Eine Eisdiele am Rande von Leipzig

09.09.2012

Speiseeis und Helmut Kohls Verheißung der "blühenden Landschaften"

Täglich verarbeiten und kommentieren wir Nachrichten aus der Weltwirtschaft. Dabei erfahren wir zu wenig über das Funktionieren der Alltagsökonomie. Deren Großteil hängt nämlich nicht von Zentralbankzinsen und Eigenkapitalanforderungen, vom Eurokurs und den Rohstoffpreisen ab, sondern von der wackligen Gunst ganz lokaler Kunden. Unser Autor hat eine Eisdiele am Rande von Leipzig besucht - und war von Service und Qualität beeindruckt. Ist das erwähnenswert? Und was hat es mit Helmut Kohls Verheißung der "blühenden Landschaften" zu tun?

Das Thema Eis ist aus Kunden- und Anbietersicht von jeher heikel. Es gibt Eispulvermischungsfabrikanten, deren Pulver irgendwo eingerührt werden. Es gibt Konditoreien, die sich an selbstgemachtem Frucht-, Milch und Joghurteis versuchen, leider nur selten erfolgreich. Bessere Restaurants bieten mit dem Sorbet (Cassis!) die oft höchste Qualitätsklasse an. Eisdielen gelten in allen deutschen Städten als krisensicheres Gewerbe. Es gibt Eisdielen, die seit Jahrzehnten im Besitz italienischer Einwandererfamilien sind.

In der DDR war Eis selten und begehrt. Es fehlte an Eisdielen. Doch nun, 22 Jahre nach der Wiedervereinigung, haben in der ehemaligen DDR auch viele Gründer erfolglos mit Eisdielen versucht, sich eine Existenz aufzubauen. Aber Eis wird immer gebraucht, auch ohne Eisdiele.

Das nach eigenen Angaben inzwischen 99 Jahre alte Backhaus Hennig aus Zwenkau bei Leipzig etwa hat 2008 kräftig investiert. Die Filiale in Markkleeberg, das durch die Straßenbahn direkt an Leipzig angebunden ist, liegt an diesem Tag in der unerträglichen Hitze von 38 Grad an einer trostlosen Kreuzung.

38 Grad im Schatten. Blick aus dem Eiscafé Hennig in Markkleeberg: Hier muss das Eis spitze sein, um den Blick zu verdrängen. Bild: A. Dill

Wir bestellen Eis: Mango, Zitrone, Schokolade. Es ist derart gut, dass wir eine zweite Portion ordern. 70 Cent kostet die Kugel - ein moderater, möglicherweise der örtlichen Kaufkraft angepasster Preis. Wie Inhaber Jens Hennig auf der Mitteldeutschen Handwerksmesse bekundete, mache er sein Eis selbst. Es ist nicht zu süß und cremig, streift fast das Sorbet. Kein Vergleich mit den Chemie-Pulvermischern und den lieblosen Plastikschachteln von Unilever/Langnese, die den mobilen Eismarkt bestimmen. Hennig, um es auf Marketingdeutsch zu formulieren, setzt einen klaren Benchmark.

"Wer hat Interesse? Wir suchen Aushilfen im Raum Leipzig. Wenn Ihr Spaß am Umgang mit Kunden habt und einen Aushilfsjob sucht, bewerbt Euch bei uns." Plakat im Backhaus Hennig. Bild: A. Dill

Die Arbeitslosenquote im boomenden Leipzig sinkt seit Jahren und lag im August 2012 bei 11,6 Prozent. Da die Bevölkerung der eleganten Konsum- und Lifestylemetropole für jüngere Gutverdiener und Lebenskünstler seit 2000 um 8 Prozent zugenommen hat, ist die sinkende Quote nicht als Ausdruck von Überalterung und Abwanderung interpretierbar.

Das Backhaus Hennig ist Ausbildungsbetrieb und hat es nicht einfach, Lehrlinge zu gewinnen. Alltägliche und krisensichere Berufe wie Verkäufer, Koch und Bäcker sind nach wie vor nicht gefragt. Sie verheißen geringen Verdienst, geringes Prestige und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten.

Nur einige hundert Meter von Hennigs Eisecke entfernt stehen Porsche Panamera mit dem auskunftsfreudigen "S"-Kennzeichen - die Stuttgarter Führungskräfte in der Leipziger Porschefabrik wohnen dort.

Trotz englischer Werbeworte: Bei Hennig ist das Eis selbstgemacht, noch dazu exzellent! Bild: A. Dill

Wer sich als Bürger mit westdeutschem Migrationshintergrund ein paar Tage in Dresden oder Leipzig aufgehalten hat, wird schmerzlich feststellen, dass diese beiden Städte weitaus eleganter, (post)moderner und renovierter sind als etwa ihre Schwestern Köln, Essen, Dortmund, Hannover und München. Sie wurden sozusagen direkt in die Gegenwart gebeamt, meist ohne Umwege über die großen Bausünden der 60er, 70er und 80er Jahre.

Am 1. Juli 1990 hielt Helmut Kohl seine legendäre Fernsehansprache, in der er für Neufünfland "blühende Landschaften" verhieß. Wer die fünf Länder bereist hat, kann nicht leugnen, dass diese Metapher weitgehend treffend ist und tatsächlich eingelöst wurde.

Gerade um Leipzig entstand in den ehemaligen Braunkohlegruben ein einmaliges Seenland, das heute als Natur- und Lifestyleparadies Reisende und Einwanderer aus dem Westen anzieht. Während in den Espressostuben der Marinas längst 2 Euro für den Espresso bezahlt werden, kostet ein leckeres Hörnchen beim Bäcker nebenan noch 32 Cent. Die alteingesessene Bäckereifamilie kommt bisher nicht auf die Idee, die Preise zu erhöhen. Oft steht eine aus DDR-Zeiten bekannte Schlange vor der Bäckerei in Zöbigker. Die Hörnchen sind bereits am frühen Vormittag ausverkauft.

Die Leipziger haben offenbar keine Schwierigkeiten, für 150 Euro den Tank ihres Boliden zu füllen. Ein paar Meter neben der Bäckerei stehen Millionenvillen und Jachten für 40.000 Euro. Was aber, wenn der Bäcker die eigentlich erforderlichen 1 Euro 50 je Hörnchen berechnen würde? Die Bäckersfamilie will es lieber nicht wissen.

Und ich wage es nicht, den Vorschlag zu machen, obwohl mit einer Erhöhung der Preise für regionale Produkte und Leistungen die Arbeitslosigkeit in Leipzig und Umgebung auf bayerisches Niveau sinken könnte. Dabei bin ich davon überzeugt, dass die Hörnchen auch für 1,50 reißend weggehen würden.

Weitere Sommerbesuche führten Alexander Dill nach Südtirol (Krise? In Italien? Stupido!) und auf die Zugspitze (Urlaub mit dem Besatzer).

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