Sommerhitze

Stefanie Voigt 24.08.2012

Philosophische Kolumne: Von Qualitäten und Temperaturen

Normalerweise taucht bevorzugt im Sommer das Ungeheuer von Loch Ness aus dem Wasser und in den Zeitungen auf, aber in diesem Jahr ist es ihm anscheinend zu warm. Es ist derzeit heißer, als die Polizei erlaubt. Außerdem tut sich derzeit so viel in der Welt, dass kein Sommerloch Berichte über fiktive Ur-Reptilien herausfordert. Zum einen gibt es derzeit schon genug reale Reptilien in unseren Gewässern, und zum anderen sind die derzeitigen Schlagzeilen schon urig genug - und darum hat die Polizei gar keine Zeit mehr, sich um die Temperaturen zu kümmern.

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Die Polizei hat nämlich auch anderes zu tun. In Amerika mussten zum Beispiel 12 bewaffnete Kollegen auf offener Straße und unter Aufsicht vieler Passanten einen Obdachlosen gemessenen Schrittes verfolgen und ihn dann erschießen (der Mann hatte ein Messer in der Hand und wahrscheinlich konnte man nur so ausschließen, dass er sich damit nicht selbst verletzt), und in Russland hat Kasparow anlässlich des Straflager-Urteils über Pussy-Riot angeblich eines der offiziellen Ordnungsorgane vor Ort gebissen. Es geht heiß her, aber das liegt nicht nur an der Hitze.

Wäre das anders, wenn man nach Platons Rat Philosophen die Staaten lenken lassen würde - und was sagen Philosophen eigentlich über die Sommerhitze? Schon früh haben sie in letzterer wesentliche Phänomene erkannt und stellten dazu große Thesen auf. Zum Beispiel behauptete Hesiod, dass vor allem im Sommer Frauen so aufdringlich seien - was andere freuen würde, ihn aber störte.

Über andere Eigenschaften des Sommers philosophierten andere Philosophen und stellten fest: Hitze ist relativ. Je nach Veranlagung, Abstand zum Klimakterium, Gewürzaufkommen im Essen oder je danach, ob man gerade aus einem warmen oder kalten Zimmer kommt, empfindet der eine als wohlig kühl, was den anderen zum Schwitzen bringt. So wie manche Eheleute kühl schaudern lässt, was dem Partner das Herz wärmt - oder ihrem Eheberater mit warmen Worten schildern, was den anderen kalt lässt.

Aus solchen Gründen heraus erklärte John Locke im 17. Jahrhundert die Wärme (und ihren Intensivzustand Hitze) zu einer so genannten sekundären Qualität: Darüber, wie groß oder schnell etwas ist, darüber sollte gefälligst philosophisch gesehen Einigkeit herrschen, weil es sich dabei um primäre Qualitäten handle, welche die Dinge auch ohne unser Zutun und daher nicht nur im Verhältnis zu uns besäßen. Wie warm oder kalt oder eben auch heiß etwas ist, hat aber genau mit diesem unseren Zutun etwas zu tun. Ohne uns gäbe es kein Hitzeempfinden, denn Hitze sei etwas Subjektives.

Andererseits meint der amerikanische Gegenwartsphilosoph Kripke, dass auch derartiges Empfinden eine allgemein verbindliche Seite habe, nämlich die der Physik: Physiker haben nämlich herausgefunden, dass Wärme entgegen der Annahme der alten Philosophen kein Element ist, sondern dass es sich bei ihr um schnelle Teilchenbewegungen handelt. Also muss alles, was als intensive Wärme empfunden wird, eine intensive Teilchen-Bewegung sein.

Allerdings führen Thesen dann teilweise bei "not-naturally-born-philosophers" nicht selten zum Gegenteil von Bewegung. Das Gehirn, laut Aristoteles ohnehin schon das Kühlungsorgan des Körpers, vermag vermeintlich einzufrieren bei solchen Erwägungen, und dann ist von außen kein Unterschied mehr zu erkennen zwischen Opfern der Philosophie und denen der Sommerhitze. Würden also Philosophen einen Staat führen, könnte es sein, dass ihnen nur ihresgleichen beim druckreifen Parlieren zuhören, und alle anderen gingen als Inbegriff primärer Lebensqualität ein Eis essen. Es wäre nicht viel anders, als es in diesen Tagen der Fall ist. Kein Wunder bei diesen Temperaturen.

Viele Meldungen gehen derzeit in der Hitze unter, zumindest steht zu hoffen, dass das nur an der Hitze liegt und daran, dass ab 36,5 Grad viel Gedrucktes beim Durchlesen das Gefühl von mittäglicher Sonneneinstrahlung erzeugt. Aber auch hinter Südfenstern gilt: Hierzulande erschießt die Polizei nur selten und strafverlagert wird bei uns schon gar niemand. Froh kann man sich schätzen, wenn man keine anderen Probleme hat als die Hitze oder einen Polizeibesuch nach einer unerlaubten nächtlichen Freibadvisite. Oder einen Philosophen im Haus.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37499/1.html
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