E pluribus unum

08.09.2012

Vor den US-Wahlen im Herbst treten die Gegensätze zwischen den Lagern offen zutage

Der Präsidentschaftswahlkampf 2012 wirft erneut ein Licht auf die gesellschaftliche Polarisierung der Vereinigten Staaten, die in den letzten Jahren ein bedenkliches Ausmaß angenommen hat. Entsprechend polemisch bis demagogisch gestaltet sich die Wahlkampfrhetorik von Republikanern und Demokraten. Die Kulturkriege der letzten Dekaden fordern ihren Tribut - und bringen die dunklen Seiten der politischen Kultur der USA zum Vorschein.

Aus vielen eines, lautet das Gründungsmotto der Vereinigten Staaten von Amerika. Angesichts der Nationwerdung des "amerikanischen Experiments" könnte er kaum zutreffender sein. Insbesondere die Historie amerikanischer Präsidentschaftswahlen weist indes auch auf das Spannungsverhältnis zwischen den Interessen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen und der Einheit der "nation of nationalities"[1] hin. Dies galt vor allem kurz nach "Geburt" der Vereinigten Staaten, beispielhaft etwa angesichts der Präsidentschaftswahl im Jahr 1800. Die junge, noch unfertige Nation war aufgrund konträrer ökonomischer Interessen zwischen dem agrarisch geprägten Süden und dem kaufmännisch und industriell orientierten Nordosten sowie wegen religiöser und politischer Gegensätze ohnehin tief gespalten.

Thomas Jefferson

Der Versuch seitens der regierenden Federalist Party, die Opposition um Thomas Jefferson durch Einschränkungen der Rede- und Pressefreiheit zu bändigen, verschärfte diese Konflikte. Entsprechend wurde im Wahlkampf von beiden Seiten agitiert und verleumdet. Zudem hatte sich die Wahl zu einer Grundsatzentscheidung zwischen zwei politischen Philosophien entwickelt, die die Frage der Machtverteilung im System der Vereinigten Staaten unterschiedlich beantworteten. Doch trotz aller Befürchtungen und Tumulte überstand der junge Staat diese Zerreißprobe. Mit den Worten "we are all Republicans, we are all Federalists" appellierte der neue Präsident Thomas Jefferson bei seinem Amtsantritt an die Einheit der Nation, denn - wie bereits vor ihm George Washington - wollte er als überparteiliche, einigende Symbolfigur wahrgenommen werden. Er sollte die Bevölkerung nach den erbitterten Auseinandersetzungen der vorangegangenen Jahre, gleichsam als "nationaler Hohepriester", auf ihre Gemeinsamkeiten einschwören.[2]

Gehstockprügelei im Senat

Sechzig Jahre nach Jeffersons Amtsantritt führten die Kontroversen über eine Ausweitung der Sklaverei, aber auch unterschiedliche Konzeptionen des föderalen Staatswesens sowie sozioökonomische Konflikte zur schicksalhaften Eskalation des Nord-Süd-Konfliktes. Der daraus resultierenden Sezession der Südstaaten gingen jedoch erbitterte politische Auseinandersetzungen voraus, deren Ton immer gehässiger und feindseliger wurde.

Charles Sumner

Im Mai 1856 kam es gar im US-Senat zu einem Gewaltausbruch, als der republikanische Senator und ausgesprochene Sklavereigegner Charles Sumner von einem demokratischen Kongressabgeordneten attackiert wurde. Preston Brooks aus South Carolina prügelte mit einem metallverstärkten Gehstock im Lesesaal des Senats hinterrücks auf Sumner ein, bis der Stock zerbrach und Sumner bewusstlos wurde. Andere Anwesende wurden von einem Kollegen Brooks’ mit gezogenem Revolver am Eingreifen gehindert. Diese Episode nahm vorweg, was fünf Jahre später geradezu zwangsläufig im Bürgerkrieg münden sollte, der Urkatastrophe der Vereinigten Staaten.

Karikatur J.L. Magees zum Überfall auf den Abgeordneten Sumner

Die seit Staatsgründung drohenden separatistischen Tendenzen wurden zwischen 1861-1865 buchstäblich mit Blut erstickt, angesichts hunderttausender Gefallener und Verstümmelter, verwüsteter Schlachtfelder sowie verbrannter Felder und Städte auf den Kriegsschauplätzen. Die Gewalt im Süden und die Unterdrückung der Schwarzen endete freilich nicht mit der Kapitulation im April 1865, ebenso wenig wie die Bitterkeit gegenüber dem Norden und der Washingtoner Bundesregierung. Doch die extreme Polarisierung der Nation, die sich in Abscheu und Hass zwischen den politischen Lagern ausdrückte, schwand in den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg, zumindest aus dem öffentlichen Diskurs.

Das Gründungsmotto der USA schien sich erst in der weiteren Entwicklung nach der blutigen Lektion des Bürgerkrieges wirklich zu bewahrheiten. Parteipolitische Auseinandersetzungen gestalteten sich zwar weiterhin durchaus turbulent und polemisch, waren jedoch zumeist nicht von derart absoluter Natur. So findet sich beispielsweise auch in politischen Meinungsumfragen, trotz teilweise stark emotional gefärbter Ansichten, über weite Teile des 20. Jahrhunderts kein größeres Ausmaß an Hass zwischen den Lagern oder gegenüber bestimmten Präsidentschaftskandidaten . Diese Art von Ressentiments wurde eher von Angehörigen des breit gefächerten rechtsextremen Spektrums gefördert, vom Ku Klux Klan und anderen rassistischen Organisationen, bis hin zu fundamentalistischen und Christian-Identity-Kirchen.

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