die die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hatten,
  • oder um in der BRD geborene und aufgewachsene Türken, Araber, Somalier, etc.

Über die Gesamtzahl dieser Jihadisten aus Deutschland gibt es höchst unterschiedliche Schätzungen, zumal die militanten Gruppierungen vor Ort die Anzahl ihrer Kämpfer bewusst geheim hielten, auch um eine nicht vorhandene Stärke vorzugaukeln:

Der Deutsch-Syrer Rami Makanesi berichtet, er habe nach seiner Ankunft in Waziristan die C.-Brüder (gemeint sich die Brüder Munir und Yassin Chouka aus Bonn, die sich der IBU angeschlossen hatten, G. P.) gefragt, wo denn die anderen deutschen Mudschaheddin seien, die er in den Propagandavideos gesehen habe. Es gebe keine anderen Deutschen, so die Antwort der Brüder C.."

Am 15. Februar 2011 erklärte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Dr. Ole Schröder, auf dem 14. Europäischen Polizeikongress in Berlin, dass 220 Personen mit Deutschlandbezug eine Mudschahed-Ausbildung in einem Terrorcamp absolviert hatten, von denen 110 in die Bundesrepublik zurückgekehrt waren. Immerhin 70 Terrorverdächtige besäßen Fronterfahrung.

Demgegenüber nannte der damalige BKA-Kriminaldirektor Klaus Wittling im Juni 2011 folgende Zahlen:

Den Bundessicherheitsbehörden liegen derzeit Informationen zu insgesamt rund 250 Personen mit Deutschlandbezug vor, die eine paramilitärische Ausbildung in einem islamistisch-terroristischen Ausbildungslager erhalten haben sollen bzw. eine solche beabsichtigen. Von 70 Personen wissen wir, dass sie sich in einem solchen Lager aufgehalten haben. Wir wissen von etwa 45 Personen, die sich mutmaßlich seit Beginn des Jahres 2001 an Kampfhandlungen in Krisenregionen beteiligt haben. Auch aktuell befinden sich deutsche Staatsangehörige (mit Migrationshintergrund und Konvertiten) in Regionen wie z. B. dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, in denen heute Ausbildungslager islamistisch-terroristischer Organisationen vermutet werden.

Nicht alle Terrorismusschüler, die nach Waziristan kamen, hatten konkretere Vorstellungen davon, wohin und zu wem sie wollten. Am Ende landeten alle – manchmal nur zufällig - bei irgendeiner Gruppierung, zu der man dann gehörte. Nur ein Teil der Gotteskrieger-Rekruten kam bei al-Qaida und ihrem Bereich für "externe Operationen" unter, andere schlossen sich der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) oder deren Abspaltung, der Islamischen Jihad Union (IJU), an. Im Prinzip war es möglich, die Organisation im Laufe seines Aufenthaltes zu wechseln, wenn die Gruppenführer damit einverstanden waren und entsprechende intra-organisatorische Arrangements zustande kamen, bei der beide Seiten ihr Gesicht wahren konnten.

Diese organisatorische Beliebigkeit hatte zur Folge, dass nicht immer klar wurde, zu welcher Organisation eine bestimmte Person zugerechnet werden musste. Dies galt insbesondere für obskure Figuren wie z. B. Mohammed A. aus Berlin, bei denen nicht klar war, ob es sich um einen V-Mann handelte oder nicht.

Zu den Gruppierungen in Waziristan gehörten auch Mitglieder, die niemals vor Ort waren, sondern immer nur von der BRD aus agierten. Diese betätigten sich als Geld- oder Materialbeschaffer. In mehreren Fällen musste der ein oder andere schon bei der Anreise auf halbem Wege umkehren.

Außerdem gehörten "Personen mit Deutschlandbezug" schon zur IJU, noch bevor diese Gruppierung ihre Rekruten aus Deutschland in der separaten Unterorganisation "Deutsche Taliban Mudschahidin" zusammenfasste. Zu diesen "frühen" Mitgliedern zählen z. B. die Angehörigen der Sauerland-Zelle: Fritz Gelowicz, Daniel Martin Schneider und Adam Yilmaz verließen die IJU-Lager in Waziristan im Sommer 2009, also wenige Wochen, bevor die DTM (halboffiziell) gegründet wurden.

Die Deutschen Taliban Mudschahidin

Die Ittihad al-Jihad al-Islami bzw. Islamische Jihad Union war ursprünglich eine usbekische Organisation, die sich im März 2002 von der Islamischen Bewegung Usbekistans abspaltete. Bis heute ist nicht geklärt, welche Rolle der usbekische Sicherheitsdienst Slushba Nazionalnoi Besopasnosti (SNB) bei der Gründung der Gruppierung spielte.

In diesem Zusammenhang behauptete der frühere usbekische Geheimdienstoffizier Ikrom Yakubov, der 2008 in den "Westen" überlief: "Auch die Islamische Jihad Union ist vom usbekischen Geheimdienst ins Leben gerufen worden. (...) Die Mitglieder, die eine führende Rolle spielten, kamen vom usbekischen Geheimdienst. Aber die Leute um sie herum waren einfache Muslime. Der usbekische Geheimdienst hat diese Organisationen mit Geld versorgt, einfach mit allem." In ähnlicher Weise äußerten sich der frühere britische Botschafter in Usbekistan, Craig Murray, und die usbekische Journalistin Galima Bukharbaeva.

Die IJU selbst wurde ursprünglich von "Sul" alias Suhayl Fatilloevich Buranov aus Taschkent und "Jafer" alias Najmiddin Kamolitdinovich Jalolov aus Khartu geführt. Nach deren Tod leitet heute Abdallah Fatih die Gruppierung, die vielleicht über 200 bis 300 Kämpfer verfügen dürfte. Zur IJU gehören seit 2006 auch mehrere Europäer, die 2009 in der Unter-Gruppierung Taifatul al-Mansura zusammengefasst wurden.

Die "Personen mit Deutschlandbezug" wiederum bildeten eine Unterorganisation, die unter den Namen "Deutsche Taliban Mudschahidin" (DTM) bekannt wurde und erstmals im September 2009 in Erscheinung trat. Zunächst wurde diese deutsche Kampfkommune von Ahmet Manavbasi geleitet, nach dessen Tod leitete Atwal Abdur Rehman seit Mai 2010 vorübergehend die Gruppe, seit dem 15. Dezember 2010 hatte Fatih Temelli die Führungsposition inne. Zu den sechs Gründungsmitgliedern gesellten sich später noch weitere Personen, so dass die DTM im Laufe der Jahre zwei, drei Dutzend Personen umfasste, von denen aber durch Fluktuation immer nur ein Teil vor Ort präsent war. Ein Großteil der DTM-Mitglieder kam aus Berlin, so dass die Sicherheitsbehörden in diesem Zusammenhang von der "Berliner Gruppe" sprachen. Vereinzelt gehörten auch Österreicher zum DTM-Umfeld, wie z. B. der Wiener Thomas Samih al-Jibaie, der angeblich den Reichstag in Berlin in die Luft sprengen wollte. Am 3. Juli 2012 verurteilte ihn das Straflandesgericht in Wien zu einer Haftstrafe von drei Jahren.

Eric Breininger berichtete - post-mortem - in seinem Buch "Mein Weg nach Jannah", das wahrscheinlich von Yusuf Ocak verfasst worden war und am 5. Mai 2010 von Elif Medya veröffentlicht wurde, bei der DTM handelte es sich um eine "ganz besondere Gruppe von Terroristen, die in keiner Datenbank und keiner Liste der Feinde Allahs erfasst ist. Sie sprechen die Sprache der Feinde, kennen ihre Sitten und Bräuche und können sich auf Grund ihres europäischen Aussehens hervorragend tarnen und so die Länder der Kuffar unauffällig infiltrieren und dort (...) eine Operation nach der anderen gegen die Feinde Allahs ausführen und so Angst und Terror in ihren Herzen säen." Allerdings hat dies in der Praxis bekanntlich nie funktioniert.

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