Der menschliche Makel bei Wikipedia

11.09.2012

Der amerikanische Schriftsteller Philip Roth streitet sich mit der Online-Enzyklopädie über das Vorbild für eine seiner Romanfiguren

Welchen Einfluss hat eine Person auf einen sie betreffenden Wikipedia-Eintrag? Was kann sie erreichen, wenn dort, nach Auffassung der Person, eine falsche Behauptung steht? Wie viel zählt ihr Einspruch und die von ihr vorgelegten Belege für eine Richtigstellung?

Im Fall des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth genügte die mit dem Gewicht der persönlichen Glaubwürdigkeit gestützte Bitte um eine Änderung des Wikipedia-Eintrages zunächst nicht. Dies beklagte der weltweite bekannte Autor in einem offenen Brief, der im Magazin The New Yorker ( "das intellektuellste Stadtmagazin der Welt", Wikipedia) erschien. Seither wurde der Eintrag über sein Buch "Der menschliche Makel" nochmals korrigiert.

Roth keine glaubhafte Quelle in eigener Sache?

Anscheinend blieb auch die Bitte des Autors, übermittelt durch einen Brief seines Agenten, schon zuvor nicht gänzlich unberücksichtigt. Doch nicht zur Zufriedenheit des Schriftstellers. Der Wortlaut zum strittigen Punkt - die Inspirationsquelle für die Hauptfigur des Romans - sei geändert worden, so Roth, aber die falsche Behauptung über das Vorbild seines Hauptcharakters sei noch immer zu lesen ("this falsity still stands"). Weswegen ihm, nachdem die gewünschte Korrektur über die üblichen Kanäle nicht funktionierte, kein anderer Weg mehr einfalle als der, einen offenen Brief zu schreiben.

Anlass für den offenen Brief, so Roth, sei die Antwort des "English Wikipedia Administrator" auf das Schreiben seines Agenten mit der Bitte um Änderung des Eintrages. Diese Antwort versteht Roth so, dass aus ihr hervorgehe, dass er, Roth, "keine glaubhafte Quelle" in der Sache sei. Zwar räumt der Wikipedia-Administrator, so wie er vom Schriftsteller zitiert wird, ein, dass er die Ansicht verstehe, wonach der Autor die größte Kompetenz über seine eigene Arbeit habe, "aber wir verlangen Quellenangaben von Dritten".

Das ist im Prinzip bei Darstellungen nachvollziehbar, bei denen es um literarische Auslegungen geht. Eine alleingültige Auslegung gibt es in der Literatur bekanntlich nicht, auch nicht vom Autor. Nur geht es in diesem Fall darum, wie Roth auf seine Hauptfigur gekommen ist, nicht wie diese zu interpretieren wäre, und das weiß wohl der Autor am Genauesten. So erscheint das Festhalten am Kriterium der "secondary sources" wie Prinzipienreiterei, die auf ihrer hohen Warte beharrt.

Politische Correctness als Dreh-und Angelpunkt

Roth gibt sich erstaunlich ausgiebig Mühe, in seinem Brief genau darzulegen, weshalb die Behauptung falsch sei, die Figur des Professors Coleman Silk in "The Human Stain (Der menschliche Makel)" hätte das Leben des Literaturkritikers Anatole Broyard als inspirierendes Vorbild.

Beide, die literarische Figur Silk wie der 1990 verstorbene Broyard, teilen eine biografische Besonderheit: Sie sind schwarzer Herkunft, haben diese Identität allerdings lange Zeit geheimgehalten, was im Amerikanischen mit "passing" bezeichnet wird. Im Roman "Der menschlichen Makel" verleiht die Enthüllung der Herkunft des Helden der Geschichte eine überraschende Pointe.

Denn er hat die politische Correctness im Amerika Mitte der 1980er Jahre als Dreh-und Angelpunkt. Es geht darin um eine Bemerkung des Professors Silk, deren Wirkung dessen Leben mit einem Schlag verändert: Bei der Anwesenheitskontrolle seiner Studenten entdeckt Silk, dass zwei Studenten noch keine einzige Stunde seines bereits fortgeschrittenen Seminars besucht haben, weswegen er die Seminarbesucher danach fragt, ob jemand die beiden kenne, ob sie denn überhaupt existieren oder nur Gespenster seien. Was im Deutschen harmlos klingt, hat im Amerkanischen eine Doppelbedeutung.

"Spooks"

Die Frage heißt im Original "Do they exist or are they spooks?" "Spooks" ist ein diskriminierender Ausdruck für "Schwarze", gesprochenes Gift, so Roth, milder als "Nigger", aber nichtsdestoweniger mit der Absicht der Herabsetzung aufgeladen. Die Hauptfigur räumt wegen des Skandals, der sich aufgrund dieser Äußerung entwickelt - die beiden abwesenden Studenten sind schwarzer Hauptfarbe - seinen Posten.

Wie Roth in seinem Brief ausführt, ist diese Episode der Kern seines Romans ("There is no novel without it"). Sie beruhe auf einer wirklichen Begebenheit, die einem Freund, einem Professor in Princeton, widerfahren ist. Der hatte wortwörtlich dasselbe geäußert und habe sich in der Folge leid-und mühevoll erklären und rechtfertigen müssen. Anders als die Romanfigur wurde der echte Professor allerdings nicht entlassen. Das Leben hatte der Geschichte eine eigene Ironie zugefügt. Der wirkliche Professor war ein landesweit bekannter und anerkannter specialist in race relations.

Geht es nach Roth so besteht die Ironie in seinem Roman darin, dass nicht das lebenslang gehütete biografische Geheimnis der Hauptfigur, die deren demütigenden Niedergang verursacht, sondern ein Wort: "spooks".

Ob Leser mit dieser vom Autor beabsichtigten Lesart übereinstimmen müssen, darüber lässt sich streiten. Doch zeigt Roth ausführlich und plausibel, dass sein Held einiges, vor allem die Schlüsselepisode, aus dem Leben eines realen Professors entnommen hat und nichts aus dem Leben des Literaturkritikers Broyard, außer der Verschleierung der schwarzen Herkunft, dem Passing, ein Schicksal, wie Roth korrekt hinweist, dass einige Tausend Amerikaner in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Coleman Silk und Anatole Broyard teilten.

Am 9.September, nach Erscheinen des offenen Briefs, wurden einige Veränderungen im englischen Wikipedia-Eintrag zu The Human Stain vorgenommen. Ob Roth sich damit einverstanden erklärt, ist noch nicht bekannt.

Roth was motivated to explain the inspiration for the book after noticing what he referred to as a "serious misstatement" in the Wikipedia entry on The Human Stain, which "mentioned, in passing" that the book was "allegedly inspired by the life of the writer Anatole Broyard". Literary critics, such as Michiko Kakutani, Janet Maslin, Lorrie Moore, Charles Taylor, Touré, and Brent Staples, have made comparisons between character Coleman Silk and Broyard. Roth has said that this speculation is false. In 2008, he explained that he had not learned about Broyard's ancestry until after starting to write the novel.

The Human Stain, Wikipedia
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