Soziologische Studie: Wir basteln uns eine Generation 9/11

11.09.2012

Universität Duisburg-Essen stellt Ergebnisse einer zweifelhaften Forschung vor

Gravierende Mängel im Erfassungsraster und ein verengter Forschungsblick:   Soziologen der Universität Duisburg-Essen (UDE), die in einer breit angelegten Studie herausfinden wollen, ob es in Deutschland eine Generation 9/11 gibt, haben Beiträge von Studienteilnehmern editiert und gelöscht, in denen Zweifel zu den Terroranschlägen des 11. Septembers geäußert wurden (Telepolis berichtete: Demontage der Generation911). Nun sollen die Forschungsergebnisse der Studie, die im März dieses Jahres gestartet ist, am 11. September 2012 in der Landeszentrale für politische Bildung in Mainz vorgestellt werden.

Die Studie Generation 9/11, die derzeit durch den Profilschwerpunkt "Wandel von Gegenwartsgesellschaften" der Universität Duisburg-Essen finanziert wird, hinterlässt viele Fragen. Wissenschaftliche Forschung muss so ergebnisoffen und objektiv wie möglich durchgeführt werden. In der Studie "Generation 9/11" lassen diese beiden für die Qualität wissenschaftlicher Forschung so entscheidenden Grundvoraussetzungen stark zu wünschen übrig.

Angefangen hat alles mit einer überaus interessanten Forschungsfrage: "Gibt es eine Generation9/11?", wollten Professor Carsten G. Ullrich und Dr. Daniela Schiek von der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen wissen und ließen eine speziell auf ihre Forschungsfrage abgestimmte Webseite freischalten. Nach911.de sollte als Forum dienen, in dem sich die von den Forschern gesuchte Generation 9/11 zusammenfinden konnte, um ihre Befindlichkeiten zum 11. September mitzuteilen.

Die Aufgabenstellung an die Studienteilnehmer war offen formuliert: 

Unter www.nach911.de kann man ab dem 15. März seine ganz persönlichen Gedanken zum "Tag des Terrors" loswerden. "Mithilfe der Gruppendiskussion wollen wir untersuchen, wie die Erlebnisse vom 11. September gemeinsam erzählt, gegenseitig ergänzt und beurteilt werden", erläutert Projektleiter Prof. Ullrich. Gestalten wir unter diesen Eindrücken die Zukunft anders? Das ist eine der zentralen Fragen, zu denen insbesondere die 1971 bis 1981 Geborenen in Deutschland Stellung nehmen sollen. Eine strikte Altersbegrenzung gibt es jedoch nicht.

Das klingt durchdacht und sympathisch: Strikt sollte es also nicht zugehen bei der Studie. Schließlich wollten die Studienmacher mit ihren und nicht gegen ihre Studienteilnehmer arbeiten.

Doch was dann geschah, wirft ein fragwürdiges Licht auf das Projekt: Kaum war das Forum freigeschaltet, fanden sich viele interessierte Studienteilnehmer in dem Forum ein. Es waren, wie sich in den Aussagen dokumentierte, genau jene Personen, die sich von 9/11 auf die eine oder andere Weise betroffen fühlten und ihre Geschichte erzählen wollten.

Schnell wurde deutlich, dass die Studienteilnehmer Inhalte äußerten, mit denen die Verantwortlichen der Studie wohl nicht gerechnet haben bzw. die nicht gewollt waren. Eine Vielzahl der Personen, die sich im Forum äußerte, brachte in ihren Schilderungen eine grundlegende Skepsis gegenüber der offiziellen Wirklichkeitskonstruktion zum 11. September zum Ausdruck und gab ihrem Zweifel und den damit verbunden Gefühlen Raum.

Mit dieser inhaltlichen Entwicklung im Forum bot sich den Forschern eigentlich eine spannende Beobachtung. Wäre es möglich, dass eine Generation 9/11 sich vor allem durch einen verschwörungstheoretischen Verdacht definiert? Verwundern würde dies übrigens keinesfalls, es läge sogar sehr nahe, da repräsentative Umfragen zum 11. September in den vergangenen Jahren gezeigt haben, wie groß der quantitative Zweifel in der deutschen, aber auch in anderen Bevölkerungen ist, wenn es um den 11. September geht. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa glaubten beispielsweise 31 Prozent der unter 30-Jährigen an eine große Verschwörung im Zusammenhang mit dem 11. September.  

Die Studienverantwortlichen reagierten plötzlich jedoch sehr strikt: Am laufenden Band löschten und editierten die Moderatoren Beiträge von Studienteilnehmern, die einen verschwörungstheoretischen Inhalt aufzeigten. Forumsnutzer, die die radikalen Löschaktionen nicht einsahen und ihren Beitrag erneut ins Forum einstellten, sperrten sie zum Teil völlig aus dem Forum.

Screenshots, die Telepolis vorliegen, dokumentieren, dass die nicht gewollten Aussagen der Studienteilnehmer größtenteils nur das äußerten, was in der Studie verlangt wurde: Sie erzählten, ergänzten und beurteilten - im Kontext des 11. Septembers.

Nun teilt die Uni Dusiburg-Essen in einer weiteren Pressemitteilung mit, dass erste Ergebnisse der "Studie" vorliegen: 

Ich habe mich nie wieder hundertprozentig sicher gefühlt", schreibt ein Studienteilnehmer anonym ins Forum. "Ich habe gelernt, mit meinen Ängsten umzugehen, aber meine Unbeschwertheit, die ich vielleicht mit 20 hatte, die fehlt mir." Unzählige Kommentare dieser Art folgen. Was sie eint, ist Verunsicherung und Angst.

 

Die Unzulänglichkeiten, die die Studie umgeben, spiegeln sich auch in der Pressemitteilung wider. Die Verwendung des Begriffs "Unzählige" verweist darauf, dass die Studienmacher offensichtlich Handwerk mit Wissenschaft verwechseln. Klappern gehört zum Handwerk, zur Wissenschaft gehören mit wissenschaftlicher Akkuratesse ausgewertete Daten, die konkret zu benennen sind.

Auf dem Blog humanaconditio wird die Studie förmlich zerrissen. Dort heißt es:  

Laut Forenstatistik vom 04. September 2012 sind lediglich 105 Antworten in vier Unterforen zu verzeichnen...105 Antworten kann man durchaus noch zählen. Zumal sich weniger als die Hälfte auf das Thema beziehen. Insgesamt haben sich nur 199 Personen angemeldet. 40 Personen verzeichnen einen Beitrag und 14 zwei Beiträge, lediglich bei 6 Personen könnte man überhaupt von einer Diskussion sprechen (mehr als zwei Beiträge), wobei einer davon auch noch der Moderator ist. Insgesamt haben also nur 59 Personen überhaupt ein Beitrag zum Thema im Forum hinterlassen. Ist das die empirische Fundierung der Generation 911?

Selbst wenn die relative kleine Anzahl an Studienteilnehmern in ihren Beiträgen auch mehrmals auf das Thema Angst verwiesen haben sollte, kann man von "Unzähligen" wohl nur mit einem Augenzwinkern sprechen.

Inwieweit sich die noch anschließende "Forschungsarbeit" gestalten wird, ist nicht ersichtlich. In der Pressemitteilung heißt es dazu nur:

Außerdem soll die Untersuchung offline weiter gehen: "Wir sind noch nicht am Ende unseres Forschungsinteresses und werden versuchen, die Entwicklung einer "Generation 9/11" empirisch einzufangen."

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