Schaltet die Schweine aus!

22.08.2012

Der Comic "Wave and Smile" setzt sich mit dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr auseinander

Stabilisierungseinsatz, robuster Stabilisierungseinsatz, kriegsähnliche Zustände: Die Sprachregelungen, die politisch Verantwortliche für den Krieg der Bundeswehr in Afghanistan in den vergangenen Jahren veranschlagt haben, klangen für den aufgeklärten Teil der deutschen Bevölkerung nach schreiendem Euphemismus, für viele Soldaten wie ein Hohn. Politiker schickten deutsche Soldaten in einen Krieg, der aber aus politischen Gründen nicht als Krieg bezeichnet werden durfte.

Vor kurzem ist nun ein Comic mit dem Titel Wave and Smile im Carlsen Verlag erschienen, der den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan thematisiert. Er verleiht den Soldaten eine Stimme, er kritisiert die Politik, er kritisiert sogar die Bundeswehr und wird derzeit im Feuilleton und den Kulturredaktionen der deutschen Medien, aber natürlich auch von der Bundeswehr hoch gelobt. Dabei transportiert Wave and Smile unter seiner kritischen Oberfläche eine Botschaft, die durch eine ziemliche Naivität der Fraktion der Kriegssympathisanten in die Karten spielt. Eine offenere Grundhaltung bei der deutschen Bevölkerung und der Politik, sprich: eine eingeschworene Heimatfront, so der Grundtenor von Wave and Smile, würde den Soldaten ihren Einsatz zumindest auf der psychologischen Ebene erleichtern.

"Entweder richtig rein, die Schweine ausschalten…oder gar nicht. Was wir hier machen, ist doch Kinderkacke." Eine der Comic-Figuren aus Wave and Smile spricht aus, was viele Soldaten denken, aber kaum jemand in einer jener Polit-Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sagen würde, in denen sich so flott über Politisches reden lässt ohne wirklich über Politisches zu reden.

Obwohl das Werk des in Berlin lebenden Autors Arne Jysch an vielen Stellen durch eine klare Sprache die mannigfaltigen Probleme anspricht, die den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan umgeben, versagt ihm doch die Sprache, wenn es um die eine entscheidende kritische Diskussion geht, an der kein befriedigender Weg vorbei führt, wenn man sich mit den Krieg in Afghanistan auseinandersetzen will: Warum ist die Bundeswehr überhaupt in Afghanistan?

Wer auf diese Frage mit einem holzschnittartigen: 11. September, Terroranschläge, antwortet, und meint, damit sei die Diskussion zu Ende, weil doch die "Grundlagen", die zum Einsatz in Afghanistan geführt haben, ein längst durchreflektierter Teil des gesellschaftlichen Kollektivwissens seien und man folglich jede Diskussion darüber nur als Zeitverschwendung betrachten könne, greift zu kurz ("Das schreit geradezu nach Aufklärung").

Eine Geschichte, die sich im reichlich aufgewirbelten Staub des Krieges verfängt

Jysch selbst spricht die politischen Grundlagen, die zum Einsatz in Afghanistan geführt haben, nicht einmal ansatzweise kritisch an, um seiner Geschichte, die ja alleine schon aufgrund ihres Themas, eine durch und durch politische ist, ein solides Fundament zu verleihen. Stattdessen hat Jysch eine Geschichte geschrieben, die in ihrem Verlauf mehr und mehr an einen Hollywood-Actionfilm erinnert:

Ein Soldat, hier also in Gestalt eines Hauptmannes der Bundeswehr mit Namen Chris Menger, erlebt die Härte des Krieges, er wird Zeuge, wie Kameraden sterben, er erlebt, wie ein guter Kamerad mitten im Gefecht von den Taliban verschleppt wird, und er erfährt, wie ein Kamerad durch seinen Einsatz traumatisiert wird und unter Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSB) leidet. Nach der Rückkehr aus Afghanistan in seine Heimat muss Hauptmann Menger nicht nur eine Scheidung verkraften, sondern er wird dann auch noch von seinen eigenen Landsleuten als Mörder beschimpft. Schließlich entscheidet er sich, als Journalist getarnt zurück nach Afghanistan zu reisen, um herauszufinden, was mit seinem verschleppten Kameraden, Marco, passiert ist.

Und so entwickelt sich eine Geschichte, die sich im reichlich aufgewirbelten Staub des Krieges verfängt, einem Staub, der eben nicht nur aufgewirbelt wird von den Rotorblättern eines Kampfhubschraubers oder von einem Konvoi, der sich mitten durchs "Feindesland" seinen Weg bahnt.

Warum, so möchte man Jysch fragen, muss er sich überhaupt als Autor, bildlich gesprochen, im aufgewirbelten Staub des Krieges zurecht finden. Warum setzen deutsche Soldaten überhaupt ihre Stiefel auf afghanischen Boden? Welche geostrategische Interessen, geplant und vorbereitet in welchen Think Tanks, könnten wohl eine Rolle in Afghanistan gespielt haben?

Das sind Fragen, wohlgemerkt, die längst alle gestellt und beantwortet wurden. Die Antworten sind da, man muss nur bereit sein, sich ihnen zu stellen. In diesem Zusammenhang sei nur an die Worte des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhlers erinnert, der ein wenig zu offen sagte, was er dachte, also das, was eh jeder weiß, was man aber tunlichst niemals offen sagen sollte, wenn man in einem öffentlichen Amt ist, schon gar nicht als Bundespräsident. Köhler sagte:

Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen… Es wird wieder sozusagen Todesfälle geben. Nicht nur bei Soldaten, möglicherweise auch durch Unfall mal bei zivilen Aufbauhelfern… Man muss auch um diesen Preis sozusagen seine am Ende Interessen wahren.

Doch Wave and Smile blendet die Tiefendimension des Afghanistan-Krieges einfach aus. Stattdessen zeigt Jysch wie Soldaten sterben, er lässt einen traumatisierten Soldaten reden, er verweist auf den unzureichenden Schutz der Soldaten durch eine den Anforderungen in Afghanistan nicht genügende Ausrüstung und macht auf eine kaltherzige Bürokratie aufmerksam, der Soldaten selbst dann noch ausgesetzt sind, nachdem sie gerade erst im Gefecht mit dem Tod konfrontiert wurden und schließlich lässt er seinen Protagonisten auch noch andeuten, dass er unter Umständen einen Befehl verweigert.

So gesehen, müsste Wave and Smile geradezu eine subversive Arbeit sein, die die Führungsverantwortlichen der Bundeswehr erzürnen sollte. Doch diese Schlussfolgerung wäre viel zu einfach. Die Informationsstelle Militarisierung e.V. in Tübingen, hat Wave and Smile einer ausgezeichneten Analyse unterzogen und kommt zu dem Fazit:

Für die Armee ist "Wave and Smile" ein Glücksfall: auch wenn die Militärführung in dem Comic nicht gut wegkommt und Kritik an der Bürokratie in der Armee geübt wird, war Arne Jyschs Buch ein medialer Werbe-Coup der Bundeswehr.

Der Autor selbst plaudert offen in einem ZDF-Beitrag darüber, wie er das Verteidigungsministerium kontaktierte, seine Idee vorstellte und diese auf Begeisterung stießen. Schließlich, so führt der Autor aus, habe das Verteidigungsministerium einen Kontakt zum Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam hergestellt, und von nun an bekam der Zeichner die Informationen, die er für die weitere Ausarbeitung seines Werkes benötigte.

Mehr Verständnis für die Soldaten

Muss die Kooperationsbereitschaft der verantwortlichen Stellen also wirklich verwundern? Nein. Wave and Smile stellt sich mit seiner vordergründigen Kritik nämlich nicht gegen den Krieg in Afghanistan. Der Autor veranschlagt keine fundamentale Kritik an der Ideologie, die den Krieg umgibt. Vielmehr spricht die Graphic Novel genau die Probleme an, die nicht nur den einfachen Soldaten, sondern auch den Führungsfiguren der Bundeswehr schon lange unter den Nägel brennen.

Man denke nur an die diversen Berichte des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, in denen seit Jahren immer wieder auf die vielen Missstände innerhalb der Bundeswehr aufmerksam gemacht wird.

Niemand könnte ein größeres Interesse daran haben als die Bundeswehr selbst, dass ihre Defizite, vielleicht auch durch den Druck einer, der Bundeswehr zunehmend positiv gesonnen, Öffentlichkeit, vonseiten der Politik endlich ausgeglichen würden. Und genau das ist die Kernbotschaft, die Jysch an seine Leser aussendet: Habt doch endlich mehr Verständnis für die Anliegen unserer in einem fremden Land kämpfenden Soldaten. Wie sehr er sich mit dieser Botschaft zum Verbündeten eben jener hochgradig interessengeleiteten Politik macht, von der Ex-Bundespräsident Köhler ein wenig zu offen sprach und damit den Vorhang der realen politischen Verhältnisse für einen Moment gelüftet hat, scheint dem Autor nicht bewusst.

Wenn man den Autor reden hört und die Interviews liest, die er zu seinem Werk gibt, fällt es einem fast schwer, es tut einem fast Leid, ihn zu kritisieren.

Gut gemeint

Jysch, so hat es den Eindruck, hatte ehrliche Absichten. Er hat es gut gemeint. Er hat sich eingelesen, tief eingelesen in die Materie, wie er zu berichten weiß. Er hat Kontakt zu einer Journalistin aufgenommen, die viel Zeit in Afghanistan verbracht hat, um ihn, Jysch, der selbst nie in Afghanistan war, quasi durch ihre Augen sehen zu lassen.

Aber herausgekommen ist ein Werk, das den Soldaten, genau genommen, mehr schadet als nützt. Wave and Smile ebnet vielmehr bereits indirekt den Weg für den nächsten Einsatz der Bundeswehr in einem Kriegsgebiet (aber mit einer besseren Ausrüstung), da der Autor sich nicht mit aller Entschiedenheit vom Krieg im Allgemeinen distanziert. Mit Wave and Smile trägt der Autor ein weiteres Stück jenes kriegskritischen Fundamentes ab, auf dem die Bundesrepublik Deutschland seit über 60 Jahren gar nicht einmal schlecht steht. Für Deutschland war es über Jahrzehnte undenkbar, sich an einem Krieg zu beteiligen - aus guten Gründen.

Diese in weiten Teilen der Gesellschaft noch vorhandene Trennung zwischen der Bevölkerung und ihren Soldaten, mag die Soldatenseele schwer belasten. Das ist verständlich. Schließlich, so kann man argumentieren, sind Soldaten doch bereit, das wohl wertvollste, was sie besitzen, nämlich ihr eigenes Leben, wenn nötig aufs Spiel zu setzen, für ihr Land und ihre Landsleute.

Das Problem ist nur: Dieser Umstand dürfte durchaus auch von einer kriegskritischen Bevölkerung gewürdigt werden, was aber nicht gewürdigt werden kann, und zwar völlig zu Recht, ist ein Soldatentum, das Soldaten, also Menschen, zu Befehlsempfängern degradiert und sie geradezu per definitionem dazu drängt, zum willfährigen Instrument einer machtelitären Politik reduziert zu werden.

In Haig's presence, Kissinger isclaimed to have referred pointedly to military men as "dumb, stupid animals to be used" as pawns for foreign policy.

Von einem Werk wie Wave and Smile erwartet man, dass in ihm die Konfliktlinie zwischen Soldaten und Bürger nicht durch einen einfachen Appell an das "Herz der Heimatfront" versucht wird zu beseitigen. Genauso kann man erwarten, dass die Desillusioniertheit, die manche Soldaten im Einsatz erfahren und die in Jyschs Buch durchaus angesprochen wird, nicht nur mit dem Ärger über eine mangelhafte Ausrüstung oder zu viel Bürokratie, mit dem fehlenden Rückhalt in der Bevölkerung oder mit tragischen Erlebnissen im Krieg zu erklären versucht wird. Wer vorhat, einen kritischen Beitrag über den Krieg in Afghanistan zu schreiben und dabei nicht wenigstens versucht, auch der Sinnfrage dieses Krieges nachzugehen, kann sich nur in der Eindimensionalität verfangen.

Falsche Neutralität

In der deutschen Presse hingegen kommt Wave and Smile gut an. Michael Schmidt vom Tagesspiegel schreibt z.B.:

Stell dir vor, es ist Krieg, und die Graphic Novel bildet ihn ab.

Dann weist er darauf hin, dass Wave and Smile "erzählerisch wie zeichnerisch einen beeindruckenden Drive" hat. Weiter heißt es:

Jysch fächert Perspektiven, Sichtweisen, Standpunkte auf, benennt Haltungen, Meinungen, ohne sie sich zu eigen zu machen, spricht Soldatensprech, ohne in Landserjargon zu verfallen, jedenfalls ohne es dabei zu belassen, lässt allen Seiten ihr Recht.

Der Tagesspiegel-Autor benennt eines der Kernprobleme von Wave and Smile und scheint es dennoch nicht mal zu bemerken. Wie kann man sich als Autor mit dem Afghanistan-Einsatz auseinandersetzen und dabei "allen Seiten ihr Recht" lassen, sich "keine Meinung zu eigen machen" und dem Leser den Eindruck der Neutralität zu vermitteln?

Der Krieg in Afghanistan ist nicht neutral, Menschen oder Soldaten sterben in Kriegen nicht wegen der Neutralität, die den Krieg umgibt, sondern weil Interessengruppen gegeneinander kämpfen. Wer sich mit einem Krieg auseinandersetzt, über ihn berichtet, schreibt, diskutiert oder ihn in Bildern zeichnet, kann nicht seine Hände in Neutralität baden und jeder Seite "ihr Recht lassen". Indem der Autor vorgibt, jeder "Seite ihr Recht zu lassen", indem der Autor sich "keine Meinung zu eigen macht", hat er sich bereits positioniert und unterstützt, ob er will oder nicht, bereits die Seite, die kein Interesse daran hat, dass bestimmte kriegskritische Meinungen mit Nachdruck vertreten werden.

Alleine dass Jysch einen spezifischen Ausschnitt gewählt hat, um seiner Geschichte ihren Lauf zu geben, lässt Rückschlüsse auf seinen Standpunkt zu, den er auch hat, der auch in den Bildern, in der Geschichte klar zum Ausdruck kommt und den er selbst in einem Interview offen anspricht. Auf die Frage, welche Botschaft "über den politisch sehr umstrittenen Einsatz" ihm wichtig sei, antwortet der Autor:

Ich finde die Schwarzweißmalerei bei Diskussionen zum Einsatz am schwierigsten und falsch. Weder ist der Einsatz richtig, so wie er angegangen wurde, noch ist "Sofort raus aus Afghanistan" eine verantwortungsvolle Option für die meisten Menschen dort.

Wenn diese Meinung als Destillat einer langen und aufwendigen Auseinandersetzung mit dem Thema Afghanistan betrachtet werden kann, dann kann man bereits erahnen, wie wenig wirkliche Substanz Wave and Smile bietet.

Wave and Smile (Winken und Lächeln) war das Motto, mit dem die Bundeswehr nach Afghanistan gegangen ist. Mit Freundlichkeit sollten sozusagen die Herzen der Afghanen gewonnen werden. Eine schöne Vorstellung. Mit der Realität hatte sie nichts zu tun. Das hat auch der Autor verstanden und deutet mit seinem Titel eine ironische Spitze in Richtung Politik an. Der Titel ist, so betrachtet, das wohl Kritischste an dem ganzen Comic.

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