Die biologische Uhr der Männer

23.08.2012

Eine Studie in Nature zeigt, dass das Sperma exponentiell mit dem Alter des Vaters zunehmend genetische Mutationen produziert

Der virile Mythos, wonach der Mann, im Gegensatz zur Frau, auch im späteren Alter noch risikolos gesunde Kinder zeugt, hat schon einige Kratzer abbekommen. Der schöne Lack ist ab. Bereits seit einigen Jahren gibt es eine Reihe von wissenschaftlichen Studien, die auf Zusammenhänge zwischen genetischen Mutationen im Sperma nicht mehr ganz jugendfrischer Männer und unerwünschten, möglichen Begleiterscheinungen verweisen.

So stellte eine Studie des kalifornischen Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) bereits vor sechs Jahren fest, dass sich die Qualität des Samens mit dem Alter des Mannes verschlechtert. Nicht nur für die Frauen gebe es eine "biologische Uhr", sondern auch für Männer, konstatierten die Forscher und schlossen aus ihren Untersuchungen, dass manche ältere Männer riskierten, ein Kind mit Zwergenwuchs zu zeugen. Bei einer kleinen Gruppe dieser Männer sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie mehrere genetische Fehler und Defekte an den Chromosomen weitergeben würden.

In den vergangenen Jahren folgte eine Reihe von Studienergebnissen, die diese Beobachtungen über die Qualiät der Spermien älterer Männer im Prinzip bestätigten. Immer wieder tauchten solche Meldungen im Netz und in Veröffentlichungen auf, die sich an entsprechende Zielgruppen richteten; je kürzer der Artikel ausfiel, desto drastischer - so der Eindruck - wurde das Risiko herausgestellt: "Altes Sperma macht krank". Männer über 45, die an Nachwuchs dachten, mussten sich nach der Lektüre vergegenwärtigen, das ihre Kinder möglicherweise "ein dreimal so hohes Sterberisiko haben wie Kinder jüngerer Väter. Dass ihre Kinder "überdurchschnittlich häufig an Krebserkrankungen, an Herzfehlern, Typ-1-Diabetes und multipler Sklerose" leiden. Auch der Hinweis, dass die Kinder spät berufener Väter häufiger an einer autistischen Störung leiden könnten, findet sich in in mehreren Studien.

Dass es einen Zusammenhang zwischen Mutationen des männlichen Samens im Laufe der Lebensjahre und autistischen Störungen gibt, impliziert auch eine aktuell im Wissenschaftsmagazin Nature erscheinende Studie. Strikt kausal nachgewiesen wird der Zusammenhang auch hier nicht, doch drängt sich der Zusammenhang auf. Die Studie liefert starke Argumente dafür.

Feststeht nach ihren Forschungen, dass Spermien im Laufe der Zeit durch die häufige Teilung der Vorläufer-Zellen (precursor cells) genetisch mutieren. Dies wird an die Kinder weitergegeben, so dass es dazu kommen kann, dass bei Kinder genomische Veränderungen wiedergefunden werden, die sich bei den Eltern nicht zeigen. Das Phänomen der genetischen Mutationen im älteren Sperma haben die Forscher, wie dies in Berichten herausgestellt wird, zum "ersten Mal quantifiziert".

Väter geben beinahe vier Mal so viele neue Mutationen weiter als Mütter: im Durchschnitt 55 gegenüber 14. Das Alter des Vaters war für fast alle der neuen Mutationen im Genom des Kindes verantwortlich, die Zahl der neuen Mutationen, die weitergegeben werden, steigt exponentiell mit dem Alter des Vaters. Ein 36-Jähriger wird zweimal so viele Mutationen an sein Kind weitergeben wie ein Zwanzigjähriger und ein Siebzigjähriger acht Mal so viele, so die Schätzung des Forscherteams um Kári Stefánsson.

Doch sind nicht alle Mutationen mit möglichen Krankheiten verbunden, wie der Neurologe Kári Stefánsson, Chef des isländischen Unternehmens deCODE Genetics erklärt. Die meisten seien harmlos. Allerdings fanden sich bei den entdeckten Mutationen welche, die in anderen Studien mit Autismus oder soagr Schizophrenie in Verbindung gebracht wurden. Insofern, so die Folgerung, beweise die Studie nicht, dass ältere Väter mit größerer Wahrscheinlichkeit Gene weitergeben, die mit Krankheiten verbunden sind oder "gesundheitsschädlich" sind, aber es gebe eine "starke Implikation" dafür. Die Wahrscheinlichkeit, mit der solche Mutationen mit Fällen von Autismus oder Schizophrenie verbunden sind, wird mit etwa 20 bis 30 Prozent angegeben. Als bemerkenswert stellt Stefánsson heraus, dass dafür nicht das Erbgut der Mutter verantwortlich ist, sondern vor allem die Mutationen des Spermas.

Grundlage der Studie war genetisches Material aus Blutproben von 78 isländischen "Trios" (Vater, Mutter, Kind). Das ist keine große Grundgesamtheit, die Ergebnisse, die nun in den Publikationen kursieren, sind zum Teil Schätzungen - und wie die New York Times hinweist, könnten die angegebenen Wahrscheinlichkeiten, dass das Sperma älterer Männer genetische Mutationen transportiert, die Autismus zur Folge haben, zwar teilweise den erstaunlichen Anstieg solcher Fälle (wie auch von Schizophrenie) in den USA erklären, weil sich auch viele Männer spät zur Vaterschaft entschieden haben, aber nicht zur Gänze. Der Anstieg der Zahlen von älteren Vätern sei nämlich wesentlich geringer als die Zunahme der gemeldeten Zahlen von Autismus- und Schizophreniefällen.

So holen manche Wissenschaftler die Ergebnisse der Studie, die in der Fachwelt für Aufsehen sorgt und für Empfehlungen, Kinder möglichst in jungem Alter zu zeugen, was die Familienplanung angeht, wieder auf den Boden zurück.

Es wird Männer geben, die angesichts dieser Ergebnisse sagen: "Oh nein, heißt das, dass ich meine Kinder haben sollte, wenn ich 20 bin und dumm?" Natürlich nicht. Man muss dazu wissen, dass die überwiegende Mehrheit dieser Mutationen keine Konsequenzen hat und dass es eine Menge von Männern in ihren 50ern gibt, die gesunde Kinder haben.

Evan E. Eichler, Professor für "Genom Sciences" an der Universität von Washington
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