Männer als Opfer

Teil 1: Pantoffelhelden

Die Polizeistatistik in Berlin zeigt auf, dass 25% der angezeigten Fälle häuslicher Gewalt von Frauen ausgehen - doch das ist nicht die einzige Gewalt, unter der Männer zu leiden haben.

Einfache Täter/Opfer-Ansichten

Das Netzwerk Häusliche Gewalt im Landkreis Stade zeigt auf seiner Seite "Hilfe bei häuslicher Gewalt" bereits, wie es die Täter/Opfer-Einteilung vornimmt. Die Liste der Taten, die häusliche Gewalt darstellen können, ist mit einer offensichtlich verzweifelten Frau bebildert. Die gleiche Frau noch einmal gezeigt, wenn dargestellt wird, welche Möglichkeiten Opfer haben. Ein Bild eines Mannes wird erst dann in die Seite integriert, wenn es darum geht, was die Täter erwartet.

Wie klar hier die Rollen verteilt zu sein scheinen, wird auch anhand des folgenden Satzes deutlich:

Wenn Sie von Ihrem Ehemann oder Partner misshandelt werden oder von Misshandlung bedroht sind oder Ihnen nachgestellt wird, können Sie bei Gericht notwendige Schutzanordnungen beantragen.

Zwar wird festgestellt, dass das Gesetz bei einem Antrag auf Wohnungsüberlassung vor Gericht "für alle Formen von Lebensgemeinschaften [...] und für alle weiblichen und männlichen Opfer häuslicher Gewalt" gilt - doch die Seite bevorzugt in ihren Illustrationen und Ausführungen klar eine Einteilung in weibliche Opfer und männliche Täter.

Damit ist sie nicht allein. Belladonna wirbt damit, eine "Beratungsstelle für Frauen, Jugendliche und Kinder bei sexueller und häuslicher Gewalt" zu sein und wird vom Sozialdienst katholischer Frauen Paderborn e.V. betrieben. Die Seite "Opferschutz.info", die Informationen für von häuslicher Gewalt Betroffene bietet, legt ebenso gleich im ersten Satz fest, worum es geht: "Einer britischen Studie zufolge vergehen von der ersten Misshandlung bis zu dem Zeitpunkt, an dem Frauen Hilfe von außen in Anspruch nehmen, durchschnittlich sieben Jahre."

Und unter dem Punkt Vorbereitung führt man an: "Wenn Sie fürchten, dass Ihr Mann (wieder) gewalttätig wird, sollten Sie aber immer auch auf eine Flucht vorbereitet sein." Das Interventionsprojekt gegen häusliche Gewalt Freiburgstellt auf seiner Webseite fest: "Keine Frau hat es verdient, misshandelt zu werden, und es gibt IMMER eine Alternative zur Gewalt."

Das niedersächsische Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration bietet gleich einen ganzen Themenkomplex "Gewalt gegen Frauen" an (bebildert mit dem gleichen Symbolphoto wie das Netzwerk häusliche Gewalt in Stade es nutzt) und lässt dabei einmal öfter deutlich werden, dass das fehlende "Männer" in der Bezeichnung des Ministeriums kein Zufall ist. Es gibt Frauennotrufe, Frauenselbsthilfegruppen, Frauenhäuser etc. (deren Einrichtung und deren Erhalt wichtig sind) doch eines fehlt: Der Mann. Er ist für solche Organisationen quasi nur als Täter existent und spielt als Opfer/Hilfesuchender keine Rolle.

Exkurs: Missing Joseph

In Elizabeth Georges Buch Missing Joseph (Deutscher Titel: Denn keiner ist ohne Schuld) kommt es am Anfang zu einer Begegnung zwischen Deborah St. James und einem Pfarrer, ohne dass Deborah klar ist, dass es sich um einen Pfarrer handelt. Beide sehen sich ein Bild der Jungfrau Maria samt ihres Kindes an und der Pfarrer merkt an, dass es ihn traurig stimme, wenn er sieht, dass auf so vielen Bildern der Mann, nämlich Joseph, fehle. Immerhin wären Maria, Joseph und Jesus doch eine Familie gewesen.

Tatsächlich ist diese Überlegung nachvollziehbar. Joseph, der immerhin mit einer vom "heiligen Geist" geschwängerten Frau bei Kälte und Not eine Unterkunft sucht, findet letztendlich nur kurz Erwähnung in der Bibel. Nach der Kindheit Jesu fehlt er, woraus oft geschlossen wird, er sei früh gestorben. Doch während er als Heiliger verehrt wird, fand er in der Kunst nur wenig Eingang in die Familie, die den Sohn Gottes bei sich aufwachsen ließ. Die "Jungfrau Maria mit dem Kinde" dagegen stellt die Familie dar.

Diese Zweiteilung der Familie findet sich in den Bezeichnungen vieler Hilfeeinrichtungen und Behörden wieder, wenn die Frauen neben der Familie noch einmal erwähnt werden, die Männer jedoch außen vor bleiben. " Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration" oder "Hilfe für Familien, Frauen und Kinder" erwähnen die Frau extra, lassen jedoch den Mann wegfallen. Streicht man einmal zur Verdeutlichung dieses Aspektes die Familie aus den Bezeichnungen, so wird daraus "Ministerium für Soziales, Frauen, Gesundheit und Integration", "Hilfe für Frauen und Kinder", was deutlich macht, dass der Mann hier als Individuum, das Hilfe, Beratung etc. benötigt, nicht vorkommt.

Dies mag von vielen akzeptiert werden, weil das Thema der häuslichen Gewalt beispielsweise mit dem vorgenannten starren Opfer/Täter-Schema auskommt, doch die Polizeistatistik in Berlin (bisher die einzige, die bei Fällen angezeigter häuslicher Gewalt auch das Geschlecht der Täter vermerkt) zeigt auf, dass immerhin bei einem Viertel der angezeigten Fälle Frauen Täter sind, was bedeutet, dass 25% der Opfer letztendlich nur als Randerscheinung gelten und nicht die Art der möglichst vollumfänglichen Hilfe erhalten, die es für die anderen Opfer gibt. Zwar stehen ihnen die Möglichkeiten der Anzeige und der Therapie offen, doch gerade die spezialisierten Hilfebereiche und die Selbsthilfegruppen sind oft nur auf Frauen als Opfer ausgelegt.

Voll unter dem Pantoffel

Das fehlende Bewusstsein für Gewalt gegen Männer innerhalb von Beziehungen ist das Resultat eines archaischen Denkens, das den Mann noch immer auf den harten, starken, alles aushaltenden Kerl reduziert, der sich "nicht so anstellen soll". Ein Denken, das sich oft auch in Beziehungen zeigt, wenn gleichartige Verhaltensmuster verschieden bewertet werden - je nach Geschlecht desjenigen, der dieses Muster zeigt. So gelten Frauen, die im Beisein anderer spöttische Bemerkungen über das Verhalten ihres Partners machen, eher als witzig, während Männer mit ähnlichem Verhalten als peinlich angesehen werden. Dabei sind derartige Sticheleien keineswegs selten. So manche Frau zeigt im Beisein anderer eine Form der Selbsterhöhung indem sie den Partner herabsetzt ("Ja, die Wohnung habe ich gestaltet, mein Mann könnte so etwas ja im Leben nicht"), seine Schwächen offenlegt ("Ach, Walter tut sich immer so schwer damit, vernünftig einzukaufen") oder aber mehr oder minder subtil beleidigt. Im Bereich Gewalt in der Partnerschaft spielt vor allem psychische Gewalt und soziale Kontrolle, die Frauen gegen bzw. über ihre Beziehungspartner ausüben, eine Rolle, wie sie auch im Werk des verstorbenen Loriot treffend skizziert wird.

Doch auch physische Gewalt von Frauen gegen Männer existiert. Das Zerrbild des Mannes, der sich der Furie mit dem Nudelholz gegenübersieht und unter den Tisch verkriecht, zeigt bis heute auf, dass Gewaltandrohung je nach Geschlecht des Täters unterschiedlich bewertet wird. Der Mann unter dem Tisch, der sich vor der im wahrsten Sinne des Wortes wütenden Frau versteckt, wirkt komisch. Eine Frau in der gleichen Position nicht. Davon zeugt auch die Menge der Abbildungen von Frauen, die mehr oder minder drohend das Nudelholz schwenken - als Sinnbild für das Kämpferische in der Frau. Dieses seltsam anmutende Amüsement über Männer als Opfer geht viele Jahrzehnte zurück. Schon auf alten Ansichtskarten sind Männer in der Opferrolle zu sehen. Auf diesen Karten findet sich dann auch die Ansicht wieder, dass diese Gewalt nun einmal "dazugehört".

Motiv genutzt mit freundlicher Genehmigung von ak-ansichtskarten.de.

Du armer Mann, dich braucht man nicht beklagen
Ein jeder Esel muss sein Schicksal tragen

lautet einer der Reime auf einer solchen Karte, die einen Mann zeigt, der am Boden liegt. Ein Bild wurde ihm bereits über den Kopf geschlagen und die Ehefrau droht ihm mit Teppichklopfer und Stiefelknecht. Die Bildunterschrift zeigt, dass der Mann, der Gewalt aushalten muss, als Dummkopf angesehen wird. Als jemand, der sich nicht wehren kann und daher die Gewalt verdient hat. Ein Weichei. Eine Ansicht, die sich bis heute oft finden lässt, wenn es um Gewalt innerhalb der Partnerschaft geht, die nicht vom Mann ausgeht. Wer das aushält, steht halt unter dem Pantoffel. Er ist für Männer und Frauen gleichermaßen eher Witzfigur denn Opfer. Eher amüsant denn zu bemitleiden.

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