Die 9/11-Denkblockade

10.09.2012

Von der seltsamen Schwierigkeit, Journalisten für die Aufklärung eines Verbrechens zu interessieren. Ein Erlebnisbericht

Ein lauer Sommerabend. Die Lobby des teuren Hotels hinter der Düne ist kaum gefüllt. Mir gegenüber sitzt Jochen Thies. Der 67-jährige war Redenschreiber von Helmut Schmidt, Außenpolitikchef der "Welt" und Mitglied der Chefredaktion von Deutschlandradio. Eine gemeinsame Bekannte hat uns einander vorgestellt. Wir reden über Amerika und 9/11. Thies hat mein Buch zum Thema gelesen und fragt mich nach meinen weiteren beruflichen Plänen. Ich antworte, dass ich weiterhin zu 9/11 arbeite. Thies hält einen Inside-Job für ausgeschlossen. Er meint, ich solle die USA besser kennenlernen. Er habe gute Kontakte und könne mir eventuell ein journalistisches Stipendium dort vermitteln. Dann würde ich alles mit anderen Augen sehen.

Ich entgegne, dass er mir auf andere Art mehr helfen könne und berichte von meinen Schwierigkeiten, Journalisten für Widersprüche der offiziellen Theorie zu interessieren. Wenn er in dieser Sache vielleicht einen Kontakt zu einem Kollegen herstellen könne? Ich erwähne den Insiderhandel kurz vor dem 11. September und die Studie von Finanzwissenschaftlern der Universität Zürich von 2011, die diesen nahelegt.1 Die Studie hat weitreichende Implikationen: offenbar gab es Menschen, die ihr Vorwissen der Anschläge an den Börsen zu Geld machten. Die Wetten auf fallende Kurse bestimmter Unternehmen liefen über große Banken. Alles ist dokumentiert. Und doch werden die Namen der Beteiligten bis heute geheim gehalten.

Thies winkt ab. Das glaube er nicht. Auf meine Erwiderung, es handle sich um eine wissenschaftliche Analyse auf Basis realer Banktransaktionsdaten, antwortet er erneut: "Es gibt viele Studien. Ich glaube das nicht."

Da ist sie wieder: die 9/11-Denkblockade - mir wohlvertraut aus dutzenden Gesprächen. "Wenn Sie ein seriöser Journalist wären", füge ich provokativ an, "würden Sie mich jetzt bitten, Ihnen diese Studie zu zeigen, um sie selbst in Augenschein nehmen zu können." Doch Thies reagiert schon nicht mehr. Das Thema ist für ihn abgehakt. "Verrennen Sie sich da nicht", sagt er mir freundschaftlich zum Abschied.

So hat das Gespräch bereits aufgehört, bevor es begann. Gleiches erlebe ich in meiner Korrespondenz mit Elmar Theveßen, dem langjährigen USA-Korrespondenten und jetzigen stellvertretenden Chefredakteur des ZDF. Der 45-Jährige hat 2011 selbst ein Buch zu 9/11 vorgelegt, in dem er sich auch mit einigen alternativen Theorien auseinandersetzt. Theveßen meint, der einzige Knackpunkt, der es wert sei, weiter untersucht zu werden, sei eben jener Insiderhandel vor 9/11. In seinem Buch spricht er in diesem Zusammenhang von einem "Restverdacht", der bleibe.2 Daher weise ich auch ihn auf die Studie der Professoren von der Universität Zürich hin. Die ist ja genau der Beleg, der seinen "Restverdacht" stützt. Doch Theveßen schweigt. Während er mir im Jahr zuvor noch freundlich schrieb, mein Buch gelesen und es "in der Zusammenschau spannend" gefunden zu haben, gibt es nun keinerlei Antwort mehr von ihm.

Mein dritter Versuch geht an Holger Stark, 41, Leiter des Berliner Büros des "Spiegel". Stark hat immer wieder zu 9/11 geschrieben und steht mit seinen kritischen Recherchen, wie zum Saudi-Panzerdeal oder den U-Boot-Lieferungen an Israel, im Ruf eines investigativen Journalisten. In der Vergangenheit hat er gelegentlich meine Anfragen beantwortet, doch diesmal schließt er sich seinem ZDF-Kollegen an - und schweigt konsequent.

Auch im akademischen Milieu scheint die thematische Denkblockade fest verwurzelt. Professor Bernd Greiner vom renommierten Hamburger Institut für Sozialforschung etwa hat zwar 2011 selbst ein Buch zu 9/11 veröffentlicht, in dem er schreibt, alle alternativen Theorien seien eindeutig widerlegt, und der Insiderhandel vor 9/11 sei lediglich eine "abenteuerliche Behauptung"3 Eine Anfrage meinerseits jedoch, sich auf eine öffentliche Debatte dazu einzulassen, lehnt er mit höflichen Worten ab.

Schließlich wende ich mich direkt an Professor Marc Chesney, einen der Autoren der Schweizer Studie zum Insiderhandel vor 9/11. Chesney ist ein vielbeschäftigter Wissenschaftler. Im Interview mit mir betont er, sich sämtlicher Spekulationen zu enthalten. Seine Studie, der eine mehrjährige Arbeit zugrunde liegt, verfolgt einen breiten Ansatz. Sie zeigt Methoden auf, anhand derer man einen möglichen Insiderhandel bei Optionsgeschäften ganz allgemein feststellen kann. Die dubiosen Deals im Vorfeld von 9/11 dienen als prominentes Beispiel - neben anderen.

Der Professor betont, dass seine Studie den Insiderhandel vor den Anschlägen nicht juristisch beweist, dazu müssten die Käufer der Optionen ja auch erst einmal bekannt sein und Gelegenheit bekommen, sich zu erklären. Chesney sagt aber auch, dass die spezifischen Kriterien für Insiderhandel, die er für die Studie gemeinsam mit seinen Kollegen entwickelt hat (das Volumen der gehandelten Put-Optionen, die Höhe der Gewinne, der Vergleich zum Handelsvolumen der zugrundeliegenden Aktien etc.) auf einen dubiosen Handel in diesem Fall hinweisen - und eine neue Untersuchung nicht nur rechtfertigen, sondern sogar notwendig erscheinen lassen.

Zum Schluss frage ich den Professor nach den bisherigen öffentlichen Reaktionen auf seine Forschungsergebnisse bezüglich 9/11. Und erfahre, dass bis auf zwei Erwähnungen in der französischen Finanzzeitung "Les Echos" und einen Artikel in der Asia Times bisher niemand in den Medien davon Notiz genommen habe. Den meisten Journalisten, so Chesney, ist das Thema offenbar zu heikel.

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