Männer leiden am Patriarchat

07.09.2012

Warum unterstützen so viele Männerorganisationen das Patriarchat, obwohl die große Mehrheit der Männer dadurch nur Nachteile hat?

Immer mehr Studien fördern zutage, dass nicht nur Frauen unter patriarchalischer Gesellschaften leiden, sondern auch die große Mehrheit der Männer. Die Männerherrschaft beschert ihnen ein verkürztes, stressiges und schlechtes Leben. In Deutschland und Österreich ist das Leben von Männern im Schnitt sechs Jahre kürzer als das von Frauen, in Frankreich acht und in Russland sogar zehn bis dreizehn Jahre. Das hat keine biologischen Gründe, denn in Klöstern leben Nonnen und Mönche etwa gleich lang. Männer sterben weltweit signifikant öfter an Selbstmord, Unfällen, Gewalt, Krebs, Alkohol oder Drogenmissbrauch, Mord und Risikoverhalten. Hierzulande sind zwei Drittel aller Notfallpatienten, drei Viertel aller Selbstmörder, achtzig Prozent aller Suchtkranken und über neunzig Prozent aller Häftlinge in Strafanstalten männlich.

Die Mehrzahl der Opfer männlicher Gewaltakte ist ebenfalls männlich, sieht man von Sexualdelikten ab, die vor allem Frauen und Kinder betreffen. Dem größten Teil der Männer trägt das Patriarchat also mehr Nachteile als Vorteile ein. Und dennoch wehrt sich kaum ein Mann dagegen. Warum?

Ein Grund dafür sind die "ganz normalen" Männerseilschaften in Politik, Wirtschaft und Militär, die dafür sorgen, dass die Quote erhalten bleibt - die Männerquote, die in Spitzenpositionen regelmäßig zwischen neunzig und hundert Prozent liegt. Viele dieser Männer sehen sich nicht als Frauenfeinde, weil sie sich einen ganzen Stall von Geliebten halten. Sie wollen in ihren Machtgefilden bloß nicht von Frauen gestört werden. Diese Herren an der Spitze sind die einzigen echten Nutznießer des Patriarchats. In diesem stark hierarchisierten System stehen nur wenige Sieger ganz oben, dafür aber gibt es sehr viele Verlierer. Doch die Sieger haben es gar nicht nötig, Werbung in eigener Sache zu machen - sie stellen die patriarchalischen Strukturen einfach durch ihr Handeln ständig (wieder) her. Und weil sie so erfolgreich sind, glauben unzählige Männer, patriarchalische Macht sei unglaublich attraktiv, sie müssten ihnen nacheifern, sie müssten genauso werden, genauso "stark", "unabhängig", "autonom" und "durchsetzungsfähig". Damit gelingt es dieser Lobby von Topmachos, ein für die große Mehrheit der Gesellschaft völlig kontraproduktives Rollenbild aufrechtzuhalten, ohne einen Cent für PR ausgeben zu müssen.

Vielen Männern sind diese Zusammenhänge aber überhaupt nicht klar, oder sie trauen sich nicht, darüber zu reden, weil sie sonst Gefahr laufen, als "unmännlich" oder "schwach" markiert zu werden. Patriarchalische Strukturen sind untrennbar mit Macht und Herrschaft verbunden, mit Werten wie Überlegenheit, Härte und Kampfbereitschaft, Durchsetzungs- und Leistungswillen. Die Erfolgreichsten sehen gerne auf alle anderen herab und diskriminieren sie als "weibisch", "Weicheier" und "Schlappschwänze", "Warmduscher" und "Frauenversteher" - eine symbolische Kastration.

Daneben gibt es noch die expliziten männlichen Lobbygruppen. "Maskulinisten" und "Männerrechtler" sprechen an Stammtischen dem Alkohol offenbar so gerne zu, dass sie die Kanzlerin nicht nur doppelt, sondern zigfach sehen: Überall wittern sie ein "Matriarchat" an der Macht. Zu deren übelsten Vertretern gehören die Fans des norwegischen Attentäters Anders Breivik, der in Europa eine "Verschwörung" zwischen Feministinnen und Moslems am Werk sah, die die arischen Christen entmännlichen wollten. Aber auch viele andere Männerrechtler tummeln sich im evangelikalen, rechtspopulistischen oder rechtsradikalen Lager. Wer es genauer wissen will, dem sei die bei der Heinrich-Böll-Stiftung erschienene Studie von Hinrich Rosenbrock Die antifeministische Männerrechtsbewegung Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung ans Herz gelegt. (Wir haben die Nennung von zwei solcher Männerrechtlergruppen gestrichen, dafür die Studie verlinkt - d. Red.)

Alle anderen leiden unter den Rollenzwängen der patriarchalischen Hierarchien, unter ständigem Stress und manchmal mörderischer innermännlicher Konkurrenz, viele bezahlen dafür mit ihrer psychischen und physischen Gesundheit. Aber sie glauben, das sei "normal", Konkurrenz müsse mann im Kapitalismus nun mal hinnehmen. Oder sie wollen ebenso werden wie die Spitzenmänner - koste es, was es wolle.

Schweigen der Opfer

Auch die Medien werden mehrheitlich von Männern gesteuert. Brutalitäten unter Männern werden deshalb nur wenig thematisiert, sie gelten als "normal". Die am meisten verschwiegene und verleugnete Form von Gewalt ist sexuelle Gewalt von Männern gegen Männer. In den USA sind bis zu einem Fünftel der männlichen Häftlinge sexuellen Gewaltakten ausgesetzt. In iranischen Gefängnissen wurden nach den Unruhen von 2009 verhaftete Demonstranten vergewaltigt. Eine repräsentative anonyme Befragung in Südafrika brachte zutage, dass fast drei Prozent aller Vergewaltiger sich auch an ihrem Geschlecht vergangen hatten und zehn Prozent aller Männer bereits Opfer von sexueller Gewalt geworden waren. In zahllosen Kriegen kam es zu Vergewaltigungen männlicher Opfer, in der Demokratischen Republik Kongo ebenso wie in Ex-Jugoslawien.

Doch systematische Studien über das Ausmaß scheitern am Schweigen der Opfer. Das sei "das Tabu des Tabus", sagt die Sozialwissenschaftlerin Dubravka Zarkov, die zu Vergewaltigungen von Männern in den Balkankriegen geforscht hat. Nichts sei für das Patriarchat bedrohlicher zu thematisieren als die Vergewaltigung von Männern durch Männer, glaubt auch Yakin Ertürk, die frühere UN-Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen. Denn diese zerstöre den Mythos von der männlichen Wehrhaftigkeit. Opfer zu sein gilt als "unmännlich".

Der Text von Ute Scheub wurde dem von der taz-Chefredakteurin Ines Pohl herausgegeben Buch: "Schluss mit Lobbyismus! 50 einfache Fragen, auf die es nur eine Antwort gibt" (224 Seiten, 14,99 Euro) entnommen. Das Buch kommt am 10. September in den Buchhandel. Anhand von 50 Beispielen zeigen die Autoren, wie einflussreich Lobbyisten sind und wie man ihnen Einhalt gebieten kann.

Der kanadische Soziologe Michael Kaufman analysiert das Patriarchat als "Triade von Gewalt" - Gewalt gegen Frauen, gegen andere Männer und gegen sich selbst. Er sieht deshalb ein "Paradox der Männermacht": Dieselben Mittel, die zur offenbar als lustvoll empfundenen männlichen Macht führten, seien "die Quelle enormer Angst, Isolation und Leiden auch für uns Männer", weil machtvolles Handeln eine Art Körperpanzer und angstvolle Distanz zu anderen erfordere. Die verinnerlichten Anforderungen an Männlichkeit zu erfüllen, sei extrem anstrengend. Aus Furcht, nicht männlich genug zu sein, gerieten besonders Heranwachsende schnell "in Turbulenzen von Angst, Isolation, Ärger, Selbstbestrafung, Selbsthass und Aggression. " In einem solchen emotionalen Zustand werde Gewalt zu einem Kompensationsmechanismus. Sie sei ein Weg, um das männliche Gleichgewicht zu stabilisieren. Täter wählten daher gewöhnlich ein schwächeres Opfer: Kinder, Frauen, Schwule, religiöse oder soziale Minderheiten oder Migranten.

Gerade das "Schwulenklatschen" mache den Akt der Kompensation besonders deutlich. Die Täter seien zumeist Jugendliche in einer Lebensphase, in der sie ihre Identität als extrem unsicher und fragil erlebten. Um ihr Mannsein zu beweisen, schöben sie anderen die Rolle des "Unmännlichen" gewaltsam zu. Gleichberechtigung hingegen mindert nachweislich Gewalt und hebt die Lebensqualität beider Geschlechter. In vergleichsweise egalitären Gesellschaften wie Skandinavien leben Männer fast genauso lang wie Frauen. In statistischen Analysen von jeweils mehr als hundert Ländern fanden Forscher wie Mary Caprioli, Marc A. Boyer, Erik Melander oder Margrit Bussman heraus: Staaten verfolgen eine friedliche Außenpolitik, wenn viele Frauen in ihren Parlamenten vertreten sind, wenn diese schon lange das Wahlrecht haben, wenn ein hoher Prozentsatz von ihnen bezahlt arbeitet und die Geburtenrate niedrig ist.

Der innere Frieden in einer Gesellschaft wird durch die politische Repräsentation von Frauen, durch ihre ökonomische Teilhabe am Arbeitsmarkt und ihren Zugang zu Gesundheit und Bildung stabilisiert; Geschlechtergleichheit befördert eine gute Regierungsführung, Entwicklung und Demokratie. Und in ihrem Buch Gleichheit ist Glück - warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind zeigen Kate Pickett und Richard Wilkinson, dass Menschen in Gesellschaften mit vergleichsweise viel Gleichheit gewaltärmer, länger und zufriedener leben, glücklicher und gesünder sind.

Das Patriarchat macht wütend, aggressiv, gewalttätig, unglücklich, krank und dick - Letzteres aufgrund von Frustessen. Dort aber, wo Frauen gestärkt werden, leben auch Männer besser.

Ute Scheub, freie Journalistin und Schriftstellerin, schreibt über Feminismus, Ökologie und Friedenspolitik.

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