Postmoderne Schmerzensfrau und böses Kind

Reinhard Jellen 25.08.2012

Lynne Ramsay hat mit "We need to talk about Kevin" acht Jahre Arbeit an einen hochprätentiösen Entfremdungsporno verschwendet

In Lynne Ramsays Film "We need to talk about Kevin" hüpft die Reiseschriftstellerin Eva Khatchadourian (Tilda Swinton) mit ihrem zukünftigen Ehemann (John C. Reilly) ins Heu und wird sogleich schwanger. Schon bald nach der Geburt beschleicht sie der Verdacht, dass an ihrem Kind nicht alles koscher ist: Es schreit nämlich so viel und so laut, dass sie sich mit dem Kinderwagen neben einen Presslufthammer stellen muss, um sich ein wenig Entspannung zu gönnen.

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Weiter stellt sich alsbald heraus, dass das Kleinkind die Fähigkeit besitzt, den Papi zu manipulieren, indem es ihm die Rolle des Mustersohnes vorspielt: In seinen Armen nämlich beruhigt sich das Schrei-Kind sofort. Als die Familie gegen den Willen Evas zum Wohle des Kindes aus New York weg in eine Vorstadt zieht, ist es dann auch um die Einheit der Familie geschehen: Sohn Kevin versteht es, die Eltern gegeneinander auszuspielen und den eher reflexionsbescheidenen Vater zu überzeugen, dass er ein ganz normaler Junge ist - auch wenn der süßer Racker mit 8 Jahren immer noch in die Hosen kackt. (Dies ist ein Machtmittel und Folterinstrument gegen die Mutter, auf welches der kleine Teufel erst verzichtet, als sie ihm in einem Wutanfall unabsichtlich den Arm bricht).

Alle Bilder: Fugu Filmverleih

Die gestresste und irritierte Mutter hat aber zu diesem Moment schon längst den Verdacht, dass sie etwas zutiefst Böses aufzieht, denn Kevin will mit seiner Mutter partout nicht Ball spielen und fängt auch ganz spät zu sprechen an. Dafür findet der Knabe ekstatisches Vergnügen an "Killerspielen". Erst als das Kind krank wird und Eva ihm aus Robin Hood vorliest, entwickelt das Kind Empathie - auch wenn es sich bald herausstellen wird, dass diese mehr dem Schießen mit Pfeil und Bogen als der Mama gilt.

Ganz auf sich und den Schießsport konzentriert, findet Kevin als Heranwachsender keine Freunde, was denn auch den Zuschauer nicht mehr überraschen kann. Als in Gestalt der süßen Celia noch einmal Nachwuchs kommt, sorgt der begabte Soziopath dafür, dass ihrem kleinen Hamster kein allzu langes Leben und kein angenehmer Tod beschieden sind. Und ein Auge der kleinen Schwester macht unliebsame Bekanntschaft mit einem chemischen Lösungsmittel. Aber immer noch ist nur Eva davon überzeugt, dass ihr Sohn dafür verantwortlich ist. Als sich deswegen der Vater scheiden lassen will, kommt es wenige Tage vor Kevins 16. Geburtstag zur Katastrophe [und wer jetzt bei dieser vollkommen absehbaren Story die Pointe selber erraten möchte, sollte den nächsten Absatz überlesen]:

Achtung Spoiler

Während Eva bei einem Gespräch mit einer Jugendpsychologin weilt, richtet der Vorstadt-Damien Vater und Schwester in der Manier des Heiligen Sebastian hin - und auch auf dem Abschlussball werden zahlreiche Schulkameraden (nachdem der Schurke alle Ausgänge der Sporthalle versperrt hat) auf recht unangenehme Weise unfreiwillig Zeuge seiner ausgereiften Schießkunst.

Nach der Tat zieht Eva nicht weg, sondern erleidet- von der Umwelt gemieden, gehasst oder ignoriert - ein für prätentiöse Kameraeinstellungen dankbares, verfilmungsfrohes Martyrium, bei dem (wie bereits im ganzen Film - soviel sei auch noch verraten) die Farbe rot (welche exzentrische Symbolik!) eine herausragende Rolle spielt. Am Ende (oder ist´s doch nur ein glücklicher Traum?) findet die postmoderne Schmerzensfrau beim alljährlichen Tomatenmassaker in Valencia doch noch ein wenig Erlösung, als sie sich, von oben bis unten mit Tomatenpampe besudelt, wie ein soeben vom Kreuz genommener Jesus Christus genüsslich vom Platz tragen lässt.

Nach dem Genuss des Films fühlt sich das Hirn an, als hätte es eine Überdosis Leberkäse gegessen

Dass sich der trotz aller Handwerksprotzerei substanziell unsubtil gedrehte, offensichtliche Film nicht ganz so dröge ansehen lässt, wie sich der Plot liest, liegt an seinen diachronen Handlungsstrukturen: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und Plusquamperfekt-Vergangenheit fliegen dem Zuschauer hier in einem Szenen-Potpourri um die Ohren wie die überreifen Nachtschattengewächse der feierwütigen Berserker-Meute während der Tomatina - wobei aber die belebende Wirkung dieses Kunstgriffes mit der Dauer deutlich nachlässt.

Desgleichen erreicht die offensichtliche Bedeutungsschwere jeder Szene dieses nicht nur optisch völlig überzogenen Films, bei der der Zuschauer vor den Latz geknallt bekommt, was sich die Regisseurin nicht alles dabei alles gedacht haben könnte, eher das Gegenteil. Nach dem Genuss des Films fühlt sich das Hirn an, als hätte es eine Überdosis Leberkäse gegessen.

Da wir die literarische Vorlage von Lionel Shriver, welche in der Zeit nach 9/11 zu einem Bestseller avancierte, nicht gelesen haben, können wir nicht beurteilen, ob die unheilvolle bedeutungsschwangere Bleischwere des Films mit deren schwieriger kinematografischer Umsetzung zu tun hat. Tatsächlich benötigte aber die schottische Regisseurin Lynne Ramsay acht Jahre, um das Filmprojekt zu realisieren.

Mit der Idee, alles Mögliche in Rot-Töne zu tunken und zum Beispiel in Nahaufnahme zu filmen, wie ein Toastbrot mit Erdbeermarmelade überquillt, lässt sich aber das großzügige Zeitbudget kaum rechtfertigen. Dass der Film nun kein Totalausfall geworden ist, verdankt sich der überall zu recht gelobten Schauspielkunst von Tilda Swinton, die alleine mit ihrem Augen-Spiel den inneren Zustand ihrer Figur auszudrücken vermag. Da sich aber in dem Film eh alles um den Seelenzustand der Protagonistin dreht, ist das dann eher des Guten zu viel. Und da so etwas wie Gesellschaft außerhalb der ohnehin bereits sehr reduziert dargestellten Familienbeziehung quasi nicht vorkommt, ist dieses Können nicht nur aus dramaturgischer Hinsicht verschenkt.

Jeder Schwangerschaftstreff im Münchner Glockenbachviertel überbietet den Film an Real-Horror bei Weitem

Weil dieses filmerische Paranoia-Manifest auf die Darstellung gesellschaftlicher Zusammenhänge oder psychologische Erklärungsmuster verzichtet und augenscheinlich nur das metaphysisch Böse darstellen will, gerät es politisch in das Fahrwasser christkonservativer Weltbilder, nach denen der Mensch von Natur aus böse ist. In diesem Sinne lassen sich aus dem Film auch problemlos Züge einer nicht mehr ganz so künstlerisch wertvollen Super-Nanny-Moral herauslesen. Andererseits ist das schlechthin Böse ästhetisch unbrauchbar, weil es (außer in ganz wenigen Horrorfilmen und dem John-Ford-Western Der Mann der Liberty Valance erschoss) so gnadenlos langweilig ist.

Jeder Schwangerschaftstreff im Münchner Glockenbachviertel überbietet den Film an Real-Horror bei Weitem und das echte Grauen schlummert viel wirkungsvoller in jedem Spielplatz, an dem man Eltern beobachten kann, wie sie sich zwingen, mit aller Kraft angesichts ihres Wunschkindes glücklich zu sein und es trotzdem nicht sind. Auch ist das Böse im echten Leben viel eindrucksvoller, fieser und banaler: Wir kennen zum Beispiel einen Schelm, der nach einem Skandinavienaufenthalt seine sensible kleine, GRÜNE wählende Vegetarier-Schwester erst liebevoll dazu überredete, mit ihm das Steak eines glücklichen Elches zu verzehren, um ihr nach dem Mahl lächelnd zu gestehen, dass sie soeben das Fleisch einer bedrohten Walart verspeist hat.

Der Film, der sich nicht entscheiden kann, was er nun sein will (Familiendrama, Psychothriller oder christliche Passion), hätte also problemlos auf den gesamten beknackten metaphysischen Überbau verzichten können, um das Grauen der Vorstädte darzustellen. Im Vergleich zu diesem saudummen Machwerk (das sich erkenntnistheoretisch kaum über dem Niveau der Boomtown Rats-Schmonzette I Don´t Like Mondays bewegt) strotzt jede Marvel-Comic-Verfilmung voll Lebensweisheit. Wer über diesen Film nicht reden will, der sollte auch von ProSieben schweigen.

Angenommen (aber nicht zugegeben): Vielleicht trifft ja Kevins oberste Erkenntnis-Maxime: "There is no point. That’s the point" tatsächlich den Kern unserer alten und müden Zeit. Wie sich aber dieser totale Nihilismus anders als in nicht minder ausgeprägter Langeweile künstlerisch darstellen soll, darauf liefert dieser hochprätentiöse und gleichzeitig holzschnittartige und stockbanale bürgerliche Entfremdungsporno keinen Hinweis.

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