Gepflegtes Nichtwissen ist besser als der Turbo

Harald Taglinger 28.08.2012

Die Digitalen: Augmented Evening - Merkwürdige Fantasie oder Killerfeature für Social Networks?

Technisch sind die Weichen spätestens mit dem Erwerb von Face.com durch Facebook gestellt. Theoretisch wäre es denkbar in eine Bar zu gehen, das eigene Smartphone auf eine Person zu richten, sie identifizieren zu lassen und ihre Einträge in Facebook zu lesen. So begänne das Gespräch nicht mehr mit "Haben Sie mal Feuer?", sondern vielleicht eher mit: "Sie interessieren sich also für Schmetterlinge, und zwar die südamerikanischen?" Aber will jemand so eine Möglichkeit nutzen? Und will jemand von allen gefunden werden?

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"Frauen nicht, aber Jungs, kann ich mir vorstellen, würden das wohl eher akzeptieren, die würden da eine ganze Menge reinschreiben. Was ich mir auch nicht vorstellen kann ist, dass das für eine seriöse Partnersuche funktionieren würde", schätzt Eric Hegmann, Singleberater bei Parship, diese Möglichkeit ein.

Bild: H. Taglinger

"Augmented Evening", ein englischer Kunstbegriff, der sich an Augmented Reality orientiert - die digitale Erweiterung des Vorwissens beim Kennenlernen von Menschen durch das Abrufen von Informationen zum Beispiel durch ein Smartphone. Die Zukunft für ein Social Network, das nicht mehr darauf wartet, dass ich mich mit anderen befreunde, ich werde durch einen Gesichtsscan erkannt, meine Profile sind für jeden sofort abrufbar.

Die Digitalen diskutieren in ihrem ersten Podcast, welche Auswirkungen diese Technik auf den Prozess des Kennenlernens haben könnte. Und das nicht nur dann, wenn ein Mann auf eine Frau in der Bar träfe. Mit dabei als Gast: Eric Hegmann.

Schnell entstehen Fragen, sobald man sich der Idee weg von der technischen Umsetzung nähert. Braucht es diese Möglichkeiten? Und wenn ja, für wen? Welche rechtlichen Implikationen entstehen durch die Nutzung eines solchen Dienstes?

Ein Tool wie dieses besitzt das Potential, Kontakte schneller zu intensiveren, auch vorzufiltern. Aber die Lösung steckt eben auch voller sozialer Unebenheiten, denn es fehlt die Sozialisierung für digitale Helfer beim Kennenlernen. Ein Shortcut kann dabei nicht nur die Privatsphäre eines anderen stören, denn "Kennenlernen heißt ja eben kennen lernen", so Michael A. Konitzer. Solche Tools lassen sich vielleicht auch nicht aufhalten, aber sie sind monetarisierter durch Werbewirtschaft und hinterlassen die Frage, wer sie wirklich braucht, außer denen, die mit Onlineservices ein neues Geschäftsmodell suchen.

Die einzige Verwendung dafür sieht Anatol Locker im professionellen Umgang auf Meetings miteinander. Eine rechtliche Implikationen entstünde allemal, eine klare Definition der Privatsphäre sei erforderlich. So spannend die Idee sein könnte, so sehr man "darauf auch offen zugehen könnte" (Harald Taglinger), vielleicht entstünde so auch die falsche Art der Information, um das Gespräch zu suchen.

Kizzle es schon bei Dir

Die ersten Applikationen für digitales Flirten sind im AppStore zu haben, location based flirting ist keine Zukunftsmusik mehr. Und damit muss nicht einmal Stopp in einer Bar sein. Geheime Nachrichten lassen sich ja auch auf T-Shirts transportieren und dann auf einer Website entschlüsseln. Aber wer verschenkt schon an einem Abend in der Bar sein letztes Hemd? Sicher nicht jemand, der an sich kontaktscheu ist. Auch für den oder die gibt es jetzt eine App.

Die Bildzeitung hat sich auch für eine Plattform stark gemacht, die sagt, dass "Flirten nie einfacher" war. Kizzle kommt wie ein Flirtspiel daher und lässt sich via Website, Facebook oder iPhone spielen. Aber hier wird eben anders herum ein Schuh daraus. Die Figuren auf dem Screen sind Spielfiguren nachempfunden. Ein wenig kommt "Mensch ärgere Dich nicht"-Feeling auf. Und das liegt nun genau auf der anderen Seite des Spektrums, als Gesichtserkennung und dann der Entschluss, mit allem Mut der Welt in einem auf die gescante Person mit ein bisschen Anfangswissen zuzugehen.

Vielleicht lösen Applikationen wirklich nicht das Grundproblem. Jemanden anzusprechen und dann in ein Gespräch zu kommen, bleibt ein Unternehmen mit Herzklopf-Garantie. Und Fettnäpfchen lauern überall. Dagegen wird auch ein Augmented Evening nichts ausrichten können. Nicht einmal, wenn die App dazu eine Alertfunktion mit Systemklängen wie "Klappe halten, Trottel" hätte.

Die Digitalen

Drei Medienarbeiter, Michael A. Konitzer, Anatol Locker und Harald Taglinger, die sich schon seit Ende der 1980er in digitalen Kanälen bewegen, haben den digitalen Wandel gelebt und begleitet. Sie unterhalten sich in einem Podcast einmal im Monat über die derzeitigen Hotspots und darüber, wie sich in einer sich entwickelnden digitalen Welt die Konstante Mensch mit komplexeren medialen Möglichkeiten verhält. Das tun sie nicht alleine. Sie laden Gäste dazu ein. Sie plaudern mit ihm/ihr/ihnen über seine Sicht des Themas.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37508/1.html
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