Was passiert, wenn in einer Großstadt die zentrale Stromversorgung längerfristig ausfällt?

10.09.2012

Sicherheit im Cyberspace war diesjähriger Schwerpunkt der Sicherheitskonferenz "Future Security 2012" der Fraunhofer-Gruppe für Verteidigung und Sicherheit

360 Besucher waren zur Sicherheitskonferenz "Future Security 2012" der Fraunhofer-Gruppe für Verteidigung und Sicherheit (VVS) am früheren Regierungssitz gekommen, dem Standort des militärischen Flügels der Fraunhofer-Institute, der früheren Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaften (FGAN).

Seit einigen Jahren ist die Konferenzsprache Englisch, die überwiegende Zahl der Besucher aber kam offenbar aus deutschen Forschungsinstituten, Behörden, Ministerien und Institutionen, einige auch aus der Wirtschaft. Neben Informatikern, Naturwissenschaftlern oder Mathematikern, waren auch Fachleute aus anderen Disziplinen anwesend, z.B. Psychologen und Architekten, da nach Ansicht des Chairman Prof. Peter Martini vom FKIE "effektive Sicherheitsforschung nur noch interdisziplinär" geleistet werden könne. Entsprechend weit gefächert waren die Themenangebote:

  • Schutz der kritischen Infrastruktur und Behördenkommunikation,
  • sichere Versorgungswege,
  • Sicherheit der Lebensmittelversorgung
  • das Durchleuchten von Personen, Gepäck und Seecontainern auf Drogen, Sprengstoff und Waffen, und andere gefährliche Stoffe,
  • Entdeckung und Beseitigung von Gefahrstoffen (CBRNE, früher ABC-Gefahren)
  • und automatisierte Videoüberwachung von Einzelpersonen und Menschenmassen und Erkennen von Problemen oder auffälligem Verhalten ("inhaltsbezogene Videoanalyse")
  • Krisenmanagement und IT-Krisenmanagement,
  • Schutz des Luftverkehrs

Die Konferenzserie "Future Security" rückt von den klassischen, allein auf die Zielgruppe Polizei und Bundeswehr gerichteten Sicherheits- und Wehrtechnikveranstaltungen ab und stellt die Bemühung um den Schutz von Bevölkerung und Infrastruktur im Katastrophenfall, bei großen Industrieunfällen oder bei terroristischen Angriffen heraus.

Hier nur eine kleine Themenauswahl:

Industriespionage: BfV sieht die Gefahr weiterhin nur im Osten

Im Durchschnitt fünf mal täglich würden Internetseiten der Bundesregierung aus dem Cyberspace angegriffen, erklärte Panel-Moderator Herbert Kurek vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Die Zahlen der Angriffe auf die Internetpräsenzen von Firmen seien hingegen nicht genau bekannt, da viele Firmen aus Angst vor öffentlichem Aufsehen Angriffe nicht meldeten. Man müsse davon ausgehen, dass die Dunkelziffer sehr hoch sei. Der größte Teil der Angriffe geschehe von IP-Adressen, die für eine Herkunft aus dem Osten sprächen. Die Bekämpfung von Wirtschafts- und Industriespionage fällt in die Zuständigkeit des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Besonderes Augenmerk richtet der Verfassungsschutz auf die Spionage russischer und chinesischer Geheimdienste und auf Cyberattacken aus Russland und China. Schätzuingsweise ein Drittel des russischen Botschaftspersonals habe einen nachrichtendienstlichen Hintergrund. Die VR China habe in ihrer Cyber War Doctrine sogar ihrem Dienst erlaubt, im Internet die Konkurrenz auszuspähen.

Kurek erfreute das Publikum mit Geschichten über die Aufdeckung von Spionageringen, die der FSB in den USA und Europa installiert hatte. Zuletzt mit der Geschichte von Anna Chapman, der sogenannten "Agentin 90-60-90";;http://www.oe24.at/welt/Agentin-90-60-90-Im-Bett-eine-Waffe/887665, die sich in ihrer Heimat einer großen Beliebtheit erfreue. Laut Kurek war die Einschleusung dieser Personen unter einer Legende ein "Meisterstück" des FSB."Die Vorbereitung dauert Jahre". Der Spiegel sieht das etwas anders: Er schreibt von "Hobbyspionen" und einem gescheiterten Plan.

Zum Vergleich: Nur ein paar hundert Meter vom Konferenzort entfernt, in Plittersdorf, war vor dem Regierungsumzug "die "Amerikanische Siedlung", ein Dorf im Dorf, mit Häusern im amerikanischen Stil, Kirche, Einkaufszentrum, Offiziersclub (Amerikanischer Club), Kindergarten und einem Schlagbaum und Kontrollposten mitten auf der Kennedyallee. Die russische Botschaft auf dem Venusberg war schon damals zu Recht als Spionage- und Abhörzentrum verschrien. In der Bonner Politikwelt kursierte das Gerücht, dass "die Amis" in Bonn mindestens 400 Agenten hätten. Offiziell sind diese Zahlen jedoch nie bestätigt worden. Die Spionagetätigkeit der USA und anderer befreundeter Dienste in Deutschland war folglich auch kein Thema für den Abwehr-Mann Kurek. Man wisse davon. Das war alles. Dies wiederum ist im Westen nichts Neues.

Wenn man sich z.B. die Pressemitteilungen der Bundesanwaltschaft über Festnahmen oder Anklagen wegen Spionagetätigkeit anschaut, findet man bis zum Jahr 2000 zurückgehend nicht eine Anklage wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit für US-Dienste, die Franzosen oder den MI5, aber etliche Anklagen wegen Spionage gegen die Russen, die VR China und arabische Dienste. Dabei wird seit langem befürchtet, dass auch sogenannte "befreundete Dienste" Spionage gegen deutsche Institutionen und Unternehmen betreiben, z.B. mit dem System Echelon.

Der Chef der privaten Sicherheitsfirma Corporate Trust, Florian Oelmeyer, hielt ein Referat über Sicherheitslücken in der IT deutscher Unternehmen, das die Stimmung der Teilnehmer erheblich aufhellte. Tenor: Der Mitarbeiter ist die Schwachstelle Nummer 1 - sorgloser Umgang mit Informationen und Datenträgern, die Nutzung privater Geräte wie Handys oder Computer für die Arbeit (BYOD), der Trend zu Heimarbeitsplätzen für wichtige Mitarbeiter, nicht gesicherte Notebooks und die Mitnahme von Arbeitsgeräten ins Ausland, wo man leichter ausgespäht werden könne. Erst an zweiter Stelle kämen IT-technische Mängel, fehlende Firewalls und weiteres.

IT-Krisenmanagement

Gegenstand von Debatten war natürlich auch die Lükex 2011, in der die länderübergreifende Reaktion auf Cyber-Angriffe auf kritische Infrastrukturen geprobt worden war. Dabei sollten auch soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook zur Information der Bevölkerung eingespannt werden.

Das Bundesland Hessen soll aus der Übung Schlüsse gezogen, die denen des Bundesinnenministeriums entgegenstanden: den sozialen Netzen sei zu wenig Beachtung geschenkt worden. Die Diskutanten bewerteten die Lükex 2011 überwiegend positiv.

Die "unverwüstliche Stadt" von morgen: Ohne Strom geht gar nichts mehr

Was passiert, wenn in einer Großstadt die zentrale Stromversorgung längerfristig ausfällt und damit die Versorgung der Kommunikationsnetze? Wie kann man die Bevölkerung vor bevorstehenden Gefahren warnen, z.B. bei einem Chemieunfall oder einem Großbrand? Welche Anforderungen müssen Gebäude erfüllen, um starke Erschütterungen auszuhalten und schnelle Evakurierung/schnelle Eingriffe zu ermöglichen? Mit diesen Fragen müssen sich Krisenmanager und Einsatzstäbe herumschlagen.

In Berlin wie in anderen Städten Deutschlands waren der Privatisierungswut und dem Schlankheitswahn in der öffentlichen Verwaltung in den 90er Jahren selbst die Tankstellen für Einsatzkräfte, die für den Notfall mit Batterien oder Generatoren betrieben werden konnten, zum Opfer gefallen. Wenn nun also die Feuerwehr tanken musste, blieb ihr nichts anderes übrig, als Tankstellen mit normalem Publikumsverkehr aufzusuchen, und die hängen am allgemeinen Stromnetz. Der Berliner Feuerwehrchef Wilfried Gräfling schilderte, welcher Anstrengungen es bedurfte, drei Tankstellen wieder nur für Einsatzkräfte zu erhalten.

Sirenenanlagen wurden in den 90er Jahren vom Bund in die Hände der Kommunen übereignet, und die schalteten sie meistens aus Kostengründen ab. Als Alternativen sind seit Jahren Mitteilungen aufs Handy oder über Radio und Fernsehen in der Diskussion. Facebook ist eine zusätzliche Möglichkeit, die z.B. von der Berliner Feuerwehr, aber auch von anderen Behörden mittlerweile genutzt wird. Das funktioniert aber nur zu bestimmten Zeiten: Nachts schlafen die meisten und sind dann weder über Facebook noch über Fernsehen oder Handy zu erreichen.

Videoüberwachung

Mehrere Projekte zur Videoüberwachung von Massenbewegungen, in Stadien, Flughäfen und öffentlichen Plätzen wurden vorgestellt. Eines davon befasste sich mit der Analyse von Strömungsverhalten bei Menschenmassen, die zu der Panik bei der Loveparade in Duisburg führten. Das ist auf jeden Fall gutes Material für die Schulung von Polizei, Rettungskräften und Wachfirmen für künftige Großveranstaltungen. Für die Verhinderung der Katastrophe hätte es aber gereicht, wenn man dem Sachverstand des ehemaligen Duisburger Polizeichefs gefolgt wäre und die Loveparade abgesagt hätte.

Textmining-Tools

Vorgestellt wurde u.a. die Entwicklung einer automatisierten Auswertung riesiger Dokumentenmengen auf bestimmte Textinhalte, am Beispiel von Einsatzberichten amerikanischer Soldaten über technische Mängel ihrer Ausrüstung. Dabei wurden 40.000 Dokumente analysiert, die vor einigen Jahren auf der Plattform WikiLeaks unter dem Titel Afghanistan War Logs ins Netz gestellt worden waren. Der Spiegel, der Guardian und die New York Times hatten diese Dokumente schon ausgewertet, allerdings unter anderen Gesichtspunkten.

Peilsender und mobile Basisstation in neuem Outfit

Weiß noch jemand, wie schnell früher der Fernseher ausging, wenn ein Funkpeilwagen der Post gesichtet wurde? Vergessen Sie den Funkwagen. Jetzt kommt ein unauffälliger Transporter, z.B. von der Firma Cassidian, einer Tochterfirma der EADS-Gruppe. Ein geräumiges Vehikel voller Elektronik, die bei Netzausfällen den Behördenfunk Tetrafunk unterstützt; und die zum Orten von Funksignalen, Störfrequenzen, und auch von Handys eingesetzt werden kann.

Der Einsatzbereich soll von Großveranstaltungen, bei denen oft das Mobilfunknetz zusammenbricht, polizeilichen Großlagen bis hin zu Handyortungen, z.B. bei Verunfallten, Vermissten oder auch bei Observationen von verdächtigen Personen reichen. Die Gerätschaften lassen sich mit ein paar Handgriffen ausbauen und z.B. in Hubschraubern einsetzen. Die Antennen wurden in einer unauffälligen Dachhaube versteckt, zum Schutz vor Schmutz, Schäden und Erkennung.

Deutsch, weiß und männerdominiert

Die Mehrzahl der Konferenz-Besucher war männlichen Geschlechts und deutscher Muttersprache, sowohl die älteren Semester, wie der akademische Nachwuchs. Der Gender-DAX weist aus, dass Verteidigung und (Sicherheits-)Forschung in Deutschland trotz Frauenförderprogrammen noch immer eine Domäne der Männer ist. Zwar gab es etliche Referentinnen in den Workshops, die Vorträge über technische Entwicklungen hielten, auch einige Workshopleiterinnen, aber die "gläserne Decke" existiert nach wie vor. So sind z.B. bisher in keinem Institut der VVS-Gruppe Frauen in leitender Position. Das gleiche Bild ergab sich bei der Leitung der Konferenz

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