Die Wut-Onliner kommen

20.09.2012

Nur Konsumisten - oder schlichte Handlanger der Industrie?

Kaum erscheinen kritische Stellungnahmen zum Online-Verhalten heutzutage, müssen offenbar alle davon Betroffenen ihren Lebensstil ganz vehement und nachhaltig verteidigen. Es ist einerseits ja ganz nett, den Fanatismus zu sehen, andererseits tun sie einem auch leid, die Internet-Fans, die wie Wut-Onliner wirken. Und bei der Nachhaltigkeit greifen sie auch ordentlich daneben.

Technik verändert immer auch die Menschen. Das ließ sich beim Auto beobachten, ebenso beim Fernsehen, vorher schon beim Telefon, noch früher beim elektrischen Licht in der Wohnung, schließlich bei der elektronischen Kommunikation. Technik, wenn sie Alltagstechnik wird – und dafür sorgen schon aus ureigenem Absatzinteresse die Hersteller – verwandelt das Leben der Menschen, letztlich die Menschen selbst. Zumindest ein Stück.

Die Online-Avantgarde

Schon in den späten achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Freaks mit einem Akustikkoppler an die beginnende Mailbox-Szene andockten, gab es ungehemmten Fanatismus. Da tropften noch die Buchstaben auf bernsteingelbe oder grüne Bildschirme und erste "Schwarze Bretter" entstanden. Legendär war die WELL (The Whole Earth Lectronic Link) in Kalifornien, aber Bulletin Board Systeme gab es ziemlich schnell auch in Mitteleuropa.

Einen Einblick in das Denken und die Gefühlswelt der damaligen Nutzer bietet Howard Rheingold mit seinen Büchern und seiner Homepage. Viel Enthusiasmus war im Spiel und der unerschütterliche quasireligiöse Glaube an ein besseres, zufriedenstellenderes Leben durch die elektronische Kommunikation.

Onliner heutzutage

Und dann kam in den 1990er Jahren das Internet. Und es erzeugte ebenfalls seine Fans, wie bei jeder Technik oder populären Sportart. Die ähneln mit ihrem missionarischen Glauben an das bessere Online-Leben durchaus der frühen Avantgarde. Diesen Sommer haben sie sich massiv zu Wort gemeldet. Und auch sozusagen wieder selbst in die Hand genommen, was sonst die Bildungsminister besorgen, nämlich für den Massenkonsum der internetbasierten Dienste zu werben und jedem Menschen ein Online-Leben einzureden: Digitales Leben muss selbstverständlich werden, jedem Volksschüler sein Notebook. Was ja übrigens praktischer ist, als einen Desktop-PC zu haben, da das Notebook wenig Platz einnimmt und überall dabei sein kann.

Wie verstehen sie sich selbst, diese Immer-und-überall-Online-Fans? Auf jeden Fall reagieren sie ganz aversiv, wenn sie glauben, man möchte ihnen ihr Spielzeug, ihre Nabelschnur zur elektronischen Welt, schlechtreden oder gar wegnehmen. Wie die Autofans.

Smartphone aus! Urlaub! – Was für ein Quatsch. Wenn ich das schon lese, dass Leute meinen, für den Urlaub Vorschriften zu erlassen. Spann mal aus, kein iPhone. Kein Roaming. Kein iPad. Ich glaube, es hackt! Ich verbringe meinen Urlaub so wie ich es möchte (oder meine Familie mich lässt) und dazu gehört auch die Nutzung irgendwelcher elektronischen Geräte. Oder wie meine Frau immer sagt "aber da sind meine Freunde drin".

Regelrecht rasend

Dort auch ähnlich TV-Moderator und Journalist Richard Gutjahr:

Wenn ich offline bin, kann ich nicht entspannen. Mehr noch: komplett abgekoppelt zu sein, macht mich regelrecht rasend! Es ist, als würde man mich meiner Existenz berauben. Ich bin online also bin ich.

Besonders in Rage kommen "die Onliner", wenn der Interviewer, hier Gunnar Sohn, beim Interviewten, hier der Gaming-Experte Christoph Deeg (das ist natürlich, eh klar, ein Online-Gaming-Experte), Manfred Spitzer und sein Buch Digitale Demenz ins Spiel bringt: "Alte Männer wie Spitzer präsentieren keine Lösungen für den Trend zur Vernetzung, sie sind das Problem, warum wir in Deutschland immer mehr in digitaler Mediokrität versumpfen." Und:

Eltern lesen dieses Buch oder hören davon und bekommen eine tiefgreifende Panikattacke. Im schlimmsten Fall sagen sie zu ihren Kindern: "Das sollst du nicht mehr machen."

Unkomplizierte Weltbilder

Nett, der Gaming-Experte hat, wie sein Interviewer, ein unkompliziertes Weltbild. Jetzt jedoch nur zum Verständnis: Manfred Spitzer meint in seinem aktuellen Buch "Digitale Demenz", die Menschen sollten die kleinen Kinder mit Online und Computer mehr in Ruhe lassen und ihnen das Spielen im Schmutz, im Freien und im Wald ebenso wie Faulheit und Langeweile vergönnen. Sie seien schließlich nur einmal Kinder und sie bräuchten zuallererst eine reale, nicht eine mediatisierte, künstliche Welt, insbesondere lebendige Erfahrungen mit anderen Kindern. Das wäre es ja überhaupt in unserer massenmedial geprägten Kultur: sich in echt und vor allem gelassen mit anderen Menschen auseinandersetzen.

Eine schreckliche Vorstellung, obschon, wie Gunnar Sohn meint, Onliner "in der Regel sozial hochkompetente, kommunikationsfreudige und engagierte Menschen" seien. Wozu dann Sascha Lobo ergänzt:

En guter Teil der Gesellschaft ist gerade dabei, sich selbst zur Lost Generation zu machen aus der Perspektive derjenigen, für die das Internet eine Heimat ist oder zumindest eine Lebensselbstverständlichkeit wie fließend Wasser.

Angst. Ja, Angst.

Starke Worte, mit denen sie sich eigentlich selbst als ein klein bisschen beeinträchtigt vorgeführt haben, die heftigen, die braven Online-Fans. Alle diese mehr oder weniger rabiat reagierenden Internetfreunde haben elektronische Kommunikation zu ihrem Lebensinhalt, zu ihrer "Heimat" gemacht, aus der sie im Regelfall dann auch Geld, Anerkennung und neue Verwertungsideen beziehen. Ihr sorgsam im Dienst der Industrie gehütetes Geschäftsfeld.

Natürlich sind sie böse, wenn sie Angst haben müssen, dass diese oft persönlich auch mühsam zurechtgezimmerte und gepflasterte Identität – etwa für Nico Lumma, der die SPD nachhaltig elektronisch aufrüsten will – ihnen madig gemacht, die Begeisterung und das persönliche Glücksgefühl etwas relativiert wird.

Auto-Fans

Ähnlich wie ein typischer BMW-Arbeiter im Regelfall ganz aufgebracht auf Tempo- und Autofahr-Diskussionen reagiert. Nun, in so einem Fall sagt man dann als aufgeklärter Intellektueller: Na klar, der steht von vornherein unter Ideologieverdacht.

Aber mittlerweile muß man sich fragen, ob die "Onliner" mit dem Ausdruck Ideologie heute noch was anfangen können, ähnlich wie manche Zwölfjährige ja fragen: Was ist denn das, ein Priester? Oder, was ist denn das [Stück (grünes Gemüse)]? Usw. Also gut, kommen wir auf die Kinder zu sprechen.

Ein Fünftel kommt aus der Schule und kann nicht lesen…

Ein Fünftel im EU-Durchschnitt. 28 Prozent der österreichischen und 19 Prozent der deutschen Pflichtschulabsolventen sind funktionale Analphabeten, das hat die EU-Kommission schon letztes Jahr herausgefunden, auch wenn das gerade erst prominent in den Medien auftauchte. Und so rund jeder achte Erwachsene kann nicht sinnerfassend Lesen. Das ist Europa, nicht Afrika.

Jeder von der Aufklärung gestreifte Mensch müsste hier eigentlich mit einem veritablen Gehirnschlag reagieren. Aber wir haben Kommerzfernsehen und damit brauchen viele Menschen übrigens nie wirklich lesen können. Und bei den Krawall-Printmedien in den Überschriften stochern und Fotos anschauen, das geht schon noch irgendwie.

Nichtlesen hat auch mit Medienkonsum zu tun

Dummheit, nein: Ungebildetheit hat auch einen Zusammenhang mit den elektronischen Medien, die Kinder konsumieren. Und das stand hier schon vor fünf Jahren. Da hatte gerade eine Diplomandin von mir ihre Arbeit abgeliefert, eine qualitativ orientierte empirische Arbeit, die sich zum ersten Mal in Österreich intensiver mit dem Thema "Jugend und Kommunikationselektronik" beschäftigte (Kinder und Kommunikations- Elektronik).

Wenig überraschend waren die empirischen Ergebnisse, denn das war ja bereits hinlänglich evident – Kinder mit viel Medienkonsum waren schlechter bei ihren schulischen Leistungen, Stichwort PISA und so; eines war neu: die Eltern überschütten ihre Kinder mit den elektronischen Gadgets.

Verheerend zeigten sich damals schon die empirischen Ergebnisse vieler Studien: Je geringer das Bildungsniveau der Eltern, desto mehr Elektronik kaufen sie für ihre Kinder. Je mehr Elektronik Kinder haben, desto mehr nutzen sie sie. Und, je mehr Kommunikationselektronikkonsum die lieben Kleinen haben, desto schlechter sind die schulischen Leistungen und das erreichte Bildungsniveau, das waren vor fünf Jahren die Ergebnisse, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Zwang zur Elektrokommunikation

Natürlich, es liegt nicht am Internet-Computer. Der ist nicht per se schuld, er kann ja vielfach sinnvoll sein. Halbwegs in Maßen genossen und ohne ihn zum Lebensmittelpunkt zu machen. Aber unsere "Onliner", die Fans der gigantischen Industriemaschine Kommunikationselektronik, die nicht mehr (auch nicht für ein paar Stunden) auf online verzichten können, wollen uns ihre Wirklichkeit aufdrängen. Sie, die nichts besseres mehr zu tun haben, als dauernd, so auf eine subtile Art persönlichkeitsgestört, ihre Displays zu malträtieren, damit sie nicht allein sind, sie sollten nicht alle anderen zwingen, es ihnen nachzutun.

Jemanden ein bestimmtes Verhalten aufzudrängen, ist eine Vorstufe von Faschismus. Das betrifft die fanhaften Online-Befürworter und natürlich auch undifferenzierte Internet-Ablehner. Es ist nicht anders als beim Auto.

Sind online-Fans gar Umweltschweine?

Ja, die Nachhaltigkeitsfrage. Sie stellt sich natürlich immer, etwa wenn Umweltaktivisten zum jährlichen Urlaub in die USA fliegen. Das bringt 6 Tonnen CO2 zusätzlich, also die Hälfte des durchschnittlichen Jahresverbrauchs eines Mitteleuropäers dazu.

Grundsätzlich, Wirtschaft im heutigen Sinn ist per se ökologisch blind, und ihre Fans sind nicht minder kurzsichtig. Schon im Jahr 2007 meinte die Fachpresse, Computer sind so öko-schädlich wie Flugzeuge und kosten Energie von vierzehn Kraftwerken mit jeweils .000 MW nur für die Rechenzentren, das schrieb damals auch der Spiegel.

Mittlerweile ist alles Cloud-basiert und die Online-Fans sind da natürlich als erste drin, ist ja ein Muss. Immer dabei sein, das ist schon richtig zwanghaft geworden. Und dazu mit enormen Belastungen verbunden, bis 2020 wird sich der Strombedarf für die Fangemeinde verdoppeln, schrieb vor knapp einem Jahr Matthias Brake in Telepolis (). Mit einer jährlichen Wachstumsrate von 100 Prozent soll der mobile Datenverkehr im Jahr 2015 auf das 30-Fache steigen, prognostizierte letztes Jahr Cisco. Um so ungefähr 2 Tonnen Materialverbrauch gibt's ein Tablet, nicht zu vergessen, echte Onliner haben, brav konsumiert: ein Smartphone, ein Tablet, ein Notebook und einen stationären PC. Alles mit Kabel und Funk kontinuierlich an die "Heimat" angebunden, damit man nicht offline "rasend" wird.

Was tun?

Beim Medienkonsum der Kinder gehören die Eltern in die Pflicht genommen, das ist keine Frage. Aber dazu gehört auch, denen die Zeit und die Fähigkeit zurück zu geben, sich mit ihren Kindern zu unterhalten, mit dem Kind auch einmal in den Wald zu gehen und ohne iPad-Gedudel aus-zu-rasten und einfach zuzusehen, wie die Sonne unter den Horizont rutscht.

Also Arbeitsdruck wegnehmen, Konsumdruck wegnehmen und den Leuten einen ordentlichen Lohn und wenn sie in Not sind, eine menschenwürdige Sozialhilfe, zu gönnen. Und ja nicht den Leuten vorschreiben, daß zwanghaftes kontinuierliches Getatsche auf den Displays und überhaupt alle diese Gadgets der selbstverständliche Normalzustand wären, den man schleunigst herstellen müsse, denn sonst wäre man nicht dabei.

Aber kommen wir zu einer zweiten Frage. Und, das geht schon etwas direkter an unsere Online-Fans. Sie bräuchten sich ja auch nicht zwanghaft mit jedem neuen Gadget vollstopfen und ununterbrochen neue Emails und Nachrichten lesen und schreiben, um den anderen damit zu zeigen, wie wichtig man selbst ist. Sie müssen keine kleinen, mittleren oder großen Angeber und Aufmerksamkeitssüchtige sein.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Hochwertiger Kaffee und Espresso aus Costa Rica: Die Telepolis-Edition für unsere Leser

Anzeige
Anzeige

Auf der Suche nach Planet 9

Hinweise auf einen neunten Planeten am Rand des Sonnensystems

Die Bank sind wir Die verspielte Gesellschaft Das gekaufte Web
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.