Es gibt eigentlich keinen Sex

Stefanie Voigt 14.09.2012

Ein philosophischer Spaziergang durch die Gärten der Lüste - Teil 3

Der zweite Teil der Geschichte der Sex-Philosophie hatte mit Michelets einschlägiger Definition von Gotteserfahrungen geendet, bzw. mit dem, was dann folgerichtig unter "Gottesdienst" zu verstehen sein müsste. Das sind "Gottesdienste", wie sie von Nietzsche nicht mehr besucht werden, seit er sich wahrscheinlich quasi vor der Kirche die Syphilis eingefangen hat - und damit vielleicht auch seine spätere geistige Umnachtung. Kein Wunder, dass er da über Frauen schimpft. Es ist ihm unheimlich, wie unheimlich viel Spaß Frauen am Sex haben. Und darum spricht er nur dann gut von Frauen, wenn sie als Jungfrau oder als Mutter auftreten.

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Nietzsche bastelt auch nur einmal in seinem Leben an einer ernsthaften Beziehung, und zwar mit Lou von Salomé. Die will sich aber nicht zwischen Nietzsche und einem anderen Herren entscheiden. Irgendwann verunglückt letzterer bei einem Bergunfall. Nietzsche denkt an Selbstmord, flüchtet dann aber in die Arbeit am "Zarathustra". Da schreibt er dann den berühmten Satz: "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" Aber wie er das genau das meint, steht nicht dabei. Vielleicht hat er es geschrieben, als er wieder Kopfschmerzen hatte. Kopfschmerzen hat er oft, und Richard Wagner meint, das käme von zu viel Masturbation. Nietzsche ist daraufhin tödlich beleidigt, und in diesem Moment muss der Weltgeschichte klar geworden sein, dass es nun nicht mehr ohne Psychologen geht.

Also tritt Freud auf den Plan. Er ist Lou Salomés späterer Lehrer. Auch Freud und seine Psychoanalyse sagen das Gleiche wie fast alle Philosophen davor. Nämlich: Alle menschliche Energie dient der Erfüllung des Geschlechtstriebes. Da der aber nicht immer erfüllt werden kann, werden diese Energien umgeleitet, und kommen dann, wenn schon nicht den Trieben, doch der Kultur zugute. Neu ist an der Psychoanalyse, dass sich eine ganze Theorie nur auf diese Einsicht stützt, und dass das Thema Sex damit von einem Moment zum anderen so richtig salonfähig wird. Von daher beginnt mit Freud wieder eine neue Epoche, die Moderne.

Die Moderne besteht, was Philosophie und Sex angeht, aus zwei Lagern, aus einem kleinen und einem großen Lager. Im kleinen Lager sind Leute, die man gerne als Nachbar hätte. Wie zum Beispiel Jaspers oder Levinas: Beide loben sowohl die Liebe, als auch die Lust, aber am liebsten beides zusammen. Jaspers schreibt, die Leidenschaft sei an entscheidender Stelle blind, die Liebe hellsichtig im Ganzen. Sollte in einer Beziehung trotzdem etwas unklar sein, sei das mit Hilfe der Philosophie klären, mit der Lektüre von Ovid oder Kamasutra. Denn auch die Philosophie sei liebender Kampf, niemand könne allein selig werden, und darum hält Jaspers auf rührende Weise auch während der ganzen NS-Zeit zu seiner jüdischen Frau.

Auch Lévinas ist als Mensch ein Vorbild, und auch er feiert die Verbindung von Sex und Liebe als Option auf eine vielleicht vollkommene Erfüllung. Er sagt: "Ich liebe nur dann wirklich, wenn der Andere mich liebt, dies aber nicht, weil ich die Anerkennung des Anderen brauche, sondern weil meine Wollust sich an seiner Wollust erfreut." Das war das kleine Lager, das Lager von Respekt und kultivierten Umgangsformen.

Eine Theorie baut auf der anderen auf

Das andere Lager gilt als schicker, aber es erinnert an Sex mit Fichte. Auch hier ist ein wenig innere Distanz angebracht. Im anderen Lager sind Leute wie zum Beispiel Weininger. Weiniger ist ein jüdischer Antisemit, einer, der sich vor lauter Bewunderung für Beethoven in Beethovens Geburtshaus erschießt. Vorher lässt er aber die Welt noch wissen, dass Frauen seiner Meinung nach erst durch Sex ihre Existenz erlangen, genau genommen aber nicht einmal dann, so hässlich seien die Frauen, vor allem im unteren Bereich. Und wenn sich Frauen für Philosophie interessierten, dann doch auch nur deswegen, um so an einen Philosophen zu kommen.

Zuerst invertiert Sartre Weininger. Sprich: Um an Frauen heranzukommen, philosophiert er mit ihnen. Einmal beobachtet Camus das und fragt: "Warum geben Sie sich soviel Mühe?" Sartre fragt zurück: "Haben Sie sich schon mal meine Visage angesehen?" Und wenn das kein Witz war und sich Sartre vielleicht tatsächlich hässlich vorkam, dann ist die Art, wie er über Sex schreibt, nur konsequent. Er schreibt nämlich: Sex sei eine Interaktion von unsichtbarem Bewusstsein und sichtbarem Körper. Dabei würden sich Bewusstsein und Körper voneinander distanzieren. Natürlich gäbe es auch die Möglichkeit, dass sich beide miteinander identifizieren. Aber dafür müsse das Bewusstsein den Körper wahrscheinlich schön finden. Diese Möglichkeit erwähnt Sartre aber nur am Rande. Viel wichtiger ist ihm der Vergleich von Sex mit Folter. Und das Selbst. Es gilt die Formel: (Innere) Distanz bei der Ausübung von Macht = (ermöglicht erst so etwas wie ein) Selbst.

Foucault nimmt dann aus dieser Gleichung das Selbst heraus und dann geht alles nur noch um Macht. Macht nichts, dass er sich dabei mit Aids ansteckt. Im Gegenteil. Er verbindet nach einigen misslungenen Suizidversuchen seine Begeisterung für den Tod mit seiner Begeisterung für Sex. Heraus kommt die These: Nichts sei schöner, als für die Liebe zu einem Knaben zu sterben. Was er auch tut. Nicht ganz so konsequent ist es, wenn sich Foucault dabei auf die Stoa beruft und auf das, was die Stoa angeblich unter einem guten Leben versteht, nämlich die sogenannte Sorge um sich. Foucault macht sich nämlich zwar wirklich nur Sorgen um sich, aber eben nicht um seine Partner, und das ist nicht gut stoisch. Wenn man Aids hat, ist das ambivalent. Und sich dabei die Stoa zu berufen, ist es auch. Der Stoa ging es um eine Mäßigung der Lüste. Foucault geht es um eine Intensivierung, noch dazu mit Hilfe von Elektroschocks oder speziellen Eingriffen, weil so etwas angeblich zu bewusstseinserweiternden Krämpfen und der Schaffung eines "geistigen Raumes" führt. Natürlich passt das sehr gut zu einem Autor, der vornehmlich über sexuelle Repressionen schreibt, und diese Bücher durch einen LSD-Rausch ausgelöst wurden. So ein Rausch in einem amerikanischen Canyon war der Beginn des berühmten Mehrteilers "Sexualität und Wahrheit".

Das Stichwort Rausch greift dann Lyotard auf und die ganze Geschichte geht weiter. Sex ist bei Lyotard eine rauschhafte Entgrenzung, eine kognitive Selbstauslöschung durch Sinnverweigerung und Selbstwahrnehmung. Die funktioniert angeblich wie das Zurückhalten des Spermas beim Tantra-Sex. Oder wie die Postmoderne. Denn in beiden Fällen wird der natürliche Vollzug der Dinge zwar aufgehoben, aber dafür kommt dann eine Erhebung auf eine höhere Bewusstseinsebene. Lyotard persönlich liebt als Vollblutphilosoph an solchen höheren Ebenen vor allem zeichenhafte Bewusstseinsebenen, oder anders formuliert: Philosophische Beschreibungen dieses Vorgangs sind ihm wichtiger als reale Orgasmen.

A apropos Blut: Für Bataille gibt es ohne Blut keine Erotik, und zwar nicht im Sinne einer ausreichenden Körperdurchblutung, sondern im Sinne eines archaischen Blutopfers. Blutopfern ist für Bataille wie Sex. Beides legt Fleisch frei. Beides ist brutal. Beides führt zu Zuckungen, beides organisiert ein männlicher Opferpriester, beides entgrenzt, und beides verbindet Tod mit Sex. Und weil Bataille diesen Vergleich noch dazu für politisch relevant hält, um so einer Vergreisung der Gesellschaft zu verhindern, plant er in den 1930er Jahren einen Geheimbund mit Menschenopfern. Doch da kommt der Zweite Weltkrieg dazwischen. Also hat Bataille dann Zeit, um die Rehabilitierung von de Sade zu fördern und einen erotischen Roman zu verfassen, mit dem Ziel, den Leser dazu zu bringen, sich zu übergeben. Natürlich kommt es einer Vergewaltigung gleich, Batailles vielschichtiges Schaffen auf diese wenigen Versatzstücke zu reduzieren. Aber das ist egal, weil er Vergewaltigungen mochte und sie in manchen Fällen therapeutisch notwendig fand.

Das erlaubt, auch Lacan in nur wenigen Worten zu präsentieren, den Mann, zu dem die Frau von Bataille irgendwann überläuft. Das Prinzip bleibt gleich: Auch Lacan baut wieder auf Vorgänger-Thesen auf. Er nimmt von Freud das Unbewusste, von Lyotard die Zeichen und von Foucault die Entgrenzung, garniert das Ganze mit ein paar Buchstaben seines Namens, aus Lacan wird dann anal. Und fertig ist seine These. Die lautet in Kurzform: Es gibt eigentlich keinen Sex. Die ausführliche Argumentation lautet: Das Unbewusste besteht aus Zeichen, wie Freuds Traumsymbole. Das ist wie eine Sprache, wie Lyotards Zeichen. Sex ist aber eine nichtsprachliche Erfahrung, wie Foucaults Entgrenzung.

Diese nichtsprachliche Entgrenzung von allem, auch von Sprache, nennt Lacan das Ding an sich. Darunter kann man sich natürlich erst einmal nicht viel vorstellen. Aber Lacan gibt einen Tipp und meint, das Ding an sich sei etwas Anales. Das Dumme am Ding an sich ist nur, dass Sex also so etwas ist wie ein Versuch einer unbewussten Sprache zu einer nichtsprachlichen Wirklichkeit durchzubrechen. Und das kann nicht klappen. Da schwatzt im Höchstfall das Unbewusste so mit sich selber ein bisschen vor sich hin, aber Sex kann man das nicht nennen. Vielleicht hat Clinton an genau das gedacht, als er erklärte, er hätte nie eine sexuelle Beziehung zu Monika Lewinsky gehabt.

Die These, dass es keinen Sex gäbe greift dann wiederum Baudrillard auf, und nennt unsere Zeit frigide. Denn seiner Meinung nach hat man heutzutage schon so viel damit zu tun, sich eine eigene Identität aufzubauen, dass gar nicht daran zu denken sei, diese Identität für Sex dann auch noch wieder abzubauen.

Auch die deutschen Philosophen klagen über ihre Zeit. Vor allem die Frankfurter Schule leidet unter der Gesellschaft und den Medien und ihren machtorientierten Sexvorstelllungen. Adorno ruft deswegen auf zum subversiven Widerstand gegen repressive Strukturen. Und damit das nicht nur reine Theorie bleibt, schubst er angeblich seine eigene Frau mit dem Regenschirm beiseite, um freie Sicht auf eine andere Frau auf der anderen Straßenseite zu haben. Noch bekannter ist eine Anekdote, nach der er während der 69er Studentenunruhen vor Studentinnen mit entblößten Oberweiten schier aus dem Vorlesungssaal gerannt sein soll, und irgendwie passen diese zwei Geschichten nicht zusammen. Augenzeugen erzählen die Geschichte auch ganz anders. Was wirklich war? Wer weiß.

Für die Beziehung zwischen Philosophie und Sex sei etwas anders zitiert, was hingegen sicher zu belegen ist, nämlich Adornos Tagebücher. Darin hat er als Heilmittel gegen die gesellschaftliche und mediale Fetischisierung des Sexuellen den sexuelle Fetischismus.[1] empfohlen, und tatsächlich schreibt er in seinen Tagebüchern u.a. über eine integre und opferbereite Frau, nicht seine Frau, sondern eine andere, die er erbarmungslos geschlagen habe. Dadurch sei er dann menschlich und geistig gereift.

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