Ist das Selbstbewusstsein im Gehirn lokalisierbar?

28.08.2012

Zumindest nicht in den bislang angenommenen Arealen, so eine Studie, nach der Selbstbewusstsein vermutlich aus vielen vernetzten neuronalen Prozessen entsteht

Selbstbewusstsein gilt als eine der herausragendsten Eigenschaften des Menschen. Er kann sich gewissermaßen vergegenständlichen und sich mit den Augen eines Anderen erkennen, dadurch aber auch sich in einen Mitmenschen hineinversetzen, was das soziale Zusammenleben sehr viel komplexer macht. Die für das Selbstbewusstsein notwendige Distanz zu sich hat dazu beigetragen, von einer Trennung oder einem Dualismus von Seele oder Geist und Körper auszugehen, obgleich Selbstbewusstsein immer an einen Körper gebunden ist. Aber hat das Selbstbewusstsein einen Ort oder einen räumlich identifizierbaren Sitz?

Um den Dualismus zu überbrücken, hatte etwa Descartes versucht, im Gehirn ein Zentrum aufzuspüren, durch das die Seele über die Kommunikation mit kleinen Geistern" (esprits) die körperlichen Funktionen steuert und Informationen über die Außenwelt und den eigenen Körper erhält. Für Descartes war das Gehirn wie der Sehsinn mit den beiden Augen bis auf die Zirbeldrüse in der Mitte gedoppelt. Weil wir aber "nur eine einzige und einfache Wahrnehmung eines Gegenstandes in einer Zeit haben, scheint es ein einziger Ort notwendig zu sein, an dem die zwei Bilder, die von den zwei Augen kommen, oder die zwei Eindrücke eines Gegenstandes durch die doppelten Organe anderer Sinne sich vereinen können, bevor sie zur Seele gelangen".

Tatsächlich wäre intuitiv einleuchtend, wenn das Selbstbewusstsein als Produkt neuronaler Prozesse zwar mit allen Arealen verbunden wäre, derer man sich bewusst ist, aber selbst wie eine Spinne in Analogie zu Descartes in der Mitte sitzt. Das scheint allerdings nicht der Fall zu sein, Bewusstsein und Selbstbewusstsein scheinen nach neurowissenschaftlichen Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren verteilt zu sein. So sollen drei Areale im Kortex entscheidend am Selbstbewusstsein beteiligt sein: der insuläre Kortex, der vordere zinguläre Kortex und der mediale präfrontale Kortex.

Gehirnsscans, die bei dem Patienten die Schädigungen im a) insulären Kortex, b) im vorderen zingulären Kortex und i medialen präfrontalen Kortex zeigen. Bild: PLoS One/CC-BY-SA-2.0

Ein Team von US-Neurowissenschaftlern, darunter auch Antonio Damasio, wollen nun, wie sie in ihrer im Open-Acess-Journal erschienenen Studie schreiben, herausgefunden haben, dass auch diese Theorie, nach der Selbstbewusstsein auf bestimmte Areale beschränkt ist, noch zu einfach ist. Selbstbewusstsein entstehe vielmehr als Produkt eines "diffusen Patchworks an Verbindungen zwischen vielen Arealen", es ist also Effekt einer Vernetzung zwischen vielen verstreuten Aktivitäten.

Bewiesen haben die Wissenschaftler das nicht, sie konnten nur anhand eines 57-jährigen Patienten zeigen, bei dem die oft mit Selbstbewusstsein verbundenen Areale aufgrund einer Herpes-simplex-Enzephalitis bilateral weitgehend zerstört waren, dass dieser deswegen nicht zu einem Zombie wurde, sondern den meisten Menschen ganz normal erscheint und auch alle Standardtests für Selbstbewusstsein bestanden hat. Er konnte sich auch im Spiegel und Fotografien von ihm in unterschiedlichem Alter wiedererkennen, konnte unterscheiden, ob er sich selbst berührt oder wusste, wann er für seine Handlungen verantwortlich ist, hatte die Fähigkeit zur Introspektion etc. Aber er litt unter schweren Gedächtnisstörungen, weswegen er Schwierigkeiten hatte, neue Erfahrungen in sein Selbstbild einzubauen.

Aus den Untersuchungen lasse sich schließen, dass Selbstbewusstsein nicht in einem einzelnen Hirnareal wie dem präfrontalen Kortex lokalisiert ist, sondern viele Gehirnregionen vom Hirnstamm über den Thalamus bis zum Kortex umfasst, sagen die Wissenschaftler. Ausschließen können sie allerdings nicht, da die Erkrankung des Patienten vor vielen Jahren stattfand, dass möglicherweise andere Hirnareale die Funktion der zerstörten übernommen haben. Das aber würde auch heißen, dass die zerstörten Areale notwendig für das Selbstbewusstsein sind.

Es könnte allerdings auch weiterhin sein, dass es einen "Sitz" des Selbstbewusstseins im Gehirn gibt - oder dass die Frage unsinnig ist. Auch welche Areale notwendig für die Bildung des Selbstbewusstseins sind, kann die Studie nicht erhellen, aber gut wissenschaftlich hat sie zumindest an einem seltenem Fall durch Falsifizierung zu einfache Hypothesen widerlegt, ohne deswegen eine begründet neue Hypothese vortragen zu können. Aber so funktioniert Wissenschaft.

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