Eichmann wurde noch gebraucht

14.08.2012

Der Massenmörder und der Kalte Krieg

Am 22. Mai 1960 wollte Dwight D. Eisenhower ein erholsames Wochenende verbringen. Das Gipfeltreffen der vier Siegermächte in Paris war am Montag zuvor gescheitert und der von der Sowjetunion geforderte Teststopp für Atomwaffen vom Tisch. Der US-Präsident war erleichtert, denn die Hardliner in seinem Kabinett hatten ihn unter Druck gesetzt, allen voran das Pentagon und die US Atomic Energy Commission (AEC). Die Militärs wollten unbedingt ihre neue Atomwaffe testen, und die AEC suchte nach einer Hintertür. Sie behauptete, künftig Atombomben für friedliche Zwecke einsetzen zu wollen, etwa beim Bau von Kanälen und Häfen. Ihre Parole hieß: Bombs for Peace, Bomben für den Frieden.

Weltweit warnten Ärzte und Wissenschaftler vor den Folgen des radioaktiven Niederschlags, des Fallouts. Um die Öffentlichkeit zu beruhigen, hatte das Weiße Haus anderthalb Jahre zuvor in Genf Abrüstungsverhandlungen aufgenommen und, gemeinsam mit dem Kreml, ein "freiwilliges" Moratorium verkündet. Es sah weder Sanktionen vor, noch war es zu kontrollieren: Angesichts weniger seismischer Kontrollstationen waren kleinere Atomexplosionen nicht auszumachen, und es war kaum zu unterscheiden, welche Erdbewegungen auf natürliche Ursachen und welche auf Sprengungen zurückgingen. Außerdem war in dem Moratorium nur vom eigenen Staatsgebiet die Rede, nicht von fernen Ländern.

Das Kapitel stammt aus dem eben von Gaby Weber im Verlag Das neue Berlin erschienenem Buch: Eichmann wurde noch gebraucht. Der Massenmörder und der Kalte Krieg (224 Seiten, mit zahlreichen Fotos, 17,95 € / eBook 13,99 €). Gaby Gaby beleuchtet die Hintergründe für das Scheitern des Vier-Mächte-Gipfeltreffens in Paris, deckt die geheimen Atomwaffenversuche der USA trotz Testmoratoriums im Süden Argentiniens auf und schildert die deutsch-israelisch-argentinische Zusammenarbeit bei der atomaren Aufrüstung Israels. Sie zeigt auf, dass die Ergreifung und Überführung Eichmanns nach Israel aus handfesten wirtschaftlichen und realpolitischen Interessen der USA und ihrer Verbündeten erfolgte.

An diesem Sonntag betrat der US-Präsident um 8.28 Uhr die Presbyterian Church in Gettysburg, Pennsylvania. Nach der Messe ging es zurück auf seine Farm. Dort traf um 15.37 Uhr Major Richard Streiff ein und überbrachte die neuesten Nachrichten.1 Am Vortag war Südchile von mehreren Erdstößen erschüttert worden, mit Werten über sieben Einheiten auf der Richter-Skala. Und an diesem Sonntag hatte knapp anderthalb Stunden zuvor ein noch gewaltigeres Erdbeben den Andenstaat mit einer Stärke von 9,5 erschüttert – das mächtigste Erdbeben, das jemals gemessen wurde. Eine Naturkatastrophe? Oder ein Unfall – ausgelöst von einer unterirdischen Atomexplosion? Von jener nuklearen Wunderwaffe des Atomphysikers Edward Teller, die das Pentagon gerade heimlich am Südzipfel des Kontinents testete?

Würden Eisenhowers Generäle dafür verantwortlich gemacht werden, dass in Südamerika jetzt die Erdkruste aufplatzte, sich Berge verschoben und Inseln verschwanden? Der US-Präsident hatte am 15. Mai – also zur selben Zeit, als er selbst in Paris landete, um auf dem Gipfeltreffen vollmundig von Abrüstung zu sprechen – seinen obersten Atomwaffen-Entwickler mit mehreren Atomwaffenträgern nach Argentinien geschickt. Dort war er vom Präsidenten empfangen worden, der ihm Glück gewünscht hatte.

Über den Besuch wurde in der Zeitung berichtet und im Senat diskutiert. Die argentinische Kriegsmarine war an den Versuchen beteiligt. Würde Eisenhower am folgenden Tag des Wortbruchs, der Irreführung und der Verantwortungslosigkeit beschuldigt werden? Würde die Weltöffentlichkeit ihn und seine Hardliner für die Katastrophe in Chile zur Rechenschaft ziehen? Südchile ist dünn besiedelt, es starben nach einer Studie der United States Geological Survey "lediglich" 1665 Menschen, aber der Tsunami zerstörte die Küsten Kaliforniens, Hawaiis und der Philippinen und machte zwei Millionen Menschen obdachlos. Wie konnte die Weltöffentlichkeit abgelenkt werden?

Die argentinische Presse feierte die Ankunft der US-Streitkräfte samt ihres nuklearen Arsenals, La Razón vom 4. Mai 1960

Wann genau der US-Präsident von dem Erdbeben erfuhr, ist ein Staatsgeheimnis. Die Akten der Presidential Library in Kansas erwähnen die Katastrophe erst eine Woche später, im Zusammenhang mit der humanitären Hilfe an Chile. Und meine Anträge, die noch geheimen Dokumente offenzulegen, lehnen das Pentagon und das U.S. Department of Energy bis heute ab. Daher kann nur gemutmaßt werden, ob sich Eisenhower im ersten Moment der Panik daran erinnerte, dass vor wenigen Tagen in Argentinien ein ehemaliger SS-Mann dingfest gemacht und nach Israel geschafft worden war.

Präsident David Ben Gurion hatte ihn gar nicht haben wollen. Er verhandelte mit Konrad Adenauer über eine Milliardenspende für sein Atomprogramm. Der deutsche Bundeskanzler wollte damit einen Schlussstrich unter die Verbrechen des Nationalsozialismus ziehen und Prozesse gegen deutsche Kriegsverbrecher im Ausland vermeiden. Am Morgen des 23. Mai wusste Ben Gurion noch nicht, was er mit seinem Gefangenen anstellen sollte, ohne die Beziehungen zu Adenauer zu belasten. Sicher ist, dass am 23. Mai um 16 Uhr Ortszeit Ben Gurion überraschend vor die Knesset trat und verkündete, man habe den Kriegsverbrecher Adolf Eichmann verhaftet und werde ihn vor Gericht stellen. Da war es in Washington neun Uhr morgens und Eisenhower auf dem Weg ins Weiße Haus.

Wurde ein Ablenkungsmanöver improvisiert? Auszug aus einem BND-Vermerk, in dem Eichmann als "Doppelagent für Deutschland und Israel" bezeichnet wurde, der "vorzügliche Beziehungen zu in Argentinien ansässigen Juden" gehabt habe.

Auf jeden Fall füllten nicht das Erdbeben in Chile und die US-Atomexplosionen in Patagonien die Titelseiten der Weltpresse, sondern die sensationelle "Entführung" von Adolf Eichmann. Eine gigantische Desinformationskampagne nahm ihren Lauf.

Projekt Plowshare

Das Projekt Plowshare war im Juli 1957 entwickelt worden, es wurde auch Bombs for Peace genannt, in Anlehnung an Eisenhowers Atoms-for-Peace-Kampagne. Plowshare heißt Pflugschar, das Messer des Pfluges, das sich tief in die Erde gräbt. Mit dem pazifistischen, biblischen Konzept "Schwerter zu Pflugscharen" hatte das Vorhaben nichts gemein. Es ging um die zivile Anwendung der Atomsprengkraft, um ein drohendes Verbot der Waffentests zu umgehen.

Plowshare wurde in der Abteilung Division of Military Application des Lawrence Livermore National Laboratory angesiedelt. Das Labor ist an die Universität in Berkeley angegliedert. Öffentlich gab die AEC am 6. Juni 1958 die Gründung des Pflugschar-Programms bekannt. Seine geistigen Väter waren die Physiker Edward Teller und Herbert York.

Teller hatte 1930 bei Werner Heisenberg promoviert und war fünf Jahre später wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA emigriert. Dort arbeitete er am Manhattan-Projekt mit, das die amerikanische Atombombe auf der Basis des angereicherten Urans entwickeln sollte – nicht auf der Basis von Natururan mit Schwerem Wasser, das die Nationalsozialisten und später die Israelis mit deutscher Hilfe zu kernwaffenfähigem Plutonium verarbeiteten. Auch an der Entwicklung der Wasserstoffbombe war Teller beteiligt.

Aus einem Film aus dem Jahr 1962 über Plowshare

York war ab 1952 der erste Direktor des Lawrence Livermore National Laboratory. 1958 wechselte er auf den Chefposten des US-Atomwaffenamtes DASA, der Defense Atomic Support Agency des Pentagons, und Teller trat seine Nachfolge im LLNL an. Am 29. April 1960 führte McCone Teller in das Kabinett ein, um dem Präsidenten und seiner Generalität Plowshares Aufgaben in den kommenden zwei Jahren zu skizzieren: Mit Atombomben sollten einen Kanal auf den Marshall-Inseln sowie zwei Häfen samt einem Kanal in Alaska gebaut werden. An Letzterem hatte Corporate America Interesse angemeldet.

Die AEC hatte für die Panama Company schon Monate vorher in einem Bericht die Einsparungen durch nukleare Sprengungen anschaulich dargelegt2:

Während hochexplosive [konventionelle – gw] Explosionen den Fels nur zerbrechen und das Geröll nach der Sprengung mit mechanischem Gerät weggeräumt werden muss, verursachen nukleare Explosionen so große Krater, dass hinterher das Wegräumen von Geröll nicht notwendig ist. Die Kosten dieser mechanischen Räumung – Aufladen, Bewegen und woanders Abladen – sind dadurch verglichen mit denen einer nuklearen Explosion um ein Vielfaches höher […].

Das Ausgraben mit konventionellem Sprengstoff würde zehn Jahre dauern, mit nuklearem Material nur zwei bis drei Jahre, erklärte Whitman und verwies auf den AEC-Bericht vom Januar 1960.

Die AEC stellte sich den nuklearen Kanalbau wie eine Perlenkette vor: In einem bestimmten Abstand sollten Atombomben in einer Reihe gezündet werden, so dass hinterher nur die Krater miteinander verbunden werden müssten ("a series of nuclear explosions placed so that a series of connecting craters is formed").

"Explosionen tief im Erdreich"

Für Chariot hatte Teller eine neue Atomwaffe konstruiert, den Ditchdigger, wörtlich übersetzt: Grabenbagger. Zitat aus einem später auf der Homepage des US-Energieministeriums veröffentlichten Bericht3:

Bei dem Projekt Ditchdigger sollte eine Atomwaffe getestet werden, um die Möglichkeit des Baus von Kanälen, die in den Ozean münden, zu sondieren.

Die Entwicklung des Ditchdiggers trat auf der Stelle, da hierfür unbedingt unterirdische Tests notwendig waren, und genau über die stritt man sich in Genf. Dem Livermore-Labor drohte eine Budgetkürzung. Doch die AEC war sich sicher, mit dem Ditchdigger fortfahren zu können, und genehmigte Anfang 1960 "Entwicklungsstudien" für die Geheimwaffe im Livermore Laboratory, zumindest solange, "wie es [aufgrund des freiwilligen Testmoratoriums – gw] keine anderen Vorbereitungen für eine Zündung geben kann".

"Explosionen tief im Erdreich" – so Teller – waren unterirdische Atomtests. Doch wo sollten diese durchgeführt werden?

Die Antwort Eisenhowers steht nicht in den Akten, wohl aber zahlreiche Entnahmeblätter, die besagen, dass an dieser Stelle Dokumente entnommen wurden und unter Verschluss aufbewahrt werden. Die Freigabe dieser Geheimdokumente habe ich beantragt und einige erhalten. Zitat aus einem Vermerk über ein Gespräch mit dem Vizepräsidenten, Verteidigungsminister Gates, General Twining, General Hickey, General Goodpaster und Sicherheitsberater Gray vom 29. April 1960: "Am Ende der Diskussion befahl der Präsident, alle Papiere über das Besprochene zu vernichten."

Am 12. Mai trat das Kabinett erneut zusammen. Erschienen waren unter anderem McCone, Mrs. Gertrude Schroeder von der CIA und für Punkt 5 Herbert York. Welche konkreten Absichten Mr. York an jenem 12. Mai unter Tagesordnungspunkt 5 Präsident Eisenhower und seinem Kabinett unterbreitete, verrät das Protokoll nicht. Nicht aus US-Archiven, sondern aus der Nationalbibliothek in Buenos Aires erfahre ich, was Mister York vorhatte und wo er es vorhatte. Der argentinische militärische Geheimdienst meldete am selben Tag, als York in der Kabinettssitzung zum Thema Strahlengefahren und Atomtests sprach: "Am kommenden Sonntag Nachmittag [15. Mai – gw] wird in Ezeiza eine Kommission von US-Wissenschaftlern ankommen, geleitet von Dr. Herbert F. York, Forschungs- und Entwicklungsdirektor des US-Verteidigungsministeriums."

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