Deutschland in Untergangsängsten

Florian Rötzer 29.08.2012

Nach einem von Ipsos erstmals erstellten "Nationalen Wohlstandsindex" herrschen Panik und Sehnsucht nach Sicherheit in Deutschland

Das Marktforschungsinstitut Ipsos hat zusammen mit dem Zukunftsforscher Professor Dr. Horst W. Opaschowski einen "Nationalen Wohlstandsindex für Deutschland" entwickelt, um daraus einen "Wohlstandsbarometer" abzuleiten. Anhand von repräsentativen Umfragen soll damit erklärt werden, wie die Menschen verschiedene Aspekte des Wohlstands bewerten. Unterschieden wurde ökonomischer, ökologischer, gesellschaftlicher und individueller Wohlstand.

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Da es sich um die erste Erhebung handelt, ist wenig erstaunlich, dass die Befragten nicht allein auf ökonomischen Wohlstand gesetzt haben, weswegen die Deutschen, wie die Pressemitteilung zur Erhebung propagiert, aber nicht gleich den Wohlstand neu definieren. Fragt man differenzierter, erhält man schlicht differenzierte Antworten. Und wer würde nicht ökonomisch gerne im Wohlstand leben, aber auch gesund und frei sein? Dass alleine ein höherer Lebensstandard, noch dazu wenn er nur in der Höhe des BIP ausgedrückt wird, nicht direkt mit der Lebenszufriedenheit zu tun hat, ist keine neue Einsicht.

Die Umfrage erhob Antworten von 2000 Deutschen über 14 Jahre auf 30 Fragen zu vier Wohlstandsaspekten, etwas angestrengt "Säulen" genannt. Unter dem "ökonomischen Wohlstand" wird verstanden, sicher und ohne Geldsorgen zu leben. Naturnah und nachhaltig leben, definiert den "ökologischen Wohlstand", frei und in Frieden zu leben, den gesellschaftlichen, und gesund und ohne Zukunftsängste zu leben, den "individuellen".

Wenig überraschend ist, dass der ökonomische Wohlstand, der Sicherheit und Konsum garantiert, mit 39 Prozent an erster Stelle kommt, mit 31 Prozent folgt an zweiter Stelle der individuelle Notstand, also der Wunsch nach Gesundheit und erneut Sicherheit. 18 Prozent votierten für den gesellschaftlichen Wohlstand, wollen also keinen Krieg und keine Konflikte, der ökologische Wohlstand ist mit 12 Prozent den Deutschen nach dieser Umfrage am unwichtigsten, obgleich sich das ja nicht nur mit Naturnähe und Umweltschutz, sondern auch mit Ökonomie und Arbeitsplatzsicherheit verbinden könnte.

Opaschowski zieht aus dem Ergebnis wieder angeblich neue Erkenntnisse über gewandelte Lebenseinstellungen, was schon alleine deswegen verwegen ist, da es sich ja um die erste Umfrage mit diesem Konzept handelt. Da die "Säulen" nicht auf mehr Einkommen und Wachstum basieren, sondern vor allem auf Sicherheit setzen, scheint eben dieses Bedürfnis auch herauszukommen. Opaschowski sieht das naturgemäß anders: "Es geht nicht mehr um das Immer-Mehr. Die Deutschen wollen ihren erarbeiteten, verdienten und erworbenen Wohlstand in Sicherheit bringen und sich gegen Lebensrisiken absichern - vom gesicherten Arbeitsplatz über das sichere Einkommen bis zur sicheren Rente. Wohlstand im 21. Jahrhundert hat seine "Luxus"-Komponente verloren. Wohlhabend ist der, der sicher und sorgenfrei leben kann."

Das ist natürlich auch schön interpretiert, man könnte es auch anders deuten, wie es Ipsos und Opaschowski dann auch machen: Die Deutschen leben in Angst vor dem wirtschaftlichen Absturz, fühlen sich unsicher, erleben die Degradierung bereits und setzen daher weniger auf Chancen, Fortschritt und Glück, sondern eher verzweifelt auf Verteidigung und Erhalt des Bestands. Man begnügt sich also, zieht sich zurück und wird daher auch gleichgültiger gegenüber dem "ökologischen Wohlstand", der als verzichtbarer Überschuss gesehen wird. Wenn man nur sichern kann, was man hat, ist man schon gut dran, wäre die Devise.

"Fast drei Viertel der Deutschen (71%) 'fühlen' sich erst wohlhabend, wenn sie materiell soweit abgesichert sind, dass sie 'keine finanziellen Sorgen haben' müssen. Wohlstand wird von ihnen mehr negativ definiert - als Abwesenheit von Arbeits-, Einkommens- und Existenzrisiken."

Das würde auch besser zu dem aus der ersten Umfrage gezogenen Schluss passen, dass es "keine Jubelstimmung in Deutschland" gibt. Aus den Ergebnissen hat Ipsos nämlich einen Indexwert von gerade einmal 42,4 errechnet. Das ist tatsächlich mager, wenn der höchste Wert der Zufriedenheit bei 100 liegt, allerdings hängt der Wert in der Luft, weil es keine Vergleichsdaten mit anderen Ländern oder mit früheren Jahren in Deutschland gibt. Es gebe im reichen Deutschland "noch viel Luft nach oben", zieht Hans-Peter Drews, Managing Director von Ipsos Observer, die Konsequenz, während gleichzeitig deutlich wird, dass nur noch 29 Prozent ihre "materiellen Wünsche" ohne Abstriche erfüllen können, nur 36 Prozent sagen, sie hätten keine finanzielle Sorgen.

Die jungen Menschen fürchten die Altersarmut, insgesamt fürchten 63 Prozent, nicht richtig für die Zukunft vorsorgen zu können, was der zum zwanghaften Optimismus neigende Opaschewski gerne nur auf die steigende Lebenserwartung zurückführen würde. 59 Prozent sagen, sie könnten sich schon jetzt keine ausreichende medizinische Versorgung mehr leisten. All das sollte die Alarmsirenen bei der Regierung auslösen, Ipsos und Opaschowski neigen jedoch auch zu seltsamer Begriffsakrobatik, wenn der Professor etwa daraus ableitet, dass die Wohlstandsgesellschaft heute für die Deutschen "mehr einer Wohlfühl- und Wohlergehensgesellschaft (gleicht), die ihren Bürgern soziale Sicherheit und soziale Wärme garantieren soll". Soll sie denn die soziale Unsicherheit und soziale Kälte, die viele heute erfahren, noch einmal verstärken?

Ob man sich nur mehr einigelt oder ob die Familie schon immer eine Trutzburg ist, die bei allen Konflikten Sicherheit gewährt, kann man aus der Erhebung nicht ableiten. Interessant könnte aber doch sein, dass die Menschen sich in Mehrpersonenhaushalten, die auch ja auch Wohngemeinschaften sein können, glücklicher fühlen - wobei freilich viele Alleinlebende ältere Menschen sind:

Je mehr Menschen im Haushalt zusammenwohnen, desto glücklicher und gesünder fühlen sie sich. Nur jeder dritte Alleinlebende (33%) kann von sich sagen: "Ich bin glücklich"; das Glücksgefühl ist bei Vier-Personen-Haushalten deutlich höher (57%). Und auch bei der Aussage "Ich fühle mich gesund" können Ein-Personen-Haushalte (43%) keinen Vergleich mit einer Vier-Personen-Familie (65%) standhalten.

Wer sich in die Wagenburg zurückzieht, nur an den Erhalt des Einkommens oder des Arbeitsplatzes oder an die Sicherheit der Rente oder der medizinischen Versorgung denkt, der blickt eher mit Schrecken in die Zukunft und eher wehmütig in die Vergangenheit. Von Aufbruch ist da keine Spur, eher von Auf-der-Stelle-Treten und dem Versuch, das Schlimmste zu vermeiden oder hinauszuschieben. Das könnte auch den Erfolg und die Beliebtheit von Bundeskanzlerin Merkel verstehen lassen, bei der es nicht um politische Visionen oder Programme geht, sondern um das fortwährende Abdichten der Lecks bei der richtungslosen Fahrt auf den wilden Gewässern. Opaschowski sieht denn auch Sicherheit als Hauptaufgabe der Politik, drückt das aber natürlich etwas anderes aus, um es schmackhafter zu machen: "Wer Zukunft menschlich gestalten will, muss Wohlstand zum Wohlergehen mit Zufriedenheitsgarantie machen."

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37526/1.html
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