Siddharta für Nerds

02.09.2012

Ein Gespräch mit Constantin Gillies über seine Roman-Trilogie "Extraleben"

Besonders im Bereich des Computings ist die Retro-Welle produktiv. Neben neuen Spielen und Demos für alte Systeme, 8-Bit-Musik mit SID-Chips und mittlerweile vier deutschsprachigen Printmagazinen überrascht vor allem der literarische Sektor mit Sachbüchern und Romanen zum Thema. Als vor einem Jahr Christian Stöckers "Nerd Attack" von sich reden machte, war der dritte Roman aus Constantin Gillies "Extraleben"-Trilogie bereits in Arbeit. Gillies‘ Technik-Thriller-Erzählungen über zwei in die Jahre gekommene 80er-Nerds, die aus ihrem Hobby einen Beruf gemacht haben, sind überaus erfolgreich - nicht allein in der Szene. Im Interview verrät er ein wenig über den Hintergrund der Entstehung.

Endboss ist der dritte Teil deiner Extraleben-Romanreihe. Bevor du an diesen Romanen gearbeitet hast, hast du Bücher wie "Wickelpedia" oder "Die macht mit uns. Star Wars und die Folgen" geschrieben. Wie ist die Idee entstanden, die literarische Gattung zu wechseln und wie aufwändig war es für dich, dafür einen Verlag zu interessieren?

Constanin Gillies: Ich hatte schon länger Lust, mal einen Roman zu schreiben. Aber dafür einen Verlag zu finden war, um es vorsichtig zu sagen, schwierig. Spätestens beim Wort "Videospiele" haben die Großen alle abgewunken, Games sind für die meisten Lektoren immer noch Teufelszeug. Die letzte Absage kam lustigerweise zwei Jahre nachdem "Extraleben" schon erschienen war. Daran kann man sehen, wie rasend schnell diese Branche arbeitet und denkt… Der CSW-Verlag dagegen hat zehn Minuten, nachdem ich einen PDF-Auszug geschickt hatte, zugesagt.

Constanin Gillies. Bild: David Weimann

Deine Helden Nick und Kee sind das, was man gemeinhin als Nerds bezeichnet: Retro-faszinierte Computer-Enthusiasten, nicht mehr ganz junge Männer zwischen 30 und 40. Wobei auf Nick, der unter ständiger kritischer Perspektive Kees steht, die Bezeichnung vielleicht noch eher zutrifft. Mit den beiden Helden ist es dir gelungen, zur jeweiligen Perspektive immer auch eine Gegenperspektive anzubieten. Sind die Protagonisten als Doppelfigur eines modernen Bildungsroman angelegt?

Constanin Gillies: Ein Germanist, mit dem ich mal sprach, bezeichnete "Extraleben" als "klassischen Entwicklungsroman". Da ist sicher was dran: Die Helden starten als typische Slacker, als gescheiterte ewige Praktikanten, die durch einen wahnwitzigen Zufall zu arrivierten Business-Kasperles mutieren. In "Der Bug" kostet vor allem Nick dann diese neue Bürgerlichkeit voll aus. Und in "Endboss" explodiert dann wieder alles, da emanzipieren sie sich dann von dem ganzen Quatsch - der latent unterdrückte Ich-Erzähler Kee übrigens auch von seinem Übervater Nick. Ist alles ein bisschen wie "Siddharta" für Nerds.

Wenn man "Extraleben", "Der Bug" und jetzt "Endboss" liest, kann man sich oft nicht entscheiden, ob es sich um technikangereicherte Verschwörungs-Thriller oder um zu einer Reiseerzählung montierte Technik-Anekdoten handelt. Ich - wie wohl viele der Leser aus der Retro-Szene - tippe ja auf zweiteres. Auf die Recherche der technischen Aspekte hast du sicherlich mindestens ebenso viel Zeit verwandt wie auf die Konstruktion des Plots. Verrätst du uns, woher du die Themen bezogen hast? Oder sind das Sachen, mit denen du dich selbst einmal so intensiv beschäftigt hast?

Constanin Gillies: Als Autor müsste ich jetzt eigentlich sagen: Das hat ALLES natürlich nichts mit mir zu tun, alles ist pure Fiktion. Das halte ich aber für ziemliches Literaten-Posing. Natürlich beruht vor allem "Extraleben" auf meiner eigenen Biografie: Commodore 64, wacklige Versuche mit Maschinensprache, Pornos auf VHS mit zwei Videorekordern überspielen - genau damit haben wir unsere Jugend verschwendet. Und natürlich liebe ich die USA und habe drüben viel Zeit verbracht, deshalb lag es nah, da die Handlung spielen zu lassen. Im Lauf der Romanreihe verliert das Autobiografische aber zunehmend an Gewicht.

Illustrationen aus dem Buch, gefertigt mit der GameBoy-Kamera: Plane Crash, Das Tape, Ihr Büro, Amature Wife

Die Erzählungen bedienen aber ja nicht bloß nostalgische Aspekte von vergangener Jugendkultur. Gerade im letzten Roman zeigt sich die Aktualität des retrotechnischen Wissens. (So betreibt etwa die Bundeswehr aus genau demselben Anlass wie deine fiktive "Datacorp" einen Fuhrpark alter Computerhardware und beschäftigt Leute, die sich damit auskennen). "Sicherheit durch Seltenheit" lautet das Konzept, das damit umgangen werden soll. Hast du dich zur Recherche mit ähnlichen Institutionen und ihrer Arbeitsweise beschäftigt?

Constanin Gillies: An einer Stelle in "Der Bug" sagt Nick, dass die IT-Welt wie Rom ist - alles Neue steht auf den Ruinen von etwas Altem. Und das stimmt: Bei meinen Recherchen habe ich viele Leute kennengelernt, die ihr Geld damit verbringen, alte Computer am Laufen zu halten oder alte Medien auf neue zu überspielen. In Kalifornien etwa gibt es einen Mann namens Sellam Ismail, der genau das tut. Bei dem rufen die seltsamsten Leute an.

Und was wollen die genau von dem?

Constanin Gillies: Einmal zum Beispiel meldete sich ein Schatztaucher, der irgendwann in den Neunziger mal Fundstücken mit einer der ersten Digitalkameras schossen hat, und der unbedingt an die Bilder ranmusste. Leider waren sie in einem völlig antiquierten Format auf einer Videokassette gespeichert! Und Ismail hat die Daten rausgekriegt. In der Realität gibt es viele Firmen, die so sind wie die "Datacorp" aus den Romanen. Allerdings ist bei denen der James-Bond-Faktor ein bisschen geringer.

Es gibt aber noch einen zweiten Aspekt: Auch Nicks und Kees Wissen ist ja nicht bloß historisch, sondern auch in dem Sinn aktuell, dass es einer technischen Aufklärung verpflichtet ist, die fordert, dass man sich mit Technologie auskennen muss, wenn man sie benutzt. Den heutigen "Black Boxes" (Smart Phones, Tablett-Computern, embedded Systems aller Art), mit denen sich nur noch Fachleute auskennen, steht mit der Computertechnik der 80er, 70er und der Jahrzehnte davor eine Zugänglichkeit gegenüber, die den Nutzer herausfordert den Computer wirklich zu verstehen, wenn er ihn benutzen will. Sind die Romane - und vielleicht sogar die ganze Retro-Kultur - vielleicht auch ein Ausdruck davon, das Wissen um dieses Funktionieren wieder zurückzukommen? Inwieweit sähest du dich da als Vermittler?

Constanin Gillies: Ich habe eine Allergie gegen alles Programmatische, deshalb würde ich mir das Label des Botschafters für alte Computer-Werte ungern anheften. Was mich aber wundert - und auch immer wahnsinnig freut - ist, wenn irgendwelche Teenager nach einer Lesung zu mir kommen und sagen, dass sie durch die Bücher "auf den alten Kram" gekommen sind. Ich sag dann immer: "Hab ihr nichts Besseres zu tun?" (lacht)

Die könnten sich ja an den Rätseln, das es zu jedem der Bücher gab, ausprobieren! Einmal davon abgesehen, dass diese Rätsel schon sehr anspruchsvoll zu lösen sind, fordern sie ja auch heraus, sich in die alten Technologien aktiv hineinzudenken. Richten sie sich nur an solche Nerds, wie Nick und Kee? Was weißt du über die Teilnehmer und Gewinner?

Constanin Gillies: Die Rätsel sind natürlich meistens nichts für den Mainstream-Leser, das sieht man schon an den Signaturen der Antwortmails: Systemadministratoren, IT-Berater, Fachleute für IT-Security, klassische "c't"-Leser halt … Wenn solche Leute mitmachen freut mich das tierisch, weil ich als studierter Volkswirt latente Minderwertigkeitsgefühle in der Gegenwart von Technikern habe. Wenn die dann von den Ostereiern, die ich mir ausdenke, herausgefordert sind, ist das eine Art von Ritterschlag. Einige der Teilnehmer habe ich ganz gut kennengelernt, mit einem bin ich sogar befreundet. Er hat mich bei der Technikrecherche zu "Endboss" unterstützt. Ist schon Wahnsinn, was aus der Community da zurückgekommen ist.

Vom ersten Teil der Roman-Trilogie sind schon etliche Auflagen erschienen. Wie erklärst du dir den Erfolg der Bücher? Nimmst du die Konkurrenz wahr?

Constanin Gillies: Einer der Leser hat mal geschrieben "Ich verstehe nicht, warum niemand sonst solche Bücher macht?" Das denke ich auch manchmal. Die Mischung ist doch im Prinzip ganz einfach: Ein bisschen Achtziger-Jahre-Nerd-Nostalgie, ein bisschen Thriller - fertig. Und Jungs mit der gleichen Biografie gibt‘s ja auch reichlich. Wenn es überhaupt ein Erfolgsgeheimnis gibt, dann vielleicht, dass ich von Anfang an eben nicht in Zielgruppen etc. gedacht habe, sondern einfach angefangen habe - leider ohne viel Nachzudenken. Nachdem "Extraleben" fertig war, hat einer meiner Kumpels gesagt: "Geil, Alter, das kaufen mindestens zwanzig Leute!" Und ehrlich gesagt dachte ich das auch.

Es wurden dann ja zum Glück mehr … Viel mehr. Wird es von dir weiteres in Sachen Retro-Technik-Fiktion zu lesen geben? Vielleicht noch einen vierten Roman?

Constanin Gillies: Wenn jetzt die Leute kommen und nach einem Teil vier fragen, tut das gut. Aber ich bleibe erstmal dabei: Nick und Kee sind in den Sonnenuntergang gefahren. Dem Genre der "Nerd-Lit" werde ich aber treu bleiben, das Rumgeeken macht viel zu viel Spaß, um schon damit aufzuhören.

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