Muslime im Überblick - ohne das Haus der Wahhabiten

Thomas Pany 14.08.2012

"Einheit und Vielfalt": Das amerikanische Pew-Institute versucht ein globales Großbild elementarer Glaubenseinstellungen von Muslimen weltweit. Allerdings fehlen Saudi-Arabien und die Golfstaaten

38.000 Face-to-face-Interviews in 80 Sprachen haben die Mitarbeiter des amerikanischen Forschungsinstituts Pew durchgeführt, um Gemeinsamkeiten und regionale Unterschiede in Glaubensfragen von Muslimen herauszufinden.

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Dabei hat sich herausgestellt, dass es zwar eine breite Zustimmung zu den wesentlichen Glaubensinhalten in den 39 Ländern und Gebieten mit muslimischer Bevölkerung gebe, aber doch auch bedeutende Unterschiede in den Antworten auf die Fragen, wie wichtig die Religion ist, wie viel Interpretationsmöglichkeiten die Befragten einräumen und wie wichtig die Unterschiede verschiedener Glaubensströmungen, so zum Beispiel der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten, genommen werden.

Manche Ergebnisse sind bemerkenswert; wie sie genauer begründet sind, welche Motive und welche historische, regionale Eigenheiten ihnen zugrunde liegen, darüber lässt sich aufgrund der Zusammenfassung der Umfrage wenig Verlässliches sagen. Dadurch, dass sich Pew zu einem Großbild mit Prozentsäulen, die sich auf Medianwerte beziehen, entschlossen hat, wird das Detail konsequent vernachlässigt.

Einige wenige Zweifler

So etwa beim Großbild, das den Median-Prozentwert der Bewohner angibt, die dem Wesenskern des Islam zustimmen: dem Glauben an einen einzigen Gott und seinen Propheten Muhammed. Laut Pew gibt es dafür im Mittleren Osten und in Nordafrika 100 Prozent Zustimmung, in Asien aber anscheinend schon einige wenige Zweifler. In Südostasien bestätigen 98%, dass sie an den einen Gott und seinen Propheten glauben. In Süd- und Zentralasien sind es 97 Prozent und in Südosteuropa finden sich nur 85 Prozent unter den befragten Muslimen, die dem zustimmen.

Die Abweichung der befragten Muslime aus Russland, dem Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Albanien von einer strenggläubigen Einstellung spiegelt sich auch in deren Antworten auf die Frage wieder, wie wichtig die Religion in ihrem Leben ist. Die Einschätzung, dass Religion in ihrem Leben sehr wichtig ist, bestätigten nur 15% in Albanien und 44 Prozent im Kosovo und in Russland (Bosnien Herzegowina 36%). Sie sind auch in den zentralasiatischen Ländern, die früher zur Sowjetunion gehörten, niedrig. Tadschikistan liegt mit 50 Prozent Zustimmung vor Kirgistan (49%), Aserbaidschan (36%), Usbekistan (30 Prozent) und Kasachstan (18%).

Saudi-Arabien, dessen Wahhabiten über solche Einschätzungen von Muslimen wenig froh wären, kommt in der Pew-Studie gar nicht vor. So nehmen afrikanische Länder, Senegal, wo 98 Prozent der Muslime die Religion als sehr wichtig für ihr Leben einschätzen, Ghana, Kamerun, Guinea Bissau die Spitzenplätze ein. In den asiatischen Ländern wird der Religion von den Muslime ebenfalls eine hohe Relevanz eingeräumt: Thailand (95%), Indonesien (93%) und Malaysia (93 %).

Hohe Zustimmungswerte bei der Frage nach der Relevanz des Glaubens für das eigene Leben

Die Bewohner des Nahen Ostens und Nordafrikas zeigten den Interviewern gegenüber mehr Distanz zur Wichtigkeit der Religion. Der Medianwert der befragten Muslime in Marokko, für welche die Religion sehr wichtig war, liegt mit 89 Prozent vor Jordanien (85%), den palästinensischen Gebieten (85%), Irak (82%), Tunesien (78%), Ägypten (75%) und dem Libanon (59%). Syrische Muslime wurden nicht befragt.

Hier zeigt sich die fehlende Tiefenschärfe der Studie. Der Erkenntniswert der Prozentangaben erschöpft sich im bloßen Vergleich. Die Unterschiede werden nicht weiter erklärt. Im großen Überblick lässt sich immerhin feststellen, dass auch die relativ niedrigeren Zustimmungswerte für die arabischen Länder anzeigen, dass mit Ausnahme des Libanons für ¾ der Muslime die Religion wesentlich für das eigene Leben ist. Der Anteil derjenigen, die Religion nicht für so wesentlich halten, lassen sich vielleicht mit einem anderen Lebenstandard, anderen Bildungsmöglichkeiten, anderen Beschäftigungsmöglichkeiten als in den genannten afrikanischen Ländern erklären und auch das nur in einer undifferenzierten pauschalen Weise.

Dass diese Prozentangaben im Vergleich aber wenig darüber aussagen, wie sehr sich religiöse Einstellungen politisch ausnützen lassen, zeigt das Beispiel Tunesien, wo derzeit eine stärkeren Verankerung strengerer islamischer Werte versucht wird, offensichtlich mit größerem politischen Erfolg. Und doch nehmen sich die 78 % der tunesischen Muslime, die dem Glauben große Wichtigkeit in ihrem Leben einräumen, in der Studie im Vergleich mit den Spitzenwerten wenig spektakulär, beinahe moderat aus. Für Pakistan verzeichnet Pew 94%.

Eine oder mehrere Interpretationen zulässig?

Auch in der Frage danach, ob laut der Befragten nur eine oder mehrere Interpretationen der islamischen Lehre möglich seien, ist der Erkenntniswert wegen mangelnder Differenzierungen beschränkt. Mit Saudi-Arabien fehlt auch ein Maßstab, allein, um daran zu erkennen, welche Schulen, welche Art der Differenzierungen die Befragten berücksichtigten.

So belässt es Pew bei der elementaren binären Unterscheidung "Single Interpretation/Multiple Interpretations". Die höchsten Medianwerte der Befragten, die sich für mehrere Interpretationen entschieden, sind in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrika zu finden. In Marokko und Tunesien (beide 58%), in den palästinensischen Gebieten (49 %), im Libanon (45%) und Irak (43 %). Dem stehen 19 Prozent in Pakistan gegenüber, 12 % in Usbekistan und 20 Prozent in Thailand und Indonesien. In den USA sind es 57 Prozent der Muslime.

Schiiten und Sunniten

"Außerhalb des Mittleren Ostens und Nordafrika ist die Unterscheidung zwischen Sunniten und Schiiten nicht so wichtig, mit weniger Konsequenzen behaftet", so das Fazit der Pew Studie, bei der Frage danach, wie die beiden unterschiedlichen Ausrichtungen bewertet werden.

So hebt die Studie hervor, dass in vielen der untersuchten zentralasiatischen Ländern die Frage danach, meist mit "Ich bin Muslim" beantwortet wird und die Angehörigkeit zu einem der beiden großen Gruppierungen keine bedeutende Rolle spielt. Bekräftigt wird dagegen, was sich politische Kräfte im geopolitischen Schachspiel längst zu eigen gemacht haben: Dass die Antagonismen zwischen Sunniten und Schiiten im Maghreb und im Nahen Osten ausgeprägter sind.

Leider macht sich bei dieser Frage auch bemerkbar, dass neben Syrien und Saudi-Arabien auch die Bewohner der Golfstaaten nicht befragt wurden.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37442/1.html
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